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Der rote Faden, Folge 259: Christian Kabitz - Der Chorleiter

Seit 30 Jahren leitet Christian Kabitz den Frankfurter Cäcilienchor, einen der traditionsreichsten Chöre Deutschlands. Noch heute prägt er das musikalische Bild der Stadt. Ihm widmen wir die Folge 259 unserer Serie "Der rote Faden", in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.
Christian Kabitz legt im Haus der Chöre aus dem roten Faden einen Notenschlüssel. Foto: Salome Roessler Christian Kabitz legt im Haus der Chöre aus dem roten Faden einen Notenschlüssel.

Angst davor, im Mittelpunkt zu stehen, hat Christian Kabitz nicht – als Dirigent ist er das schließlich gewohnt. Und auch im Café scheut er sich nicht davor, gestenreich zu sprechen, zu dirigieren, zu summen oder gar zu singen, wenn er von seiner Arbeit spricht. Da wird man als Gegenüber auch schon mal aufgefordert, dabei behilflich zu sein, ein Problem der Dirigiertechnik zu veranschaulichen, indem man „Bum-Bum“ sagt, wenn Kabitz an der richtigen Stelle die Hände in der Luft schüttelt.

Christian Kabitz lebt mittlerweile in Heidelberg, wo er einen Chor und einen Kinderchor leitet. Zusammen mit Würzburg und Frankfurt ist die Universitätsstadt am Neckar eine seiner wichtigen Wirkungsstätten. Sein Bezug zu Frankfurt? Seit 1988 leitet er den Cäcilienchor, einen der ältesten Oratorienchöre Deutschlands, der in diesem Jahr sein 200-jähriges Bestehen feiert. Zugleich feiert Christian Kabitz sein 30. Jahr als künstlerischer Leiter des Chors. Auch in der Alten Oper ist Kabitz regelmäßig präsent, sei es mit Eröffnungsreden für Konzertreihen oder bei der Gestaltung des Kinderprogramms. Seine Stelle als Kantor der St.-Johannis-Gemeinde in Würzburg musste er 2015 aufgeben, da die evangelische Kirche alle ihre Angestellten mit 65 Jahren pensioniert. „Was schade ist, denn als Dirigent fängt man erst mit 60 an, so langsam zu kapieren, wie’s wirklich geht“, sagt Kabitz gut gelaunt. Seine Stimme ist sanft und melodisch, hinter den Brillengläsern funkeln hellwache Augen. Gefragt, wie es denn wirklich gehe, antwortet er: „Das ist eine Frage der Spiritualität, des Magie-Herstellens, des Zauberns.“ Es gehe darum, der Musik etwas hinzuzufügen. „Etwas, was man nicht erklären kann, was aber existiert.“

Der Rote Faden - 
Frankfurter im Porträt,
Societäts-Verlag 2015,
208 Seiten, Bildband,
€ 19,80 (D) / € 20,40 (A) / sFr 28,50 (CH), 
ISBN: 978-3-95542-147-2 Bild-Zoom
Der Rote Faden - Frankfurter im Porträt, Societäts-Verlag 2015, 208 Seiten, Bildband, € 19,80 (D) / € 20,40 (A) / sFr 28,50 (CH), ISBN: 978-3-95542-147-2

Das Unerklärliche fasziniert Christian Kabitz schon lang. Schließlich studierte er nach dem Abitur 1969 Philosophie in München; weil er sich Fragen stellte und Antworten suchte. Er sucht nach einer Erklärung für den Begriff der Unendlichkeit und nach einem Gottesbeweis. „Als junger Mensch blickt man zum Himmel, fragt sich, was dort oben ist, und kann einfach nicht fassen, dass das Weltall unendlich sein soll. Das menschliche Gehirn kann den Begriff der Unendlichkeit einfach nicht verarbeiten.“

