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Der rote Faden, Folge 252: Bernd Eilert: Der Witzarbeiter

Er ist der Jüngste aus einer Truppe von Satirikern und Humoristen, die unsere Republik verändert hat. Und ihr großer Unbekannter. Während es Robert Gernhardt, F. W. Bernstein und F.K. Waechter als Mitglieder der "Neuen Frankfurter Schule" zu Prominenz gebracht haben, wirkte Schriftsteller Bernd Eilert im Hintergrund. Mit Erfolg. Für Otto Waalkes schreibt er seit Jahrzehnten Gags und Film-Drehbücher. Bernd Eilert widmen wir Folge 252 unserer Serie "Der rote Faden", in der wir Menschen vorstellen, die Bedeutendes für Frankfurt leisten.
Bernd Eilert und sein Haustier. Foto: Salome Roessler Bernd Eilert und sein Haustier.

Der Mann ist groß, schlank, und doch wirkt er etwas phlegmatisch. Er hat, sagt man da gerne, „die Ruhe weg“. Sollte irgendwo der Ruf erschallen, „Feuer“, Eilert würde sich umsichtig umdrehen, bedächtig nach allen Seiten umsehen, um dann mit seiner sonoren Stimme gelassen zu fragen: „Wo?“

Auch er, der Autor, das einstige Küken der Frankfurter Hochkomik, geht jetzt allmählich auf die Siebzig zu, spielt aber nach wie vor regelmäßig, und das nicht schlecht, Tennis. Er fährt kein Auto, sondern, egal bei welchem Wetter, Fahrrad. Er hat, scheint es, immer Zeit. Viel Zeit. Auch gerade, nur Stunden vor einer Reise nach Oldenburg. Niemals in seinem Leben war er fest angestellt. Eilert blieb immer nur sich selbst, also seiner Arbeit, verpflichtet: verlässlich, genau, diszipliniert, einfallsreich.

Vieles, was bei ihm so leicht und locker daherkommt, oft wie improvisiert aussieht, verdankt sich in aller Regel präzisem, erprobten Kalkül, eben richtiger Arbeit. Eilert arbeitet auch viel. Er arbeitet regelmäßig, aber, wie es scheint, immer ohne Druck. Er arbeitet flott, konzentriert. Kommt eine überraschende Anfrage, etwa Nachruf, Geburtstagsartikel, Rezension für die FAZ zum Beispiel, so setzt er sich nach Möglichkeit sofort an die Sache. Das hat vermutlich einen einfachen Grund: die Druckvermeidung. Er will nämlich die sonst beschwerende Verpflichtung so schnell wie möglich wieder abwerfen. Wenn seine gesamte Lebensplanung an einem Begriff festzumachen wäre, dann wäre es der: Druckvermeidungsstrategie.

Bernd Eilert wurde 1949 in Oldenburg geboren. Noch in seiner Grundschulzeit ging die Ehe seiner Eltern auseinander. Der Vater verschwand aus seinem Leben. Die Mutter musste sich Arbeit suchen. Eilert war als Kind deshalb viel alleine. Die Verwandtschaft, obwohl vorhanden, kümmerte sich kaum. Eilert war dennoch wahrlich kein schlechter, aber für seine Lehrer ein ziemlich unbequemer Schüler. So reichte man ihn in Oldenburg von Gymnasium zu Gymnasium weiter. Er hatte, wie das heute heißt, außerordentliche Fehlzeiten, aber trotzdem ordentliche Noten. Er ging also „ungern“ und deshalb so „selten“ wie nur möglich zur Schule. 1967 zum Beispiel verbrachte er, um dem dauergrauen Oldenburger Wetter zu entfliehen, mehrere Monate an der Côte d’Azur. Dank solcher Eskapaden machte er erst 1969 Abitur. Und ging schnurstracks an die Philipps-Universität nach Marburg.

