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Neuausrichtung: Bistum Limburg will Start-Ups in bekanntes Frankfurter Kulturzentrum locken

Von Still und leise hatte das Bistum Limburg zuletzt das Kursprogramm im alten „Haus der Begegnung“ gestrichen. Nun will die Kirche Start-ups und Künstler in die Gründerzeitvilla locken. Es ist ein Experiment.
Äußen unverändert, innen viel Neues: Das Bistum Limburg hat seine Gründerzeitvilla im Gärtnerweg zum Treffpunkt für junge Unternehmer und Künstler gemacht. Foto: Heike Lyding Äußen unverändert, innen viel Neues: Das Bistum Limburg hat seine Gründerzeitvilla im Gärtnerweg zum Treffpunkt für junge Unternehmer und Künstler gemacht.
Frankfurt. 

Die katholische Kirche tut sich bekanntermaßen schwer damit, junge Menschen für ihre Institution zu begeistern. Auch die altehrwürdige Gründerzeitvilla im Gärtnerweg 62 wirkt noch nicht wie der Treffpunkt für die urbane Frankfurter Szene, der sie bald werden soll: Die Fenster sind teils vergittert, das Café ist verwaist, die Holzdielen knarzen, zur vollen Stunde läutet nebenan die Glocke der Sankt Ignatiuskirche.

Auf 600 Quadratmetern sollen sich hier zukünftig Frankfurts Kreative die Klinke in die Hand geben. Das Bistum Limburg bietet ihnen ab sofort an, die Räume im Westend kostenfrei zu nutzen. Beratung und Austausch gibt’s obendrein. Eine neue Bezeichnung steht schon seit Wochen am Klingelschild, gestern wurde die „Villa Gründergeist“ offiziell vorgestellt.

Verschwunden ist dafür der Hinweis auf das „Haus der Begegnung“. Das HdB war zuvor in der Immobilie neben der Sankt Ignatius-Gemeinde beheimatet. Seit den 1980er Jahren wurde dort Kultur, Bildung und Beratung für ein meist junges Publikum geboten, zu Hochzeiten kamen bis zu 20 000 Besucher pro Jahr. Dass es nun von der „Villa Gründergeist“ abgelöst wird, sorgte für heftige Kritik.

Kritik wegen HdB

Gegenüber dem Hessischen Rundfunk hatte ein Mitgründer des HdB beklagt, das Bistum habe das renommierte Kulturzentrum stillschweigend zermahlen. Eine ehemalige Kursleiter beschwerte sich, sie sei über das Ende der Angebote nicht informiert worden. Tatsächlich war 2018 kein neues Programmheft erschienen. Dass das HdB geschlossen werde, wurde nie öffentlich kommuniziert.

Nachdem der ehemalige Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst 2012 den damaligen Leiter des HdB hinausgeworfen hatte, habe sich das HdB in einer „Zeit des Übergangs“ befunden, sagte Pressesprecher Stephan Schnelle dazu gestern.

Peter Kubikowski ist der Leiter der „Villa Gründergeist“. Bild-Zoom Foto: Heike Lyding
Peter Kubikowski ist der Leiter der „Villa Gründergeist“.

Im Jahr 2012 seien es gerade noch 5 000 Menschen gewesen, die an HdB-Kursen wie Tanztherapie, Yoga oder Theaterimprovisation teilgenommen hätten, führt er aus. Andere soziale Träger wie das Haus am Dom wiesen ein ähnliches Angebot auf. Das HdB sei nicht mehr zeitgemäß und zu teuer gewesen. Weil das Programm kaum noch zog bei jungen Menschen, steuerte das Bistum gegen.

Vor drei Jahren wurde deshalb Peter Kubikowski verpflichtet, der heute Leiter der „Villa Gründergeist“ ist. In seiner Heimat Zürich hat der Schweizer die Jugendkirche mit aufgebaut. Aus dem bischöflichen Ordinariat bekam er den Auftrag, eine neue Marke und ein Konzept für den Standort im Westend zu entwickeln. Zielgruppe sind Menschen zwischen 25 und 40 Jahren.

„Die Kirche muss junge Leute dort abholen, wo sie sind“, sagt Kubikowski. „Von allein kommen sie nicht mehr zu uns.“ Die „Villa Gründergeist“ sei deshalb angelehnt an sogenannte „Co-Working-Spaces“ wie „WeWork“, also offene Büroräume ohne feste Arbeitsplätze, in denen vor allem Start-ups nach Bedarf arbeiten. Der Unterschied sei die nicht-kommerzielle Ausrichtung: Jeder mit einer Idee könne kommen.

Netzwerk aufbauen

Der „Gründergeist“ soll diejenigen anlocken, die es auf dem freien Markt schwerer haben, weil sie kein funktionierendes Netzwerk in Frankfurts Wirtschaft haben, wie Geisteswissenschaftler, Künstler oder Naturschützer. Ihnen will das Bistum mit Kontakten weiterhelfen. Im Gegenzug hofft es, in den Austausch mit jungen Menschen zu kommen – und ihnen Glaubensthemen näherbringen zu können.

Katholisch zu sein ist aber keine Voraussetzung, um sich in der Start-up-Villa einquartieren zu können. Wer wie lange dort bleiben darf, ist noch offen. Genaue Kriterien, welche Projekte sich dauerhaft einmieten können, will das Team erst noch erarbeiten.

Außer Marketing-Experte und Leiter Kubikowski arbeiten zwei Referenten und eine Verwaltungskraft in der Villa. Das Café im Erdgeschoss bekommt einen neuen professionellen Betreiber mit zwei laufenden Gastronomien in Frankfurt. Mittelfristig soll dort umgebaut werden.

Im ersten Stock werden Veranstaltungen und Ausstellungen stattfinden. Darüber, im „Innovation-Lab“, gibt es Workshop-Räume, eine weiter Holztreppe hinauf sind kleinere Büros. Alle Räumlichkeiten können gemietet werden.

Was die Start-up-Villa das Bistum kostet, wollte Sprecher Schnelle gestern nicht sagen. Klar ist: Die Zuschüsse der Stadt in Höhe von 80 000 Euro gab es nur für das gemeinnützige Programm der HdB, sie fallen nun weg, wie das Sozialdezernat berichtet.

Insgesamt sei die „Villa Gründergeist“ ein Experiment, so Sprecher Schnelle. Und Kubikowksi ergänzte: Vielleicht müssen wir sogar in einem Jahr zumachen, weil es nicht funktioniert hat.“

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