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Gerichtsprozess: Auschwitz-Akten werden Welterbe

Von Auschwitz steht wie kein anderes Lager für die Gräuel der Nazi-Tötungsmaschinerie. Die Akten und Tondokumente des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses von 1963 / 64 werden jetzt zum Bestandteil des Unesco-Weltdokumentenerbes erklärt.
Am 20. Dezember 1963 wurde der erste Auschwitzprozess im Plenarsaal der Stadtverordnetenversammlung im Römer eröffnet. Das Bild zeigt die Reihe der Angeklagten mit ihren Verteidigern und Bewachern. In der ersten Reihe sitzt der Angeklagte Victor Capesius (mit dunkler Brille), hinter ihm steht der Angeklagte Oswald Kaduk. Foto: Roland Witschel (dpa) Am 20. Dezember 1963 wurde der erste Auschwitzprozess im Plenarsaal der Stadtverordnetenversammlung im Römer eröffnet. Das Bild zeigt die Reihe der Angeklagten mit ihren Verteidigern und Bewachern. In der ersten Reihe sitzt der Angeklagte Victor Capesius (mit dunkler Brille), hinter ihm steht der Angeklagte Oswald Kaduk.
Frankfurt. 

Die Unesco (englisch United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization, deutsch Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) hat die Prozessunterlagen zum 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess in ihr Weltregister „Memory of the World“ aufgenommen. Insgesamt 454 Aktenbände sowie Tonbandmitschnitte der Zeugenaussagen mit einer Gesamtspieldauer von 430 Stunden dokumentieren ein Verfahren, das eine Zäsur in der juristischen Aufarbeitung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen in Deutschland darstellt: 22 Personen wurden damals für ihre Verbrechen im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz angeklagt. Im Haus Gallus, wo ab dem 3. April 1964 der am 20. Dezember 1963 im Plenarsaal des Römers begonnene Prozess fortgeführt wurde, nimmt der hessische Wissenschafts- und Kunstminister Boris Rhein (CDU) bei einem Festakt am Mittwoch die Unesco-Urkunde entgegen.

Der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess

Der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess begann am 20. Dezember 1963 im Plenarsaal des Stadtparlaments im Römer gegen SS-Angehörige aus dem Vernichtungslager Auschwitz.

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Verfügbarkeit sichern

Der Eingang der Prozessakten in das Weltdokumentenerbe ist ein Signal: Die Akten gehören fortan zum „Gedächtnis der Welt“ – in das seit 1997 viele hundert ganz unterschiedliche Dokumente aufgenommen wurden, etwa Partituren großer Komponisten, mittelalterliche Codices, Kortanmanuskripte aus der Ägyptischen Nationalbibliothek oder etwa die Logbücher des britischen Entdeckers James Cook, die in Australien verwahrt werden. Das Weltdokumentenerbe dient dazu, den freien Zugang zu diesen Dokumenten zu sichern. Die Aufnahme in das „Gedächtnis der Menschheit“ ist mit keiner finanziellen Zuwendung verbunden, sondern soll als Auszeichnung verstanden werden: Mit der Annahme der Unesco-Urkunde verpflichtet sich das Heimatland eines Dokuments, für dessen „Erhaltung und Verfügbarkeit“ zu sorgen.

Die Länder selbst beantragen die Aufnahme, wie auch bei anderen Welterbe-Programmen der Unesco, etwa dem „Weltkulturerbe“. Jeder Staat kann alle zwei Jahre bis zu zwei Dokumente für einen neuen Eintrag in die Liste nominieren, in der Deutschland bislang unter anderem mit Beethovens Symphonie Nr. 9, dem literarischen Nachlass Goethes, der Waldseemüller-Weltkarte von 1507, dem Handexemplar der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen oder auch der Goldenen Bulle vertreten ist. Über die Aufnahme entscheidet ein internationales Beratergremium. Aktuell umfasst die Liste des Weltdokumentenerbes 427 Einträge.

Die Akten und Tonbandaufnahmen des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses hat die Unesco schon Ende Oktober in Paris offiziell als Weltdokumentenerbe ausgezeichnet; jetzt erfolgt die Übergabe der Urkunde. „Die Anerkennung unterstreicht die einzigartige historische und gesellschaftliche Bedeutung der Unterlagen für die Nachkriegsgeschichte und Erinnerungskultur Deutschlands“, sagte damals Wissenschaftsminister Rhein. Der 1963 bis 1965 verhandelte Prozess gilt als entscheidend für die kritische Auseinandersetzung Nachkriegsdeutschlands mit dem Nationalsozialismus (siehe auch nebenstehenden Text).

Die Prozessunterlagen umfassen 456 Aktenbände mit rund 52 000 Seiten und werden im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden bei konstanten 18 Grad Celsius aufbewahrt, damit das Papier keinen Schaden nimmt. Sie dokumentieren das gesamte Verfahren, das Ende Dezember 1963 im Plenarsaal der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung begann und ab April 1964 im Haus Gallus an der Frankenallee fortgesetzt wurde. Als Besonderheit gelten die 103 Tonbänder mit Mitschnitten der Aussagen von 319 Zeugen.

Keinen Schlussstrich

Die Aufnahme der Auschwitz-Prozessakten ins Weltdokumentenerbe unterstreiche „die Bedeutung der Dokumente für unsere Geschichte und ermahnt uns, wachsam zu sein und uns denen entgegenzustellen, die diese Verbrechen leugnen, verharmlosen oder gar einen Schlussstrich ziehen wollen“, sagt Martina Feldmayer, kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Wiesbadener Landtag.

Die Akten dokumentieren nichts Schönes, Gutes, Wahres, sondern die Verbrechen an der Menschheit von NS-Schergen, die im Haus Gallus ihre Schuld weder eingestanden noch Reue zeigten. Mit der Auszeichnung werden die Akten digital über die Server der Unesco ins Internet gestellt, damit sie weltweit jedem zugänglich sind. Besonders wichtige Dokumente werden in die englische Sprache übersetzt, um sie international verständlich zu präsentieren. Der größte Teil der Akten war schon bislang im Netz: über die Server des Hauptstaatsarchivs. Die Tonbandaufnahmen wurden vom Fritz-Bauer-Institut digitalisiert und ins Netz gestellt.

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