1966 erschien im Frankfurter Verlag der Satirezeitschrift „Pardon“, Bärmeier & Nikel, ein kleines Buch mit dem aufklärerisch großen Titel „Die Wahrheit über Arnold Hau“, geschrieben von Robert Gernhardt und F. K. Waechter. Es geht dabei um einen Universalgelehrten, der alles andere war als der später in der Studentenbewegung zu Recht berüchtigte „Fachidiot“. Dieser Hau hatte sich nicht nur als Philosoph einen Namen gemacht, sondern auch als Erzähler und sogar Lyriker. Im Zentrum all seiner Überlegungen stand ja die große, unsterbliche (Menschheits-)Frage: „Was ist der Mensch?“

Ob das Buch zur Unzeit erschienen war, lässt sich schwer sagen. Von einem Erfolg konnte nicht die Rede sein. Kaum mehr als tausend Exemplare wurden abgesetzt. Aber die Wirkung war enorm. Denn dieser „Arnold Hau“ hat tatsächlich Leben verändert. Ganze Leben und ganz sicher schon einmal das Leben von Bernd Eilert. Als Schüler noch war Eilert auf dieses Buch gestoßen. Bei seinen Mitschülern stieß seine Begeisterung nur auf befremdetes Unverständnis.

1970, kaum in Marburg angekommen, sah er eine in der Studentenrevolte brachliegende (Theater-)Studiobühne. Dort begann er zu proben, frei nach „Arnold Hau“, bis ihn ein Dozent auf die Rechtefrage hinwies. Man braucht schließlich, um die Texte anderer Urheber zu verwerten, deren kostenpflichtige Genehmigung. Eilert schrieb an die Autoren. Robert Gernhardt und F. K. Waechter reisten daraufhin nach Marburg. Die Genehmigung erfolgte. Das Stück wurde aufgeführt. Mehrfach, also erfolgreich.

In der unmittelbaren Folge hatte die Universität aber einen vielversprechenden Studenten verloren. Eilert zog 1970 noch nach Frankfurt um und als Untermieter bei F. K. Waechter ein. Er wurde Mitarbeiter bei „Pardon“ und bald schon eines der führenden Mitglieder dieser „Neuen Frankfurter Schule“, die immer wirkungsvoller begann, mit Satire Furore zu machen. Immer mittendrin: Bernd Eilert. Auch wenn er heute bekennt, dass er damals dachte: „Ich bin doch eher nur der Schüler der Neuen Frankfurter Schule.“

Man sieht, Eilert bewegt sich oft und wohl auch nicht ungern im Hintergrund. Er ist keineswegs öffentlichkeitsscheu, aber er drängt auch nicht auf die große Bühne. Er versucht eher, sie anderen zu bereiten, zum Beispiel für Otto. Otto Waalkes, das komische Naturtalent. Da haben sich zwei gefunden. Otto beschrieb Bernd Eilert einmal mit verblüffend hoher Trefferquote: „Seine Vielseitigkeit war beinah erschreckend. Wo er seine Vorkenntnisse her hatte, war schwer zu durchschauen, denn wie ein Schwerarbeiter wirkte er nicht gerade, ein typischer Kaffeehausliterat, der fast so schnell schreibt, wie ich rede.“

Vorsorglich schrieb seinerzeit Robert Gernhardt aber einen Brief an Eilerts Mutter, die sich wegen des Studienabbruchs Sorgen um ihren Sohn gemacht hatte. Gernhardt versicherte ihr, dass ihrem Sohn eine glänzende Karriere bevorstehe. Er sollte Recht behalten.

Eilert, Gernhardt, Knorr haben nicht nur für Otto und dessen Fernsehshows Texte geschrieben. Sie haben gemeinsam die Otto-Filme entwickelt. Sie haben viel und erfolgreich zusammengearbeitet. Und sicher haben sie, wie Neider hinter vorgehaltener Hand behaupten, bei dieser Arbeit auch nicht draufgezahlt.

