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Schwerstarbeit in der verseuchten Zone: Auf dem ghanaischen Schrottplatz Agbogbloshie setzen Männer täglich ihre Gesundheit aufs Spiel

Von Die einen bezeichnen Agbogbloshie als „Müllkippe Europas“, die anderen sogar als „Vorhof der Hölle“. Auf dem Schrottplatz der ghanaischen Hauptstadt Accra wird Elektroschrott ohne Rücksicht auf die Umwelt oder die Gesundheit der Arbeiter zerlegt – mit verheerenden Folgen.
Zwischen Bergen von Elektroschrott schrauben drei Männer alte Geräte auseinander – auf der Suche nach verwertbarem Material. Bilder > Foto: Thomas Imo/photothek.net (Thomas Imo/photothek.net) Zwischen Bergen von Elektroschrott schrauben drei Männer alte Geräte auseinander – auf der Suche nach verwertbarem Material.
Frankfurt. 

Das fußballgroße Kabelknäuel brennt lichterloh. Pechschwarze Rauchwolken steigen auf, der beißende Geruch von verbranntem Kunststoff hängt in der Luft. Karim stochert mit einer langen Metallstange in dem Feuerball herum. Auf der Stirn des 15 Jahre alten Ghanaers stehen Schweißperlen. Als die Ummantelung der Kabel weggebrannt und nur noch deren Metallkern übrig ist, hievt Karim das Knäuel hoch und taucht es in eine schmutzige Wasserpfütze. Es zischt, es dampft – das Altmetall ist zum Weiterverkauf bereit.

Karim arbeitet seit seinem neunten Lebensjahr als „Burner“ („Verbrenner“) auf dem Schrottplatz Agbogbloshie. Auf dem gigantischen Gelände, das einer Stadt aus Baracken und Müllbergen gleicht, wird Elektroschrott zerlegt – mit dem Ziel, Wertstoffe zum Weiterverkauf zu gewinnen. Als „Müllkippe Europas“ wird Agbogbloshie mitunter bezeichnet. Einige der Handys, Computer und Haushaltsgeräte dürften zwar tatsächlich aus Europa stammen, die meisten kommen aber aus Ghana und vor allem der Hauptstadt Accra, an deren Rand der Schrottplatz liegt.

Berge von Handys

Bei Agbogbloshie an den sprichwörtlichen „Vorhof der Hölle“ zu denken, liegt nahe. In sengender Hitze wird dort verbrannt, gehämmert und geschraubt. Im Schatten eines Lasters sitzt ein junger Mann vor Bergen ausrangierter Handys und knibbelt die Platinen heraus, ein Stück weiter baut ein anderer die Kompressoren aus alten Kühlschränken. Es wimmelt von Karren und Lkw, die ganze Geräte in die Schrottstadt hinein und die Einzelteile wieder hinaus bringen.

Umweltschützern und Arbeitsmedizinern muss in Agbogbloshie das kalte Grauen kommen: Eine besondere Entsorgung für die überall freigesetzten Schwermetalle wie Blei, Quecksilber und Chrom gibt es nicht, bei Regen gelangen diese einfach in den Boden, das Grundwasser und das Meer. Auch um die Schadstoffe, die bei der Kunststoffverbrennung entstehen oder die ozonschädlichen FCKW aus den Kühlgeräten schert sich in Ghana niemand. Agbogbloshie gilt längst als einer der am stärksten verseuchten Orte der Welt.

Die Arbeiter – oft Jugendliche mit geringer Schulbildung – sind den gesundheitsschädlichen Stoffen schutzlos ausgeliefert. Nicht einmal die „Burner“ setzen bei ihrer Arbeit einen Mundschutz auf. Hochschulen in Aachen und Accra wollen die gesundheitlichen Belastungen der Arbeiter und Anwohner von Agbogbloshie wissenschaftlich belegen, erste Blut- und Urinuntersuchungen gab es bereits.

Station für die Gesundheit

Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt das Projekt, das auf Arbeitsschutzmaßnahmen für die Schrottsammler, Zerleger und Sortierer abzielt. Von 2016 bis 2018 investieren das Bundesentwicklungsministerium und das Land Nordrhein-Westfalen dafür insgesamt mehr als 614 000 Euro. Mit dem Geld soll unter anderem eine Gesundheitsstation in Agbogbloshie aufgebaut werden.

Die Mitarbeiter sollen die Erstversorgung bei Unfällen und Krankheiten übernehmen und über vorbeugende Arbeitsschutzmaßnahmen aufklären. „Ein Problem ist zum Beispiel, dass die Arbeiter oft den ganzen Tag in der Hitze arbeiten, aber kaum etwas trinken“, sagt GIZ-Mitarbeiter Michael Funcke-Bartz. „Da sind Nierenprobleme vorprogrammiert.“ Die Gesundheitsstation soll Anlaufstelle für alle medizinische Fragen sein. „Und überhaupt erst einmal für Gefahren sensibilisieren.“

(chc)
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