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1944: Bombenkrieg: Als das alte Frankfurt unterging

Von 72 Jahre nach dem Kriegsende gibt es noch eine einzige, von Bomben gerissene Kriegslücke in der Frankfurter Innenstadt (Schäfergasse 16). Doch niemand weiß, wie viele Blindgänger noch unter der Erde liegen und eine tödliche Gefahr bedeuten.
Das Ausmaß des Bombenhagels zeigt 1944 ein Blick vom Domturm nach Osten in die Fahrgasse. Fotos (4): Institut für Stadtgeschichte Bilder > Das Ausmaß des Bombenhagels zeigt 1944 ein Blick vom Domturm nach Osten in die Fahrgasse. Fotos (4): Institut für Stadtgeschichte
Frankfurt. 

72 Jahre nach dem Kriegsende gibt es noch eine einzige, von Bomben gerissene Kriegslücke in der Frankfurter Innenstadt (Schäfergasse 16). Doch niemand weiß, wie viele Blindgänger noch unter der Erde liegen und eine tödliche Gefahr bedeuten. 2017 wurden in Frankfurt bereits fünf Bomben gefunden und entschärft, darunter Ende August im Westend eine 1,8 Tonnen schwere Luftmine HC 4000 lb. Wegen dieser war die größte Evakuierungsmaßnahme in der Geschichte Deutschlands nötig. Monsterbomben dieses Typs waren die schlagkräftigste Waffe der Alliierten im März 1944, als die Frankfurter Altstadt unterging. Doch nicht nur dort brachten sie den Tod in die Stadt.

Dienstag, 12. September 1944.

Etwa 600 Langstreckenbomber der britischen Royal Air Force nähern sich am Abend Frankfurt, nehmen Kurs auf die westlichen Stadtteile. In Bockenheim suchen viele Menschen Schutz in den drei Bunkern des Viertels. Maria Becker und ihre vier Kinder Helmut, Gerda, Waltraud und Renate – zwischen zwei und 13 Jahre alt – flüchten in den dreistöckigen Hochbunker Mühlgasse 3-5 im Zentrum Bockenheims. Unter den zahlreichen Frauen und Kindern im Luftschutzbunker (412 Plätze) ist auch die 27-jährige Katharina Brunner mit ihrem knapp zweijährigen Sohn Karl-Heinz.

Das Haus Wertheym wurde 1963 grundsaniert und steht seitdem unter Denkmalschutz.
Ein einziges Fachwerkhaus in der Altstadt entging der ...

Das jahrhundertealte Herz der Stadt Frankfurt – vor dem Zweiten Weltkrieg eine der schönsten Altstädte in Deutschland – ist am 22. März 1944 im Feuersturm vernichtet worden.

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Plötzlich erschüttert eine gewaltige Explosion das massive Bauwerk, reißt ein etwa drei Meter großes Loch in die zwei Meter dicke Wand neben der Eingangstür. Eine 1,8 Tonnen schwere Luftmine vom Typ HC 4000 lb, gefüllt mit 1,4 Tonnen Sprengstoff, hat das bewirkt, was bis dahin für unmöglich gehalten wurde und den Bunker geknackt. Die schrecklichen Folgen: 172 Menschen sterben in den Schutzräumen, darunter auch Maria Becker und Katharina Brunner mit ihren Kindern; 90 Menschen werden schwer verletzt.

Das Loch im Hochbunker in Bockenheim. Bild-Zoom
Das Loch im Hochbunker in Bockenheim.

Nach dem Angriff waren die Bockenheimer schockiert darüber, dass erstmals einer der seit 1941 nach den neuesten Erkenntnissen gebauten Hochbunker Frankfurts keinen Schutz geboten hatte. Der Grund dafür lag in der Eisenknappheit beim Bau des Bunkers: Weil auf die Eisenbewehrung verzichtet wurde, war die Wand aus reinem Stampfbeton nicht stabil genug. Es war das einzige Mal im Zweiten Weltkrieg, dass einer der 50 Hochbunker im Stadtgebiet einer Bombe nicht standhielt. Das Bauwerk in der Mühlgasse wurde nach dem Krieg als Lager genutzt und im Jahr 2007 abgerissen.