Mit Musik aufgewachsen

Parallel zum Studium verdient er sich als Kirchenmusiker. Immerhin spielt er schon seit dem fünften Lebensjahr Klavier und seit dem achten Orgel, einen Bezug zur Kirchenmusik hat er durch seine Familie. „Ich hatte drei jüngere Schwestern, zu Hause in Nürnberg war es mir oft zu viel, daher haben sie mich zu meinen Großeltern nach Ingolstadt geschickt.“ Bei ihnen hört Kabitz Choräle, Orgelmusik und besucht den Gottesdienst. „Musik war dort ein ständiger Bestandteil des Alltags: Meine Cousine spielte Orgel, meine Tante Klavier und schon als kleiner Junge durfte ich dreihändig mit ihr spielen.“ Trotzdem schläft er ein, als eine Lehrerin sein Interesse an klassischer Musik bemerkt und ihn in die „Johannis-Passion“ mitnimmt – zu viel für den damals Elfjährigen. Doch wenige Jahre später entdeckt Kabitz seine Begeisterung für den damals in München gefeierten Dirigenten Karl Richter. „Er war für mich wie ein Urerlebnis.“ Als Jugendlicher schleicht er sich regelmäßig in Richters Proben. „Ich denke, es war sein souveränes Dirigat, überhaupt diese Souveränität, die er ausstrahlte, die mich so faszinierte.“

Der Rote Faden: Hier finden Sie alle Folgen!

Zur Abiturzeit verdient Kabitz sich sein erstes Auto, einen VW Käfer, durchs Orgelspielen in der Himmelfahrtskirche in München-Pasing und sammelt erste Erfahrungen als Dirigent. Trotzdem glaubt er nicht, dass er sich mit den Großen der Kirchenmusik messen kann, studiert lieber Philosophie und arbeitet als hauptamtlicher Organist in der Paul-Gerhardt-Kirche in München. Als dort eine neue Orgel eingeweiht wird, hört ihn der damalige Landeskirchenmusikdirektor der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Friedrich Högner. „Er nahm mich anschließend beiseite und sagte mir, ich hätte das Zeug dazu, Nachfolger von Karl Richter zu werden.“ Mit diesen Worten trifft Högner bei Kabitz einen Nerv und weckt seinen Ehrgeiz. Högner rät dem jungen Mann, sich an der Staatlichen Hochschule für Musik in München für den Studiengang als Kirchenmusiker zu bewerben, und Kabitz hört auf seinen Rat. „Es ist mir noch heute ein Rätsel, wie ich die Aufnahmeprüfung bestanden habe. Ich hatte keine Ahnung von Kontrapunkten und dergleichen.“ Anderthalb Jahre lang studiert Kabitz Kirchenmusik und Philosophie parallel.

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Der rote Faden Das rote Band der Sympathie

Der Societäts-Verlag hat eine Porträtreihe aus der Frankfurter Neuen Presse aufgenommen: „Der rote Faden“ vereint 40 Frankfurter, die Großes geleistet haben.

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Nach seinem Abschluss in Philosophie gründet Kabitz das Münchner Bach-Collegium, ein Orchester bestehend aus Meisterklasse-Studenten der Münchner Musikhochschule, und tritt 1973 eine Stelle als Kantor in der Münchner Christuskirche an. Dort führt er große Oratorien auf, beschreitet aber auch neue Wege und organisiert die deutsche Erstaufführung des Musicals „Jesus Christ Superstar“ – damals sogar mit Polizeischutz. Zugleich spielt er Keyboard in einer Rockband. Bands wie Pink Floyd, Deep Purple oder King Crimson liebt und schätzt er bis heute. In seiner Münchner Zeit komponiert er zusammen mit Guntram Pauli und Klaus Haimerl das „Rock Requiem“, ein Werk, das Klassik und Rock vermischt – und das lange, bevor Bands wie Metallica mit vergleichbaren Stilmischungen Erfolge feiern. „Rock gehörte damals einfach mit zum Leben, es war nahe liegend, Rock und Klassik zu verbinden“, so Kabitz. Die Inspiration für „Rock Requiem“ liefert der Song „Whiter Shade of Pale“ der britischen Rockband Procol Harum, in dem Kabitz einige Partituren einer Bach-Komposition wiedererkennt. Dementsprechend groß ist auch Kabitz’ Freude darüber, dass Procol-Harum-Sänger Gary Brooker sich für die Aufführungen von „Rock Requiem“ als Sänger gewinnen lässt und mit ihm auf Tournee geht. Bei den Konzerten dirigiert Kabitz Chor und Orchester.

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