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Frauen in Chefetagen: Chefärztinnen sind rar gesät

Von Medizin wird weiblich: Schon jetzt ist beinahe jeder zweite Arzt in Hessen kein Arzt, sondern eine Ärztin (46 Prozent). Und der Anteil der Medizinerinnen wird weiter steigen: An hessischen Universitäten sind aktuell 68 Prozent der Studierenden im Fach Medizin Frauen. Karriere aber machen die Männer. Nur jede achte Chefarztstelle in Hessen ist mit einer Ärztin besetzt. In Frankfurt ist es gar nur jede elfte.
Bilder > Foto: Heike Lyding
Frankfurt. 

Bald haben sie die Männer überholt: Frauen erobern die Welt der Medizin im Sturm. An den Universitäten sind sie längst in der Überzahl: Von 781 Absolventen im Fach Medizin waren in Hessen im vergangenen Jahr 453 Frauen (58 Prozent). 15 Jahre zuvor lag ihr Anteil noch bei 41 Prozent. Schon jetzt ist beinahe jeder zweite Arzt in Hessen tatsächlich eine Ärztin (46 Prozent), Tendenz steigend. In den Chefsesseln aber sitzen Männer. Und viele von ihnen seien eifrig darum bemüht, dass dies auch so bleibt, sagen die Leipziger Wissenschaftlerinnen Dorothee Alfermann und Swantje Reimann. Sie haben weibliche Karrieren (und Karrierebrüche) in der Medizin in einer Studie untersucht und sind dabei auf „männliche Machtverhältnisse“ gestoßen.

„Oftmals werden Frauen, die sich auf eine Chefarztstelle bewerben, gar nicht erst eingeladen, weil man sie sonst nehmen müsste wegen der Quote“, hat Christine Hidas beobachtet, Vorsitzende der Regionalgruppe Frankfurt des Deutschen Ärztinnenbundes. Manchmal zögen Frauen aber auch aus ganz anderen Gründen den Kürzeren: „Karriere hat viel mit Netzwerken zu tun. Die Männer haben ihre Netzwerke seit vielen Jahren. Wenn sie dann jemanden suchen für eine Stelle, schauen sie sich zunächst in ihrem Netzwerk um. Frauen sind da oft gar nicht im Blickfeld.“

Weniger ambitioniert?

Weibliche Karrieren in den Kliniken scheitern nicht nur an oftmals patriarchischen Strukturen. Sie scheitern bisweilen auch daran, dass die Ärztinnen gar keine Klinikkarriere machen wollen. Das legt eine Studie der Landesärztekammer nahe, im Zuge derer Absolventen der hessischen Medizinhochschulen nach ihren beruflichen Plänen befragt wurden: Während nur zwei von hundert Ärztinnen angaben, eine Chefarztposition anzustreben, war es bei den Männern jeder zehnte. Bei der Wahl des Arbeitsplatzes sind die Aufstiegschancen nur für 14,8 Prozent der Frauen ein Auswahlkriterium, aber für 29,4 Prozent der Männer. Dafür fällt für Ärztinnen die Möglichkeit, Teilzeit arbeiten zu können, stärker ins Gewicht: Während 16 Prozent der Frauen angaben, dies spiele für sie eine Rolle, waren es bei den Männern nur 3,8 Prozent.

„Ärztinnen mit Familienplänen entscheiden sich oftmals gegen eine Karriere im Krankenhaus. Viele von ihnen lassen sich nieder, da sie hier ihre Arbeitszeiten mehr oder weniger selbst bestimmen können“, hat Kristin Brunner, Sprecherin des Bürgerhospitals beobachtet.

Rahel Hirsch war die erste deutsche Medizin-Professorin.
1913 wurde Frankfurterin Ärztin zur Medizin-Professorin ernannt Der Hirsch-Effekt oder die Puderquaste im Nachtgeschirr

Die gebürtige Frankfurterin Rahel Hirsch war 1913 die erste Frau, die im Königreich Preußen zur Professorin für Medizin ernannt wurde. An der renommierten Charité in Berlin erhielt sie damals für ihre Arbeit nicht mal ein Gehalt.

