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Verzicht: Beate Siegler führt ein Leben ohne Plastik

Keine Joghurtbecher, keine Folie und kein verpacktes Klopapier aus der Drogerie – Beate Siegler lebt seit zweieinhalb Jahren plastikfrei. Was sie am Anfang vor einige Schwierigkeiten stellte, ist längst zur Routine geworden und hat Nachahmer gefunden.
Vor dem Einkauf sind die Stoffbeutel, Metalldosen und Gläser von Beate Siegler leer. Gefüllt werden sie mit Fleisch, Käse, Nudeln oder Reis. Foto: Leonhard Hamerski Vor dem Einkauf sind die Stoffbeutel, Metalldosen und Gläser von Beate Siegler leer. Gefüllt werden sie mit Fleisch, Käse, Nudeln oder Reis.
Heddernheim. 

Bevor Beate Siegler zum Wocheneinkauf aufbricht, muss sie gut vorbereitet sein. Blechdosen, Gläser und kleine Stofftaschen mit Reißverschluss packt sie ein, ehe sie zum Markt an der Konstablerwache aufbricht. Vergisst sie davon etwas, dann fehlen in der nächsten Woche eben Lebensmittel. Denn die 68-Jährige lebt seit zweieinhalb Jahren plastikfrei, Tüten kommen nicht in ihren großen Einkaufstrolley, der ihr steter Begleitung bei den Marktbesuchen ist.

Metalldosen anstatt Plastik

Stattdessen landen Wurst und Käse in den Metalldosen, in den Gläsern finden Frischkäse und Quark Platz und die kleinen Stoffbeutel werden mit Reis oder Nudeln gefüllt. Obst und Gemüse verstaut Siegler in einem Einkaufsnetz.

Im Februar 2016, zu Beginn der Fastenzeit verbannte die Heddernheimerin mal nicht Kaffee oder Süßigkeiten, sondern eben Plastik aus ihrem Leben. Nun ja, nicht ganz. „Das was ich habe, bleibt natürlich. Wie die Schallplatten oder CDs meines Mannes, der Tonmeister war. Oder auch das Spielzeug meiner Enkel. Das kann ich ihnen ja nicht plötzlich wegnehmen“, sagt Beate Siegler. Eigentlich sollte dieses Experiment nur sechs Wochen dauern, doch die Rentnerin fand schnell Gefallen an diesem, wie sie sagt, leichteren Leben.

Wobei es sie gleich zu Beginn vor Schwierigkeiten stellte, denn selbst die sonst so einfachsten Dinge wurden kompliziert. Wie der Kauf von Toilettenpapier. Das gibt es im Handel schließlich nur in Plastik verpackt. Doch Siegler fand einen Anbieter im Internet und bestellte einzelne Blätter. Allerdings sei das Paket in Plastik eingewickelt gewesen. Als sie das beim Händler kritisierte, bekam sie die Antwort: „Ach, sie sind so eine Öko-Tante!“ Damals ärgerte sie sich noch über diesen Ausspruch, heute kann Beate Siegler darüber lachen. Weil sie selber weiß, dass sie keine Öko-Tante ist. „Ich verzichte lediglich auf Plastik, weil ich es in meinem Leben nicht brauche. Mehr nicht“, sagt sie.

Man braucht Durchhaltevermögen

Wenn man diesen Schritt geht, dann braucht man aber vor allen Dingen eins: Durchhaltevermögen. Denn mit dem Einkauf im Supermarkt um die Ecke ist dann Schluss, sagt Beate Siegler. Selbst die Nudeln im Pappkarton könne man nicht kaufen, weil sie ein Sichtfenster aus Folie haben. Finger weg, heißt es dann für sie. „Zudem bekommt man an der Fleisch- oder Käsetheke nichts, wenn man dort seine Metalldose vorzeigt. Am besten aufgehoben ist man wirklich auf dem Markt“, sagt sie.

Ausflug zum Markt

Dieser Gang ist für sie allerdings nicht neu. Seit es 1989 den Bauernmarkt auf der Konstablerwache gibt, ist sie dort Stammkunde. Früher fuhr sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern regelmäßig dorthin. „Es war unser Familienausflug“, sagt sie. Dort kennen sie die Händler längst, das Einkaufen mit Metalldosen oder Gläsern ist dort kein Problem.

Ansonsten geht sie gerne auf der Münchener Straße einkaufen, dort, wo viele ausländische Geschäfte angesiedelt sind. Denn diese haben einen Vorteil: Sie verkaufen die Ware lose. In großen Containern werden die Produkte dort präsentiert, jeder Kunde kann sich soviel nehmen, wie er braucht.

Ansonsten freut sich die Frankfurterin, dass es anscheinend immer mehr Menschen in der Stadt gebe, die auf Plastik verzichten. Das zeige alleine schon der Laden „Gramm.genau“ auf der Berger Straße, der für sie eine tolle Alternative zum Markt ist. „Das macht dann doch alles etwas einfacher. Schließlich hat der Laden nicht nur an zwei, sondern gleich an sechs Tagen in der Woche geöffnet“, sagt sie.

Solch einen Laden wünscht sie sich auch in Heddernheim, wo es viel Leerstand gibt. Nicht nur, weil die Wege für sie sonst kürzer wären, sondern auch, weil „solch ein Geschäft in diesen schönen, individuellen Stadtteil passen würde“. Ebenso sehr freuen würde sie sich in Frankfurt über die Möglichkeit, verschiedene Öle lose kaufen zu können, so wie in Berlin. Bei Essig, sagt Siegler, funktioniere das bereits, beim Apfelstand auf der Konstablerwache. Balsamico-Essig gebe es im „Frankfurter Fass“.

Keine Bethmännchen

Auch wenn sich Beate Siegler in ihrem plastikfreien Leben pudelwohl fühlt, so muss sie auch Abstriche machen. „Mein Laster ist richtig teure Schokolade, und die gibt es leider nur verpackt“, hat sie in diesem Punkt auch noch keine gute Alternative gefunden. Weihnachten stand sie vor einem ganz anderen Problem: Sie wollte Bethmännchen machen, doch Marzipan ohne Plastik war nicht erhältlich. „Da habe ich gesündigt und trotzdem gebacken“, verrät Siegler, die ansonsten konsequent ist und sogar auf Zahnpasta verzichtet. Stattdessen verwendet sie Natron. „Ein Wundermittel, auch zum Putzen“, verrät sie.

Längst hat Beate Siegler ihre Familie angesteckt, auch ihre Tochter, die im gleichen Haus lebt, versucht ohne Plastik auszukommen. So näht sie die Stoffsäckchen, die mit auf den Markt genommen werden. Verziert werden diese mit lustigen Sprüchen wie „Freiheit für die Bohnen“ oder „Dieser Sack ist nur für Himbeerbonbons“. Vorgeführt hat sie die guten Stücke bei einem Vortrag, denn auch als Rednerin über ihr plastikfreies Leben ist sie mittlerweile gefragt. „Das war zunächst ungewohnt, jetzt macht es mich aber stolz“, sagt sie.

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