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Stadtteil-Serie (17): Bahnhofsviertel: Junkies, Hipster und Zitronenbäume

Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist einer der verrufensten Stadtteile Deutschlands. Und: Es ist im Wandel begriffen. Neben Junkies und Sexshops sind längst auch Hipster und Szenebars im Viertel angekommen. FNP-Reporter Ben Kilb hat sich vor Ort umgesehen.

Ein kosmopolitisches Quartier


Kaum ein Ort polarisiert die Menschen in Hessen, ja, vielleicht sogar in ganz Deutschland mehr als das Frankfurter Bahnhofsviertel. Der Stadtteil ist geprägt von Ankünften und Abschieden, vorbildlichem Miteinander und menschlichen Abgründen, von Wandel und Stillstand. Das Gros der Besucher betritt die Stadt zuerst am Hauptbahnhof. Wer das Nachtleben sucht, muss das Quartier nicht verlassen, findet er hier doch einige der besten Restaurants, Bars und Clubs der Stadt – und das Rotlichtviertel, das dem Bahnhofsviertel zu seinem Ruf verhalf.

Doch in den letzten Jahren ist ein Wandel zu bemerken: Kreative und Besserverdiener haben sich niedergelassen und den Leumund des Quartiers verbessert, aber gleichzeitig die Mieten nach oben getrieben. Dennoch ist hier oft genug Endstation für Gescheiterte. Seit den 1980er-Jahren ist der Stadtteil einer der europäischen Drogen-Hotspots. Bis in die 1990er-Jahre kämpfte die Stadt gegen den Heroin-Konsum und wurde Herr der Lage mit der Entkriminalisierung von Süchtigen, der Ausgabe von Methadon, sauberen Nadeln und Druckräumen. Inzwischen hält jedoch die Droge Crack-Kokain das Viertel in Atem: Nirgendwo sonst in Deutschland finden sich mehr Crack-Süchtige. Bislang setzt die Stadt auf starke Polizeipräsenz.

Auch Prostitution, Obdachlosigkeit und Bettelei sind hier präsenter als anderswo in der Bankenstadt. Diese Faktoren machen das Quartier zum „heißen Pflaster“, dennoch geht es meist friedlich zu. Das zeigt das tolerante Miteinander der Weltreligionen und Menschen aus über 180 Nationen.

Trotz des kosmopolitischen Flairs ist das Viertel nach der Altstadt der zweitkleinste Stadtteil in der größten Stadt Hessens. Knapp 4000 Menschen leben auf gerade einmal einem halben Quadratkilometer Fläche. Entstanden ist der Stadtteil erst mit dem Bau des Hauptbahnhofs Ende des 19. Jahrhunderts. Zwischen der bereits existierenden Gutleutstraße und der Mainzer Landstraße wurden Boulevards wie die Kaiserstraße, die Niddastraße, die Taunusstraße und die Münchener Straße gebaut. Viele der prächtigen Gründerzeitgebäude prägen das Viertel bis heute.

Fast komplett verschwunden ist das Pelzgewerbe, das bis vor ein paar Jahrzehnten vor allem rund um die Niddastraße das Quartier dominierte. Mit dem umstrittenen Gewerbe verdient höchstens noch eine Handvoll Menschen Geld.

Doch das Frankfurter Bahnhofsviertel hat in seiner noch jungen Historie bereits mehrmals gelernt, sich neu zu erfinden und den Mikrokosmos innerstädtischer Herausforderungen zu meistern. Zahlreiche engagierte Menschen aus dem Quartier helfen dabei – weil sie wissen, dass nur das Bahnhofsviertel Frankfurt zu einer echten Metropole.

Der Hauptbahnhof


Rund 450 000 Reisende verkehren hier täglich – das macht den Frankfurter Hauptbahnhof zu dem am zweitmeisten frequentierten Bahnhof Deutschlands. Doch gilt er als wichtigste Drehscheibe im deutschen Zugverkehr. Das Bahnhofsviertel, seine Straßen und Gründerzeitgebäude entstanden erst nach der Einweihung des Bahnhofes im Jahr 1888. Das Gebäude wurde in nur fünf Jahren errichtet, es sollte ursprünglich 300 Meter weiter östlich vom heutigen Standort entstehen. In den kommenden Jahren sollen der Zugang von der B-Ebene und der Bahnhofsvorplatz für Hunderte Millionen Euro umgebaut werden.

