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Weltweite Nachfrage: Cashewnüsse bringen den Aufschwung in Ghana

Von Die westafrikanische Republik Ghana gilt als wirtschaftlich und demokratisch gefestigtes Land. Trotzdem müssen die meisten Einwohner Tag für Tag kämpfen, um über die runden zu kommen. Vier von fünf Menschen im erwerbsfähigen Alter haben weder eine Ausbildung noch einen Arbeitsvertrag. Ein Hoffnungsschimmer ist die weltweit steigende Nachfrage nach Cashewnüssen. Die wachsen in Ghana nämlich ausgezeichnet. Wir haben uns auf die Spuren des Exportschlagers gemacht - und dabei noch weitere Eindrücke von Land und Leuten gesammelt.
Mary Sarpong steht vor ihrer Farm im ghanaischen Busch. In der Hand hält sie einen Teller mit selbst geernteten Cashewnüssen. Bilder > Foto: Thomas Imo/photothek.net (Thomas Imo/photothek.net) Mary Sarpong steht vor ihrer Farm im ghanaischen Busch. In der Hand hält sie einen Teller mit selbst geernteten Cashewnüssen.

Mary Sarpong hat einen Teller mit Cashewnüssen gefüllt und streicht mit der rechten Hand über die Schalen. Die Bäuerin, die abseits der großen Städte und Straßen im ghanaischen Busch lebt, isst selbst keine Cashewnüsse. Was die Menschen in aller Welt daran finden, kann sie gar nicht recht begreifen. Weil die globale Nachfrage nach den Nüssen jährlich um zehn Prozent steigt, möchte die 62-Jährige ihre Farm aber trotzdem erweitern: „Wir wollen 160 Cashewbäume pflanzen“, sagt sie, und ihre erwachsenen Söhne Isaac und Peter nicken.

Mary Sarpongs Farm besteht aus zwei Steinhäuschen, von deren Fassaden der Putz bröckelt. Fließendes Wasser gibt es nicht, dafür eine einzelne Solarpaneele, die für etwas Strom sorgt. An der Feuerstelle räkeln sich ein Hund und eine Katze auf dem Lehmboden. Rings um die Lichtung stehen Dutzende Cashewbäume, die Mary Sarpong pflegt und erntet. „Ich weiß nicht, wie viele es sind“, gibt die Bäuerin zu – trotzdem stellen die Bäume ihre Existenzgrundlage dar.

2400 Kilo Cashewnüsse erntet Mary Sarpong pro Jahr. Der Händler, der die Ernte abholt, zahlt dafür etwa 8400 Ghana Cedi, was knapp 1900 Euro entspricht. Können die Farmerin und ihre Familie von weniger als 160 Euro im Monat leben? „Um ehrlich zu sein, es ist ein harter Kampf“, sagt die Frau mit den kurzen Locken und legt ihre Stirn in Falten. Mit einer Machete demonstriert sie, wie sie die Cashewbäume zurückschneidet. „Die tragen aber leider nicht mehr so gut wie früher, meine Farm ist schließlich schon 16 Jahre alt.“

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Die Republik Ghana hat etwa 27 Millionen Einwohner, von denen 3 Millionen im Großraum der Hauptstadt Accra leben. Mit einer Fläche von gut 238 500 Quadratkilometern ist Ghana beinahe so groß

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Als Mary Sarpong erfährt, dass sich die Kilopreise für Cashewnüsse auf dem Weltmarkt in den vergangenen drei Jahren vervielfacht haben, entfährt ihr ein lautes „Boah!“. Sie zeigt sich empört, dass sie von der Entwicklung nicht profitiert, ja nicht einmal erfahren hat. Und sagt, halb im Ernst, halb im Scherz: „Dann nehme ich ab jetzt einen US-Dollar pro Kilo.“

Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die im Auftrag der Bundesregierung Entwicklungshilfe leistet, will Cashewbauern wie Mary Sarpong zu höheren Einkommen verhelfen und den gesamten afrikanischen Cashewsektor stärken. Dafür haben das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und die Bill & Melinda Gates Foundation seit 2009 allein in Ghana insgesamt fast 11 Millionen Euro hingeblättert.