Es war ein enges, intensives Arbeitsverhältnis, das im Laufe der Jahre immer mehr die Züge einer Freundschaft annahm. Aber vor allem Arbeitsverhältnis blieb es – im Dienste des Nonsens. Jahrelang haben sich die drei noch gesiezt.

Eilerts ganze Arbeit folgt einer Maxime: keine Meinung verbreiten. Keine bloßen Meinungen produzieren. Oder auch nur bestätigen. Hier zeigt sich der Satiriker als echter Hegelianer. Der Philosoph hielt die bloße Meinung für eine Mauer, die den Eingang zur Philosophie versperre.

Um diesem Dilemma zu entgehen, greift Eilert auch heute noch gern zum Mittel des Nonsens. Nonsens reizt den gesunden Menschenverstand, der auch dort noch verstehen will, wo es nichts zu verstehen gibt. Eilerts erklärte Absicht war es stets: „Der Sprache den Sinn auszutreiben.“

Der mögliche Missbrauch, der mit einer Sprache getrieben werden kann, der aller Sinn ausgetrieben ist, hält sich in engen Grenzen. Hier zeigt sich auch, dass die Grenzen zwischen Satire und Sinnverweigerung fließend sind.

So bekannte Eilert einmal, dass er mit seiner Angst vor dem Tod gut zurechtkommt. Grenzenlos hingegen sei seine Angst vor den möglichen Folgen seines Todes. Selbst wenn er die Gefahr überschätzen sollte, möchte er doch, dass „sein Tod eine halbwegs seriöse Sache“ bleibt. Und das bleibe er nicht, „sobald er in der Bild-Zeitung steht“. Die von ihm angeführten Beispiele lassen seinen Wunsch verständlich erscheinen: „Durchs Seitenfenster schwirrte eine Fliege (...) genau in den offenen Mund des Fahrers. Er verschluckte sich. Unfall.“ Oder: „Lynchjustiz: Bauern schlugen Nachbarn tot.“ Oder: „Bierfass explodiert – 20-Jähriger verblutet.“ Oder: „Ein Blitz – 22 Fußballspieler fielen um.“

Hier wird auch verständlich, dass Eilert noch am Tag seiner Konfirmation aus der Kirche ausgetreten ist. Auf die Frage: warum? – antwortet er: Früher ging es nicht. „Als Protestant muss man erst in die Kirche aufgenommen sein, um austreten zu können.“ Auch das leuchtet ein.

Askese und Genusssucht

Sein Schwiegervater ist ein emeritierter Theologieprofessor. Dessen Tochter, Eilerts Frau Kristin, ist eine nicht nur in Satirikerkreisen anerkannt begnadete Köchin, und das, wie es sich bei den Eilerts gehört, auf professionellem Niveau. Passt also alles zusammen. Eilerts kennen die großen Küchen (und großen Köche) von Sylt bis nach Salzburg. Sie sind überhaupt viel unterwegs.

Dabei ist den beiden Eilerts Askese sicher nicht fremd. Ebenso wenig wie Disziplin. Sie können verzichten. Aber, da scheint die katholische Seite ihrer protestantischen Herkunft durch, sie können auch genießen. Eine seltsame Kombination: Askese und Genusssucht.

Diese Kombination setzt sich auch im Schaffen Bernd Eilerts fort. Robert Gernhardt erzählte mir einmal, wie die ganze Truppe, die damals „Otto – die Show“ erarbeitet hatte, also Pit Knorr, Gernhardt und Bernd Eilert, abends, nach der Arbeit und dem anschließenden Essen, in Emden, von Otto mit dem Auto ins Hotel zurückgefahren wurde. In weiter Ferne noch sieht Otto ein Auto am Straßenrand stehen. Er lässt alle Fensterscheiben runter, bittet die anderen, so laut wie nur möglich, einen gängigen Gassenhauer, etwa „Oh, du schöner Westerwald“ zu singen, fährt exakt die vorgeschriebenen 50 km/h, aber ganz leichte Schlangenlinien.