Mächtige Druckwelle

Im 2. Weltkrieg warfen die Briten fast 70 000 Luftminen des Typs HC 4000 lb über Deutschland ab. Die mächtige Druckwelle bei der Explosion der Luftminen deckte in weitem Umkreis die Dächer ab, in die offenen Dachstühle wurden Brandbomben geworfen. So sollten die eng bebauten Innenstädte im Flammenmeer untergehen – das funktionierte in Frankfurt mit teuflischer Präzision. Bei den Angriffen am 18. und 22. März 1944 wurden fast 1000 dieser Luftminen flächendeckend über der Innenstadt abgeworfen, ehe Hunderttausende von Brandbomben das vernichtende Werk vollendeten und eine Trümmerwüste hinterließen.

Kunsthistoriker und „Altstadtvater“ Fried Lübbecke, damals 60 Jahre alt, war am 22. März 1944 Augenzeuge des Feuersturms: „Alles brennt! Wie glühende Sauriergerippe leuchten die Dachsparren. Alt-Frankfurt stirbt! Eine himmelhohe Feuerwolke treibt über den Dächern. Die Häuser am Mainkai stürzen zusammen, verschwinden wie Kulissen“.

Auch die Häuserzeile am Buchrainplatz ist dem Bombenangriff zum Opfer gefallen. Bild-Zoom Foto: Rainer Rüffer (Rueffer) (Rainer Rüffer (Rueffer))
Auch die Häuserzeile am Buchrainplatz ist dem Bombenangriff zum Opfer gefallen.

Am 25. September 1944 wurde auch das damals genau 100 Jahre alte Goethe-Denkmal von Ludwig Schwanthaler auf dem Goetheplatz von einer HC 4000 vom Sockel gefegt, der Kopf und ein Arm des Bronze-Standbilds wurden dabei abgerissen. Ein cleverer Goethe-Freund vergrub die Denkmalteile und brachte sie so vor Metalldieben in Sicherheit. 1951 wurde das Kunstwerk restauriert. Es steht seit dem Jahr 2007 wieder an seinem ursprünglichen Platz.

Wohnblockknacker

Die britische Luftwaffe setzte die Luftminen als „Blockbuster“ (Wohnblockknacker) ein. Die Royal Air Force besaß von dieser tödlichen Waffe eine Art Baukastensystem mit vier Größen von der 900 Kilo schweren HC 2000 lb über die HC 4000 lb (1800 Kilo) und die HC 8000 lb (3600 Kilo) bis hin zur Megabombe HC 12000 lb (5400 Kilo). Von der Bevölkerung wurden die röhrenförmigen Sprengbomben „Badeöfen“ genannt, weil sie den damals üblichen Wasserboilern ähnelten.

Blick vom Sachsenhäuser Ufer auf die zerstörte Altstadt mit dem Eisernen Steg. Bild-Zoom
Blick vom Sachsenhäuser Ufer auf die zerstörte Altstadt mit dem Eisernen Steg.

Eine Luftmine vom Typ HC 4000 lb hatte einen Durchmesser von 75 Zentimetern und war gut drei Meter lang. HC heißt „High Capacity“, lb ist die Abkürzung für das lateinische Wort libra (Pfund). Ein britisches Pfund (pound) hat etwa 450 Gramm, eine 4000-Pound-Luftmine wiegt also rund 3600 (deutsche) Pfund bzw. 1800 Kilo. Ohne diese Riesenbombe wären am 12. September 1944 im Bockenheimer Bunker keine Menschen gestorben.

Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof gibt es 3109 Kriegsgräber für Soldaten und zivile Opfer des Zweiten Weltkriegs. Vor dem Ehrenmal im Gewann VII wurde im Jahr 2005 eine Informationstafel enthüllt, auf der einzelne Schicksale von Opfern geschildert werden. Katharina Brunner aus Bockenheim und ihr kleiner Sohn Karl-Heinz gehören dazu. In Reihe 47, Grab 13 und 14, haben sie ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Noch mehr Bilder von Frankfurt nach dem Bombenhagel gibt es HIER!

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