Die GIZ koordiniert die Cashew Competitive Initiative (CCI), eine Initiative, die die Wertschöpfungskette der Cashewnuss komplett in den Blick nimmt – von der Produktion über die Verarbeitung und Vermarktung bis zum Export. „Wir beraten die Bauern und helfen ihnen zum Beispiel, ihre Anbaumethoden und ihre Betriebsführung zu verbessern“, erläutert Entwicklungshelferin Rita Weidinger. In Ghana leben etwa 75 000 Menschen vom Cashewanbau. Der CCI gehe es darum, die Erträge und Einkommen zu erhöhen.

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Speerspitze der Forschung

Was die Ertragssteigerung angeht, spielt die wissenschaftliche Forschung eine wesentliche Rolle. Gladis, eine Pflanzerin aus Ghana, darf sich als eine der Speerspitzen begreifen: Die 27 Jahre alte Frau arbeitet in der Cashew Research Station, einem afrikaweit führenden Forschungszentrum in der Stadt Wenchi. Gladis sitzt auf einem Plastikhocker unter einem Sonnendach, die „Marley Twists“ mit einem Gummiband nach hinten gebunden. So kann sie sich ungestört der Kreuzung guter Cashewbaumarten widmen. Das Ziel ist die Züchtung schnell wachsender, ertragreicher Pflanzen und die Produktion entsprechenden Saatguts.

Mit einer Rasierklinge ritzt Gladis vorsichtig den eingepflanzten Zweig eines Cashewmutterbaums auf. In den Schlitz pfropft sie den Edel-Reis, den zarten Trieb eines anderen Baumes, und bindet die beiden Zweige zusammen. Die gekreuzte Pflanze wird nach Einschätzung von Arthur Robert, Leiter der Forschungsstation, einen Ertrag von 50 bis 60 Kilo bringen – nicht bloß 20 bis 25 Kilo, wie der ghanaische Durchschnittsbaum. „Unser Ziel ist, dass Ghana der größte Cashewexporteur in der Welt wird“, sagt Roberts. Die Folge wären: mehr Jobs und ein höheres Einkommen für viele.

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Aufwendige Verarbeitung

Die Entwicklungshelfer der GIZ wirken aber auch darauf hin, dass die Weiterverarbeitung der Cashwnüsse in Ghana gestärkt wird. Bislang wird der Großteil der Nüsse aus Ghana nach Indien oder Vietnam exportiert und dort weiterverarbeitet. Dazu gehört zuerst das aufwendige Schälen der Cashewnüsse, aber auch das Rösten der Kerne. Denn beim Endabnehmer, der im Supermarkt zum Beispiel zu einer Tüte „Studentenfutter“ greift, landen genaugenommen nur die länglichen, gebogenen Kerne.

Ghanas größtes Verarbeitungsunternehmen liegt direkt am Hafen der Hauptstadt Accra, das zweitgrößte ist MIM Cashew im Landesinneren. Dort, wo einst Holz verarbeitet wurde, sind nach dem Verschwinden beträchtlicher Teile des Regenwaldes etwa 1200 Menschen tätig, um die Cashewnüsse von ihren Schalen zu befreien, gute und schlechte Nüsse zu sortieren und für den Verkauf und Export ins Ausland vorzubereiten. MIM Cashew ist ein dänisches Unternehmen, der Standortleiter ist aber gebürtiger Chinese: Wenn Joseph Yeung in seinem weißen Hygienekittel und mit Plastikhaube auf dem Kopf durch die Hallen spaziert, nehmen die Arbeiterinnen sofort Haltung an. Sie sitzen an Stahltischen vor riesigen Haufen von Cashewkernen und sortieren, ganz nach dem Motto: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“ Yeung erläutert, dass der Weltmarkt vor allem nach unversehrten Kernen verlangt. Sind Ecken abgeplatzt oder Kerne zerbrochen, können sie aber auch noch verkauft werden: „Daraus werden dann zum Beispiel Streusel für Eis gemacht.“

Neid im Heimatdorf

30 Tonnen Nüsse pro Tag werden bei MIM Cashew pro Jahr verarbeitet, die Mitarbeiter stammen fast alle aus der Region ringsum. Das Schälen im Akkord ist zwar hart, Arbeiterin Awere Agartha sagt aber, dass sie von den anderen Frauen aus ihrem Dorf beneidet wird: für das geregelte Einkommen und den recht hohen Verdienst. Einige Arbeiter erhalten gut 1300 Cedi, also fast 300 Euro im Monat – so viel Geld könnten sie mit der Landwirtschaft nie verdienen. „Der Erfolg von Cashew ermutigt uns“, sagt Agartha. Die Nuss ist der Kern des Wirtschaftsaufschwungs.

(chc)
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