So passieren sie das abgestellte Fahrzeug. Und dann passiert die von Otto erwartete Tragikomödie: Das Fahrzeug setzt sich in Bewegung. Auf dem Dach erscheint ein blinkendes Blaulicht. Ein Martinshorn ertönt. Eine Zivilstreife der Polizei, die natürlich Trunkenheit am Steuer vermutet. Sie überholen Ottos Auto, setzen sich vor ihn. Zwei Polizisten springen heraus – stehen vor Ottos Auto, fluchen laut und gehen schnurstracks und wortlos zurück und fahren, das Blaulicht wieder ausgeschaltet, weiter.

Die einfache Erklärung für diesen Sachverhalt: Die Polizei kennt erstens ihren Otto. Die Polizei weiß zweitens, dass eben dieser Otto keinen Alkohol trinkt und sie deshalb drittens zum Opfer eines straffreien Otto-Scherzes geworden ist.

Der Spaß, den Gernhardt noch beim Erzählen dieser Episode empfand, kündet von dem Vergnügen, dass diese Truppe bei ihrer Arbeit empfunden hat. Bei aller Ernsthaftigkeit, mit der an der Sache gearbeitet wird. Die Pointe muss sitzen. Der Witz muss zünden. Was nicht stimmt, fliegt wieder raus. Noch heute prüft Eilert jeden Gag, den Otto auf der Bühne abliefert. Auf Tourneen, im Schnitt sind da Abend für Abend 2000 Zuschauer im Saal, sitzt Eilert in jeder Vorstellung. Und jede Vorstellung wird akribisch durchgekaut.

Keine Angst vor Blamage

Die Maxime: „Jeder Abend ist die Probe für den Nächsten.“ Die Fehler des Vorabends werden am nächsten Morgen besprochen. Otto kann natürlich das lähmende Entsetzen des Publikums, wenn eine Geschichte mal so richtig in die Hose geht, dank seiner Routine sofort mit einer absolut sicheren Nummer wieder wettmachen.

Wichtig sei, sagt Eilert weiter, dass man bei der Entwicklung des Programms jede Scheu ablegt, sich zu blamieren. Alles muss angesprochen, muss ausprobiert werden. Manches bleibt dann hängen.

Das Steckenpferd, das Otto da so leichthin, scheinbar improvisierend, über die großen Bühnen reitet, ist Sprung für Sprung kalkuliert. Mit Otto und Eilert, da haben sich zwei Arbeiter getroffen, die ihre Arbeit sehr, sehr genau nehmen und sich deshalb etwas schwer tun, sie als Arbeit zu begreifen.

Es ist noch nicht allzu lange her, da erhielt Bernd Eilert einen Anruf von einem entfernten Verwandten. Der war in Kontakt gekommen mit Eilerts Vater. Der Mann, um die neunzig, lebte große Teile des Jahres an der Algarve, in Portugal, besaß aber auch noch eine kleine Wohnung in Oldenburg. Dort trafen sich Vater und Sohn, nach einer Funkstille um die sechzig Jahre herum. Für Bernd Eilert war die väterliche Seite seiner Familiengeschichte ein unbeschriebenes Blatt. Er wusste so gut wie nichts. Und er wollte gerne so einiges wissen. Man traf sich danach öfter, sogar bei Familienfeiern. Vor einigen Wochen war der alte Mann wieder auf der Rückfahrt von der Algarve nach Oldenburg, im Auto, in einem Smart. Schon nach wenigen Kilometern Fahrt wurde ihm übel. Er hielt an, kam ins Krankenhaus, starb dort – mit 91 Jahren.

Für seinen Sohn hatte sich ein Kreis geschlossen. Aber auch diese Weihnachten hat er natürlich wieder, unter dem grauen Himmel, in Oldenburg verbracht. In wenigen Tagen fährt er weiter, zur Arbeit unter blauem Himmel, mit Otto, nach Florida.

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