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Führungen finden doch statt – aber inoffiziell: Bahnhofsviertelnacht: Frauen erkunden ein Bordell

Kommenden Donnerstag wird das Bahnhofsviertel wieder zur Partymeile. Einblicke in das Rotlichtmilieu soll es dabei laut offiziellem Programm aber nicht geben. Die Stadt will als Veranstalter keine Werbung für Prostitution machen. Doch die gehöre nunmal zum Viertel, sagt Ulrich Mattner und lädt neugierige Frauen dennoch zu seinen Bordellführungen ein.
„Ganz normaler Job“: Tänzerin in einer Animierbar im Bahnhofsviertel Foto: Rainer Rüffer (Rueffer) (Rainer Rüffer (Rueffer)) „Ganz normaler Job“: Tänzerin in einer Animierbar im Bahnhofsviertel
Frankfurt. 

Heruntergekommene Fassaden und blinkende Herzchen an den Türen sieht man im Bahnhofsviertel an einigen Ecken. Auf der Straße stehen junge Frauen in verschlissenen Billigpelzen und mit toupierten Haaren auf Stöckelschuhen und versuchen Männer anzulocken. Aktuell arbeiten rund 2000 Frauen und 800 Männer in Frankfurt als Prostituierte, die meisten davon im Bahnhofsviertel. Doch wenn am kommenden Donnerstag die Stadt zur diesjährigen Bahnhofsviertelnacht lädt, soll die Schmuddelbranche allenfalls in „Diskussionsrunden und Kurzvorträgen“ vorkommen. Einblicke hinter die Kulissen sind nicht erwünscht, zumindest nicht offiziell.

Auf Gabriellas Zimmer

Hinter der Fassade der Taunusstraße 26 wartet Gabriella in einem der 34 Zimmer. Sie ist eine der Prostituierten, mit denen Ulrich Mattner bei seinen Bordellführungen zusammenarbeitet. Der Fotograf und Journalist bietet seit sechs Jahren „Live-Reportagen“ an, so beschreibt er seine normalerweise dreistündigen Führungen durchs Rotlichtmilieu. Teilnehmen dürfen nur Frauen. 59 Euro kostet das pro Person. Für die diesjährige Bahnhofsviertelnacht hat er sich eine Kurzversion ausgedacht: 30 Minuten für 13 Euro. Besucht wird eine Prostituierte auf ihrem Zimmer, danach geht es ins „Security Office“ des Bordells. Neugierige Fragen sind ausdrücklich erwünscht.

Führungen, Aktionen, Einblicke: Stadt stellt Ablauf der ...

Die Bahnhofsviertelnacht findet in diesem Jahr zum zehnten Mal statt. Am Donnerstag, 17. August, beginnt das offizielle Programm um 18 Uhr und endet um Mitternacht.

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Die Stadt sah sich als Veranstalter der Bahnhofsviertelnacht der Kritik ausgesetzt, sie würde Werbung für Prostitution machen. Im offiziellen Programmheft tauchen daher weder Mattners Führungen noch ähnliche Angebote des Frankfurter Prostituiertenvereins Doña Carmen auf. Stattfinden werden sie dennoch.

Mit Messer überfallen

Gabriella steht vor dem abgenutzten Kleiderschrank in ihrem kleinen Zimmer. In der Mitte steht ein Doppelbett, mit rosa Streublümchen auf gemusterter Bettwäsche, dahinter ein großer Spiegel. Auf dem Fernseher in der Ecke läuft leise RTL. Gabriella trägt hautenge schwarze Leggins und ein schlichtes schwarzes Top, dazu mörderisch hohe High Heels. Hinter dem Bett und an der Tür sind Alarmschalter. Vor drei Jahren sei sie von einem Kunden überfallen worden, erzählt sie. Der Mann habe gedroht, ihr die Augen auszustechen und sei mit 2000 Euro entkommen. „Ich kam an keinen Alarmschalter, er hatte das Messer genau an meinem Hals“, erinnert sich Gabriella nüchtern.

Die Bahnhofsviertelnacht lockt jährlich Tausende an. Bild-Zoom Foto: Christian Christes
Die Bahnhofsviertelnacht lockt jährlich Tausende an.

Jeder Kunde kann ein Täter sein. Doch sie arbeitet weiter, die 34-Jährige braucht das Geld für ihre Familie in Bulgarien. 2007 kam sie nach Deutschland, seitdem verkauft sie ihren Körper. Mit dem Job hat sie ihren Geschwistern die Schule finanziert und ihrer Familie eine Wohnung in Bulgarien gekauft. Hergekommen war sie mit einem falschen Pass und ohne jegliche Deutsch- oder Englischkenntnisse, ihre muslimischen Eltern wissen bis heute nicht, was ihre Tochter in Deutschland tut.

Um solche Geschichten geht es Ulrich Mattner. Er will, dass die Teilnehmerinnen seiner Führungen mit den Frauen ins Gespräch kommen. „Sie sollen erfahren, wie es wirklich ist: wer diese Frauen sind und warum sie das machen“, sagt Mattner. „Ich will dazu beitragen, dass Prostitution endlich anerkannt wird – als ganz normaler Job.“

Normalerweise dürfen hier nur Männer rein. Bild-Zoom Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA
Normalerweise dürfen hier nur Männer rein.

Gabriella hat einen festen Freund. Sie trennt Liebe und Beruf strikt voneinander. Ende des Jahres hofft sie, ihre 14 Jahre alte Tochter nach Deutschland holen zu können. Dann möchte sie als Verkäuferin arbeiten, die Prostitution aufgeben. Während sie erzählt, steht sie immer noch vor dem versifften Kleiderschrank. Wo auch sonst? Mehr Platz ist nicht in diesem Raum.

Champagner für 800 Euro

Bei seinen dreistündigen Führungen macht Mattner auch in der Animierbar „My Way“ Station. Sie befindet sich im Erdgeschoss des Bordells. Wer keinen Sex will, aber sich trotzdem nach weiblicher Gesellschaft sehnt, geht dorthin. Das „My Way“ ist knallrot. Schwarz-Weiß-Bilder von Marilyn Monroe und Hans Albers hängen an den Wänden. Die große Theke mit ihrem schummrig beleuchteten Gläserregal ist ein Blickfang. „Die Mädels aus dem Bordell dürfen nicht runterkommen und unsere Mädels nicht hoch“, erklärt die platinblonde Claudia, Chefin des „My Way“. Die Animiermädchen kümmerten sich um einsame Männer und leisteten ihnen Gesellschaft, erzählt sie. Diese Gesellschaft wird bezahlt, in dem die Männer den Mädels ein Getränk ausgeben. So ein „Lady-Cocktail“ gibt es ab 18 Euro oder eine Flasche Champagner für 800. Dreiviertel des Publikums seien Stammgäste.

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