Die Drogensüchtigen und die Dealer


Während in den 80er-Jahren Heroin im Bahnhofsviertel „tonangebend“ war, dominiert dort heute Crack-Kokain die Szene. Seit einigen Wochen kümmert sich die Drogenhilfe verstärkt um diese Abhängigen. Zwei Sozialarbeiter halten sich sogar nachts in der Elbestraße auf. Während sich die Zahl der Heroin-Toten einst mit dem „Frankfurter Weg“ reduzieren ließ, also mit der Ausgabe von Methadon, sauberen Nadeln und der Einrichtung von Druckräumen, muss sie im Fall von Crack andere Wege bestreiten. Und die Süchtigen konsumieren längst nicht mehr nur eine Droge,
sondern mehrere.

Internationaler geht's kaum


Straßenszene in der Münchener Straße: Hier finden sich zahlreiche Läden und Restaurants, die Menschen aus der Türkei, dem Nahen Osten oder Asien führen. Kaum ein anderer Ort in Frankfurt bringt den multikulturellen Charakter der Stadt mehr zum Ausdruck. Trotz der Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg und trotz mangelhafter Sanierung in den 1960/70er-Jahren konnte die gründerzeitlich-historistische Bebauung großteils bewahrt werden. Die Münchener konnte wie das ganze Bahnhofsviertel nur entstehen, weil die einstmals dort gelegenen Westbahnhöfe vor dem Bau des Frankfurter Hauptbahnhofs verschwanden.

Südländisches Flair im Nizza


Auch im Bahnhofsviertel findet sich ein kleines Stück Glück, respektive Mainufer: Die Grünanlage namens Nizza mit dem   Restaurant „Main Nizza“ gehören zu den beliebtesten Ausflugszielen der verkehrslärmgeplagten Bahnhofsviertel-Bewohner gerade im Sommer. Palmen, Feigen- und Zitronenbäume sowie andere südländische Pflanzen gedeihen hier. Sie   verdanken dies der Südlage, dem Windschatten der Kaimauern und der vom Fluss reflektierten Sonneneinstrahlung: das schafft ein mediterranes Mikroklima. Die etwa vier Hektar große Anlage ist einer der größten südländischen, öffentlich zugänglichen Gärten nördlich der Alpen.

Oskar Mahler kennt seinen Kiez


Oskar Mahler liest vorm Restaurant „Bacco“ in der Kaiserstraße. Mahler    kennt sich im Viertel aus wie kein Zweiter. Er hat in San Francisco, London und Belfast gewohnt, sein Revier ist jedoch der „Kiez“. Er ist zudem Chronist der Stadtteils, arbeitet als Bildhauer, führt Fremde durchs Viertel und hat öffentliche Fastenbrechen organisiert, um das kulturelle und religiöse Miteinander zu fördern. Tausende Menschen, und nicht nur Muslime, nahmen daran teil. Im Jahr 2005 hat er das Hammermuseum in einem alteingesessenen Schuster-Laden        in der Münchener Straße 36 eröffnet. Eine große deutsche Tageszeitung zählte es alsbald zu den zwölf skurrilsten Museen der Welt.

Häufige Polizeikontrollen


Zwei Polizisten kontrollieren einen Mann, den sie verdächtigen, Drogen bei sich zu haben. Dealer vor allem aus dem Maghreb und Osteuropa versorgen Süchtige. Eine Sondereinheit konnte den Drogenhandel in den letzten Monaten eindämmen. Es gab 53 000 Personenkontrollen mit fast 27 000 Durchsuchungen und über 3700 Festnahmen. Gewerbetreibende fühlen sich dennoch von der Politik alleine gelassen; vor allem nachts müsse die Polizei präsenter sein.

Hip durch die Nacht


Szene vor der Bar „amp“ an der Gallusanlage. Vor allem in den letzten Jahren haben junge Menschen das Viertel und seine steigende Zahl an hippen Bars und Clubs für sich entdeckt. Wer sich nicht auskennt, dem hilft seit vier Jahren eine Smartphone-App dabei, alles zu erkunden. Nach dem „Plank“, dem „Club Michel“ und dem „Bella & Rosa“ ist das „amp“ bereits der vierte Laden, den der bekannte Frankfurter DJ und Club-Gründer Ata Macias im Bahnhofsviertel eröffnet hat.

Das Rotlichtviertel

Blick auf die Elbestraße, ihr Rotlichtviertel und dessen Laufhäuser. Im Jahr 1969 erhielt der Frankfurter Bauunternehmer Willi Schütz die Genehmigung zur Eröffnung des ersten Großbordells in der Elbestraße, einer Seitenstraße der Taunusstraße. Das Vorhaben wurde vom damaligen Frankfurter Polizeipräsidenten Gerhard Littmann unterstützt, der in der Schaffung eines Eros-Centers in City-Nähe die einzige Möglichkeit sah, den zahlreichen Beschwerden über „Gewerbsunzucht“ in den Wohngebieten Herr zu werden.

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