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Frankfurt historisch: Auf den Spuren der Brentanos

Viele Wege führen zu den Brentanos. Ein Rundgang mit 16 Frankfurter Stationen gehört ebenso dazu wie zahlreiche Fachpublikationen. Nun wurde die 1873 erschienene erste Doppelbiografie zu Clemens und Bettina Brentano neu verlegt.
Prof. Wolfgang Bunzel, Brentano-Abteilungsleiter im Goethe-Haus, und Verlegerin Cristina Henrich-Kalveram präsentieren im Karmeliterkloster die Doppelbiografie. Foto: Rainer Rüffer Prof. Wolfgang Bunzel, Brentano-Abteilungsleiter im Goethe-Haus, und Verlegerin Cristina Henrich-Kalveram präsentieren im Karmeliterkloster die Doppelbiografie.
Innenstadt. 

Wer sich auf die „Via Brentano“ durch die Innenstadt Richtung Wallanlagen und Petrihaus in Rödelheim begibt, gelangt recht bald auch zum Goethe-Haus und -Museum. Dort sind die Geschwister Brentano, die die Romantik im frühen 19. Jahrhundert maßgeblich prägten, zahlreich vertreten: Clemens als Büste eines schönen Jünglings und Frauenschwarms, Bettina als gelocktes Mädchen voller Tatendrang, aber auch als alte und gereifte Dame.

Das Gemälde zeigt Bettina von Arnim (1785-1859). Bild-Zoom Foto: Rainer Rüffer
Das Gemälde zeigt Bettina von Arnim (1785-1859).

Wer auf den Spuren der Brentanos wandelt, fragt sich unweigerlich, welche Lebensgeschichten dahinter stecken. Diese Frage stellte sich auch der Dichter Wolfgang Müller von Königswinter, der für die Romantik schwärmte und die verheiratete Bettina von Arnim sogar persönlich in Berlin kennenlernte. „Er setzte ihre Briefe und Romane wie Fundstücke mit eigenen fiktiven Szenen zusammen, um sich dem Leben des Geschwisterpaars erstmals über eine Doppelbiographie anzunähern“, erklärt Wolfgang Bunzel, Leiter der Brentanoabteilung des Freien Deutschen Hochstifts. Zunächst erschien diese Biografie als Fortsetzungsroman in der „Deutschen Romanbibliothek“ (Beilage „Über Land und Meer“), 1913 als eigenes Buch mit dem Titel „Das Haus der Brentano“.

Unterhaltsam

Anders als die im Januar erschienene Biografie „Die Brentanos. Eine romantische Familie“, die die Romantik und die romantischen Dichter aus wissenschaftlicher Sicht hinterfragt, nähert sich Müller von Königswinter, der zunächst Chirurg und sogar Mitglied des Vorparlaments in der Paulskirche war, dem Umfeld der im 17. Jahrhundert eingewanderten italienischen Kaufmannsfamilie auf unterhaltsame Weise: „In Frankfurt am Main liegt ein großes Haus, das seit alten Zeiten ,Zum Goldenen Kopf’ genannt wird“, heißt es passend dazu in der Einleitung zum dritten Kapitel, das sich eigens mit der Beschreibung des Stammhauses wenige Meter vom Goethe-Haus entfernt beschäftigt.

Dorthin nimmt die etwas ungestüme Bettina ihre neue Freundin mit, das sittsame Stiftsfräulein Karoline von Günderode. „Es ist gar nicht so übel im Goldenen Kopf“, spricht Bettina munter und macht sie mit den „Insassen“ bekannt: Den „vornehmen und besten“ Brüdern Franz und Georg, die sich um das Geschäft kümmern, und den Geschwistern Lulu, Meline und Christian. Clemens freilich weilt in Rüdesheim, wo er sich in eine wunderschöne Wirtstochter verliebt hat.

Die Büste von Clemens Brentano (1778-1842). Bild-Zoom Foto: Rainer Rüffer
Die Büste von Clemens Brentano (1778-1842).

Die Beschreibung des Hauses „Zum Goldenen Kopf“ als Kaufmannssitz mit stattlicher Bürgerwohnung ist umso wertvoller, da besagtes Anwesen nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg anders als das Goethe-Haus nicht wieder aufgebaut wurde. An seiner Stelle steht heute ein bereits denkmalgeschütztes Parkhaus aus den 1950er Jahren, dass die Initiatoren der „Via Brentano“ gleich zum Beginn des Rundgangs vor eine Herausforderung stellte: So entschied man sich 2012 für eine Führung aus der Sicht der Promenadologie, der Spaziergangswissenschaft mit den Führern Bertram Weisshaar und Nora Jokosha, die auch in modernen Zweckbauten durchaus eine romantische Spannung zulässt.

„Die Doppelbiographie und der Rundgang ergänzen sich sinnvoll, aber sie sind nicht deckungsgleich“, sagt Bunzel. So erzählt etwa die Biografie, dass Bettina regelmäßig ins Karmeliterkloster ging, wo ihre Großeltern begraben lagen, um dort bei einem Totenamt stille Andacht zu halten. Der Rundgang hebt dafür den Kreuzgang des Klosters mit den beeindruckenden Wandmalereien von Jörg Ratgeb als Oase der Ruhe in der hektischen Großstadt hervor – und fragt, ob die umtriebige Bettina hier nicht durch einige stille Runden zur Ruhe hätte kommen können.

Ende der Romantik

Auch Clemens wird als umtriebiger Frauenheld noch manches Abenteuer erleben, bis er Sophie Mereau und nach deren Tod im Kindsbett Auguste Bußmann heiratet. Seinen Freund Achim von Arnim wird er zunächst zügeln, ehe dieser Bettina ehelicht. Der Leser erlebt die Entstehung der Liedsammlung „Des Knaben Wunderhorn“ von Brentano und Bettina von Arnims „Tagebuch“ und „Die Günderode“, aber auch, wie die Romantik nach Clemens Brentanos Tod „zu Grabe getragen wird“.

Im Goethe-Haus sind Erinnerungsstücke und persönliche Gegenstände der Familie Brentano zu finden. Bild-Zoom Foto: Rainer Rüffer
Im Goethe-Haus sind Erinnerungsstücke und persönliche Gegenstände der Familie Brentano zu finden.

„In den 1870er Jahren war die Romantik in der Literatur passé, die Doppelbiografie will ihr zu neuer Bedeutung verhelfen“, stellt Bunzel fest. Er wünscht sich, die „Via Brentano“ auch auf die Wirkungsstätten der Geschwister im Rhein-Main-Gebiet auszuweiten. „Immerhin war Müller von Königswinter durch die Heirat seiner Tochter mit dem Urenkel von Klemens und Bettina postum mit der Familie verwandt.“

Informationen

„Das Haus der Brentano“ ist bei Henrich Editionen für 14,95 Euro erschienen.

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