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Verwahrloste Bettlerbehausung im Gutleutviertel: Baby aus Hüttenlager gerettet

Von Noch stehen die verwahrlosten Bretterhütten an der Gutleutstraße. Die Bewohner fürchten die Räumung. Das Baby einer Mutter wurde indes aus dem Hüttenlager nach der Geburt in ein Heim gebracht.
Vor den Hütten haben die Bewohner gestern viel Müll weggeräumt, wenn möglich, soll er mit einem Container abtransportiert werden. Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA Vor den Hütten haben die Bewohner gestern viel Müll weggeräumt, wenn möglich, soll er mit einem Container abtransportiert werden.
Frankfurt. 

Mit einer großen Aufräumaktion versuchen die Bewohner der Bretterbuden an der Gutleutstraße ihr elendes, aber einziges Quartier zu schützen. Den ganzen Freitag über haben sie von der Brache Unrat weggeschafft, wollen auch noch einen großen Container kommen lassen, um noch mehr alte Matratzen, Decken, Säcke und Hausmüll loszuwerden. Damit wenigstens das Argument, von dem illegalen Quartier ginge wegen der Vermüllung eine Gefahr für die Allgemeinheit aus, nicht mehr zieht – und damit kein Grund für eine Räumung vorliegt.

Ordnungsamt und Polizei gaben gestern beide an, dass sie aktuell keine Anweisung hätten, auf dem Privatgelände einzugreifen.

Bilderstrecke Bettler hausen auf Grundstück im Gutleutviertel
Schon einmal war das Grundstück in der Frankfurter Gutleutstraße von Bettlern und Tagelöhnern bewohnt. Vor zwei Jahren wurde es geräumt, weil die Zustände unsäglich waren. Nun haben erneut Menschen - Männern, die zum Teil mit ihren Frauen kamen - dort ihre Hütten errichtet.Peter Postleb, ehemaliger Leiter der Stabsstelle "Sauberes Frankfurt" und inzwischen Sicherheitsberater, vor dem Gelände. Neben den hygienischen Mängeln weist er auf bestehende Gefahren hin, wie etwa eine tiefe Müllgrube.Keines der Frankfurter Ämter sieht eine Zuständigkeit bei sich für die Beendigung der Verhältnisse.

In den Buden aus Folien, Teppichen und den Seitenwänden alter Schlafzimmerschränke wohnt auch eine junge Frau, die vor vier Wochen ein Kind auf die Welt gebracht hat. Deren wirtschaftliche Not aber so groß ist, dass sie nicht mit ihm zusammenleben darf. Die 29-Jährige hat ihre siebtes Kind, einen kleinen Jungen, vor vier Wochen in der Uniklinik geboren. Fünf Tage konnten Mutter und Kind dort zusammen sein, danach gab das Jugendamt den Säugling in die Obhut eines Kinderheims.

Stundenweise Mutter

Tag für Tag fährt Florina, die schon seit zweieinhalb Jahren in Frankfurt und die meiste Zeit auf der Brache an der Gutleutstraße lebt, zu ihrem Kind. Ihre fünf älteren Kinder leben bei ihrer Familie in Rumänien. Das sechste, das schon in Frankfurt geboren ist, hat das Jugendamt einer Pflegefamilie anvertraut. Die Mutter hat es schon länger nicht gesehen. Umso größer ist ihre Angst, dass man sie auch von ihrem kleinsten Sohn auf Dauer trennt. Weil sie keine Wohnung hat, kein Einkommen außer dem, was sie mit Flaschensammeln und dem Verkauf von Altkleidern auf dem Flohmarkt zusammenbringt, aber auch keine Unterstützung vom Sozialamt bekommt. Und dort wie im Jugendamt auch nur schlecht etwas erreichen kann, weil sie kaum Deutsch spricht.

Früh bricht sie auf, bis zwei, drei Uhr am Nachmittag bleibt sie bei ihrem Kleinen. „Dann komme ich hierher und weine.“ Natürlich weiß sie, dass sie in so einer Hütte ohne Strom und Wasser nicht mit einem Baby leben kann. Vor dieser Gefahr wollte das Frankfurter Jugendamt das Kind schützen, hat es der Mutter deshalb vorübergehend weggenommen. „Wir planen, Mutter und Kind zu unterstützen“, erklärte Inge Büttner, im Jugend- und Sozialamt zuständig für den Fachbereich Jugend. Details darf sie nicht nennen, aber dass ein Platz in einem Mutter-und-Kind-Heim eine Lösung wäre, streitet sie nicht ab. Ob und wann es ihn gebe, kann sie nicht sagen. Florina sagt, sie habe sich auch selbst um eine Bleibe bemüht. „Ich könnte in ein Hotelzimmer ziehen, aber das Jugendamt sagt, das hilft auch nicht“, lässt sie übersetzen.

Druck statt Hilfe

Dann solle man ihr eben eine kleine Wohnung geben, wo sie mit ihren Kindern leben kann, fordert Joachim Brenner vom Förderverein Roma, der die Bewohner von der Brache alle aus der Beratungsstelle des Vereins kennt. Anstatt sie zu schützen und den Familien die notwendige Hilfe zukommen zu lassen, würden „die betroffenen Mütter durch den Kindesentzug aufs Äußerste unter Druck gesetzt und traumatisiert“, wetterte er gestern anlässlich des Welt-Roma-Tags am 8. April. Die Stadt sollte die Mutter stattdessen in die Lage versetzen, dass sie mit ihren Kindern leben könne. Das Schicksal von Florina sei kein Einzelfall, er kenne solche Geschichten aus vielen deutschen Städten.

Aber die Rumänin und ihre Nachbarn aus den Bretterhütten steckten in einem Teufelskreis: Weil sie als EU-Bürger keinen Anspruch auf öffentliche Hilfen hätten, bleibe ihnen nur das Leben auf der Straße. Aber egal, wo sie dort stoppten, würden sie früher oder später wieder vertrieben.

Davor haben die gut 20 Bewohner an der Gutleutstraße Angst. Besorgt schauen sie auf alle, die nun neugierig durch die Schlupflöcher aufs Grundstück kommen: Stadtpolizei, Jugendamt, Journalisten. . . Seit bekannt ist, dass die Brache wieder bewohnt wird, ist es unruhig geworden in der kleinen Siedlung. Die ein Slum ist, aber besser als alles, was die Bewohner verlassen haben: „In Rumänien haben wir nichts, keine Arbeit, kein Essen, keine Kleidung“, erzählt eine Frau, Mutter und mehrfache Großmutter. Sie lebt schon seit Jahren in der Stadt. „Auf der Straße ist es kalt, hier haben wir wenigstens Schutz.“

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