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Kultur pflegen: Besucher aus ganz Deutschland: Beim Pow-Wow tanzen alle wie die Indianer

Das siebte Jahr in Folge wurde am Wochenende ein Pow-Wow gefeiert. Das heißt, es treffen sich Indianer, um zu tanzen und die Kultur der nordamerikanischen Ureinwohner zu pflegen. Ob das nur Folklore ist, ist dabei keine leichte Frage.
In voller Regalia stehen die Bussard-Tänzer (von links) Luca, Atanas Ganev und Leon bereit, um beim Tanz ihre Vorstellung der indianischen Kultur zu pflegen. Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA In voller Regalia stehen die Bussard-Tänzer (von links) Luca, Atanas Ganev und Leon bereit, um beim Tanz ihre Vorstellung der indianischen Kultur zu pflegen.
Riederwald. 

Bei Pow-Wows treffen sich eigentlich nordamerikanische Ureinwohner. Viel zu schnell, hätte man daher am Wochenende die Indianer-Tänze beim Pow-Wow auf dem Abenteuerspielplatz (ASP) im Riederwald für bloße Folklore halten können. All der Federschmuck und die bunten Kleider. Im Schatten eines großen Zelts, mitten auf der Wiese unter brennender Sonne tanzen sie im Kreis. Manche gehen in die Hocke. Ihr ganzer Körper nickt im langsamen Takt der Trommler und ihrer „Eieiei“- und „Hauauau“-Rufe. Andere stampfen mit den Füßen, dass kaum ein Zentimeter auf ihrer Bahn ungestampft bleibt. Schellen rasseln an ihren Beinen und am Rand stehen andere in Indianer-Kleidern. Sie halten Federn in die Luft, wie ein halbes Spalier.

Spielen die nur?

Die spielen doch nur Indianer, denkt man erst. Doch so einfach ist das nicht. „Die traditionelle indianische Kleidung“, das stellt Atanas Ganev gleich klar, „ist kein Kostüm. Es ist die Regalia. Und die Tänze sind auch keine Show.“ Der 20-jährige Mechatroniker ist ein Bussard-Tänzer. Acht Jungs und ein Mädchen sind in der Riederwälder Tanzgruppe. Der Leiter des ASP, John Leicher, hat sie gegründet. Sein Opa väterlicherseits war ein amerikanischer Ureinwohner. Leicher forschte ihm und seinem Vater, ein amerikanischer Soldat in Frankfurt, nach. Der heute 61-Jährige begann sich mit der indianischen Kultur zu identifizieren und so kam diese nach Frankfurt. Leicher versucht, etwas davon an die Jugend weiter zu geben.

John Leicher brachte die indianische Kultur in den Riederwald. Bild-Zoom Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA
John Leicher brachte die indianische Kultur in den Riederwald.

Inzwischen gibt es bei den Bussard-Tänzern schon eine zweite Generation. Dazu gehören Luca und Leon. Zehn und zwölf Jahre sind sie alt. Leon macht Chicken-Dance, also Hühner-Tanz. „Weil John meinte, ich trete auf, als sei ich der Tollste und Schönste“, sagt Leon. „Irgendwie passt das schon auch zu mir.“ Wenn er nun tanzt, steckt er seine Brust raus, als wollte er sich allen präsentieren. Wenn man ihn fragt, warum er bei den Bussard-Tänzern mitmacht, sagt er schlicht: „Weil es mir Spaß macht.“

Auch Ganev ist wegen des Spaßes noch dabei, obwohl früher in der Schule oft über die Tanz-Gruppe gelacht wurde. Heute, er ist längst in die Nähe von Aschaffenburg gezogen, schätzt er die Bekanntschaften, die er auf dem Pow-Wow gemacht hat und die er nur ein paar mal im Jahr sieht. Wenn wie in diesem Jahr so 50 „Indianer“ aus ganz Deutschland in den Riederwald kommen, oder er mit Leicher und den Bussard-Tänzern zu anderen Pow-Wows fährt. Etwa nach München, wo es jedes Jahr das bundesweit größte Treffen gibt.

„Alles hat eine Seele“

Dass es den Jungen in erster Linie um den Spaß geht, erklärt Leicher damit, dass sie noch zu jung seien, um die größere Idee der indianischen Kultur zu verstehen. „Eigentlich geht es um Respekt für alles und jeden“, sagt Leicher. „Weil jeder Stein, jede Pflanze und jedes Tier eine Seele haben.“ Immer wieder sieht man beim Pow-Wow Menschen in traditioneller Kleidung, die, wenn sie einen Schluck Wasser trinken, einen Schwapp auf den Boden schütten. „Wenn ich von der Natur nehme“, sagt Leicher. „Dann gebe ich auch etwas zurück.“

Aus einer Geste des Respekts sind auch die Bussard-Tänzer entstanden, erzählt Ganev. Mit Leicher und ein paar Freunden vom ASP hatte er einen toten Bussard gefunden. Den haben sie begraben und etwas Tabak mit dazu gelegt. „Weil der Tabak verbrennt“, hatte Leicher ihnen erklärt.

„Mit dem Rauch steigt die Seele des Vogels in den Himmel.“ Ganev erzählt es wie eine schöne Geschichte. Ob er daran glaubt, ist nebensächlich. Es ist auch so eine praktische Übung des Respekts. Nach dem Begräbnis hat Leicher begonnen den Kindern die Tänze zu zeigen. Aber wie viel „echte“ indianische Kultur steckt wirklich dahinter? Leicher erzählt, dass ihm ein amerikanischer Ureinwohner einmal eine E-Mail geschrieben hat. Darin beschuldigte ihn der Absender, ihn seiner indianischen Kultur zu berauben. Weil Leicher sie ja aus dem kulturellen Kontext reißt. Leicher hat die Traditionen aus dem zusammen geklaubt, was ihm Zufallsbekanntschaften in den Vereinigten Staaten oder auf Pow-Wows erzählten. „Warum sollte all das hier deshalb nur Folklore sein“, fragt Leicher. „Warum sollte der E-Mail-Absender recht haben? Weil ich nur zu einem Viertel Indianer bin?“ Das sei ihm zu statisch, sagt Leicher. Er legt die Hand auf die Brust, da wo das Herz schlägt. „Es zählt, was man hier hat. Mit welcher Idee man diese Kultur weiterleben lässt.“

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