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Die Leipziger Wissenschaftlerinnen Alfermann und Reimann kommen zu dem Ergebnis, dass ein Karriereknick vor allem dann programmiert ist, wenn Ärztinnen während ihrer Weiterbildung schwanger werden. Entschieden sie sich im Anschluss für eine Teilzeittätigkeit oder die Niederlassung in einer Praxis, bedeute dies „im Allgemeinen das Ende einer Karriere in Richtung Leitungsposition“. Noch immer herrsche das Arbeitsideal „eines in Vollzeit tätigen, immer verfügbaren Arztes“ vor, gerade wenn es um Führungspositionen geht. „Es gibt immer noch viele Chefärzte, die sagen: 100 Prozent oder gar nicht, auch wenn das rechtlich überhaupt nicht zulässig ist. Manche Frauen trauen sich dann auch nicht, Teilzeit einzufordern“, erklärt Hidas.

Fragt man die Klinik-Geschäftsführer nach den Gründen für den geringen bis nicht existenten Frauenanteil in den Chefetagen, verweisen die meisten darauf, dass sie von Frauen so gut wie keine Bewerbungen erhielten. „Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Frauen bewerben“, sagt etwa Tobias Gottschalk, Geschäftsführer der Stiftung Hospital zum Heiligen Geist. Dabei zählen seine Kliniken – das Nordwest Krankenhaus und das Hospital zum Heiligen Geist – noch zu jenen in Frankfurt mit dem höchsten Chefärztinnen-Anteil: Immerhin sind dort drei von 21 Chefarztstellen mit Frauen besetzt.

Tatsächlich gibt es große Unterschiede zwischen den Frankfurter Kliniken. Während es an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU), am Katharinen-Krankenhaus, an den Rotkreuzkliniken und am Elisabethen- und Marienkrankenhaus keine einzige Chefärztin gibt, beschäftigt das städtische Klinikum in Höchst immerhin zwei Chefärztinnen. Am Krankenhaus Sachsenhausen, am Markus Krankenhaus und am Bürgerhospital arbeitet je eine Chefärztin.

Das Universitätsklinikum ist ein Sonderfall, da es dort keine Chefärzte, sondern Direktoren gibt, die die Kliniken und Klinischen Institute leiten. Hier stehen sechs Direktorinnen 46 Direktoren gegenüber, von den 107 Professoren sind 21 Frauen.

Weit abgeschlagen

Verglichen mit anderen Universitätskliniken stehen die Frankfurter nach einer Untersuchung des Deutschen Ärztinnenbundes nicht besonders gut da: Während am Universitätsklinikum Hamburg beinahe jede vierte Führungsposition (23 Prozent) von einer Frau bekleidet wird, ist es hier nur jede siebzehnte (6 Prozent). Damit belegt Frankfurt Rang 25 der insgesamt 34 untersuchten Unikliniken. Immerhin: Bei den Oberärztinnen liegt Frankfurt mit 32 Prozent Frauen im Mittelfeld.

Dass Handlungsbedarf besteht, haben die Verantwortlichen der Uniklinik erkannt und konkrete Maßnahmen im Frauenförderplan festgeschrieben. Vom Erreichen dieser selbst gesteckten Zielen ist das Haus allerdings weit entfernt. „Viele der heutigen Klinikdirektorenpositionen wurden schon vor etlichen Jahren berufen und besetzt“, erklärt dazu Sprecherin Ricarda Wessinghage. Das Thema Frauenförderung sei im Krankenhauswesen jedoch erst vor einigen Jahren stärker in den Fokus gerückt. Bei der Besetzung von Führungspositionen verfolge die Klinik das Ziel, „Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt einzustellen“.

Männerquote

Besonders schwer scheint dies in jenen Fächern zu sein, in denen der Frauenanteil nach wie vor gering ist – in der Unfallchirurgie etwa. Von 1454 Unfallchirurgen in Deutschland sind nur 125 Frauen. „Angesichts der Studierendenzahlen frage ich mich eher, wann wir über eine Männerquote an den Universitäten reden“, sagt Prof. Dr. Dr. Reinhard Hoffmann, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und Ärztlicher Direktor der BGU, wo es gar keine Chefärztin gibt. Zwar könnten Frauen durchaus gute Unfallchirurgen sein, seine Erfahrung zeige jedoch, dass die meisten früher oder später ausstiegen. Ein Karrierebruch, etwa aus familiären Gründen, führe häufig dazu, dass es den Frauen an operativer Erfahrung fehle – „und hier geht es um Leben und Tod“, betont Hoffmann.

So schnell werde sich an der männlichen Dominanz in den Chefetagen der Kliniken nichts ändern, erwartet Hidas: „Das ist ein Generationenproblem. Und manche alten Zöpfe wachsen einfach nach.“

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