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Wie es ist, wieder atmen zu lernen: Bürgerhospital ist das einzige Weaning-Zentrum der Region

Das Bürgerhospital ist eines von 36 zertifizierten Weaning-Zentren der Republik und das einzige im Rhein-Main-Gebiet. Hier lernen Patienten wieder eigenständig zu atmen, nachdem sie längere Zeit auf Beatmungsgeräte angewiesen waren.
Chefarzt Henry Schäfer freut sich, dass bei der Patientin Martina Schul die Entwöhnung von der Beatmungsmaschine gut klappt. Foto: Michael Faust Chefarzt Henry Schäfer freut sich, dass bei der Patientin Martina Schul die Entwöhnung von der Beatmungsmaschine gut klappt.
Frankfurt. 

Martina Schul hat ein Ziel: die Hollywoodschaukel in ihrem Garten. „Von dort habe ich alles im Blick“, sagt die 51-Jährige. Es sind nur ein paar Schritte von der Terrasse bis zu ihrem Lieblingsplatz, doch für die Maintalerin ist er ohne die Hilfe ihres Mannes unerreichbar. „Es strengt mich einfach zu sehr an.“ Gut ein Jahr ist es her, da hing ihr Leben am seidenen Faden. Martina Schul musste nach einem Darmverschluss notoperiert werden, sie verlor viel Blut, fing sich eine Infektion ein. „Dann kam sie ziemlich abgekämpft zu uns“, erinnert sich Dr. Henry Schäfer, Leiter des Weaning-Zentrums am Bürgerhospital.

Beatmungsentwöhnung

„Weaning“ steht für Beatmungsentwöhnung. Als einzige Klinik im Rhein-Main-Gebiet ist das Bürgerhospital darauf spezialisiert, Patienten dabei zu unterstützen, wieder selbstständig atmen zu lernen, wenn sie über einen längeren Zeitraum künstlich beatmet werden mussten.

„Eine Woche an den Geräten reicht schon, damit sich die Atemmuskulatur zurückbildet“, erklärt Schäfer. Je länger Intensivpatienten an den Schläuchen hängen, um so schwerer fällt ihnen die Entwöhnung. Dort, wo andere Krankenhäuser aufgeben, fängt die Arbeit der Spezialisten vom Bürgerhospital an. „Unser Ziel ist es immer, wegzukommen von den Geräten“, erklärt Schäfer. Bei sieben von zehn Patienten gelinge dies.

Martina Schul hat es im zweiten Anlauf geschafft. Zu groß war beim ersten Aufenthalt im Bürgerhospital noch die Angst, die Seele nach all den Strapazen noch zu geschunden. Auch jetzt gibt es, so Schäfer, „noch Optimierungsbedarf“, deshalb ist Schul gerade wieder für ein paar Tage auf Station. Dennoch hat seine Patientin Unglaubliches bewältigt. Zwar bekommt sie nach wie vor durch einen durchsichtigen Schlauch Sauerstoff, doch ihre Lunge arbeitet wieder eigenständig. Weil ihr aber das Atmen im Liegen besonders schwer fällt, trägt sie nachts eine Maske. „Das gibt mir Sicherheit“, erzählt sie.

Prozess dauert Wochen

Wie lange eine Entwöhnung dauert, ist laut Schäfer sehr unterschiedlich. „Mit drei bis vier Wochen muss man rechnen. Es gibt Patienten, denen pumpen wir erstmal fünf, sechs Liter Wasser aus der Lunge, dann geht das fast von alleine“, sagt der Spezialist. Es gibt andere, bei denen dauert es länger.

Und es gibt die kleinen Wunder. Schäfer erzählt von einem Patienten, ein junger Mann, gerade Vater geworden, der nach einer schweren Lungenentzündung nicht nur beatmet werden musste, sondern dem die Ärzte zusätzlich auch Kohlendioxid aus dem Blut filtern mussten. Ein beinah aussichtsloser Fall. „Der kam nach der Reha hier reinspaziert mit seinem Kleinen auf dem Arm und alles war wieder ganz normal“, erinnert sich der Chefarzt. Auch einer jungen Mutter, bei der es zu Komplikationen während der Geburt kam, konnten Schäfer und sein Team helfen. „Die Frau wurde drei Monate lang künstlich beatmet, der Mann stand mit dem Säugling ganz alleine da. Am Ende ist sie aufrecht hier rausgelaufen.“

Klappt die Entwöhnung nicht binnen acht Wochen, werden die Patienten in der Regel erst einmal mit Beatmungsgerät nach Hause entlassen. „Nach drei Monaten bekommen sie dann eine zweite Chance“.

Wenn die Luft wegbleibt

So wie Martina Schul. Ein Regenbogen ziert die weiße Schreibtafel neben ihrem Bett. „Du bist mein Herz und meine Seele. Gute Besserung, mein Schatz. Ich hab’ Dich lieb!“, steht darauf in kindlicher Handschrift geschrieben. Schuls Tochter ist elf Jahre alt. Ein guter Grund zu kämpfen, auch wenn von dem „alten Leben nicht mehr viel übrig ist“. Am schlimmsten, sagt die 51-Jährige, sei das Gefühl, wenn ihr plötzlich die Luft wegbleibt. Diese panische Angst. „Da meine ich, mir springen gleich die Augen raus.“ Doch aufgeben kommt für sie nicht in Frage. Auch wenn die Hollywoodschaukel derzeit noch unerreichbar scheint. . .

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