E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 22°C

Probleme der Branche: Clubs in der Krise, aber nicht tot

Ardi Goldman hat angekündigt, den „King Kamehameha“-Club wiedereröffnen zu wollen – obwohl er der Meinung ist, dass die Club-Szene an sich tot ist. Ganz daneben liegt er sicher nicht. Matthias Bittner hat darüber mit Prof. Dr. Ulrich Reinhardt gesprochen.
Wenn Forscher Prof. Dr. Ulrich Reinhardt in die Zukunft blickt, sieht er keineswegs schwarz für die Club-Szene. Vorausgesetzt die Branche passt ihre Konzepte an die veränderten Anforderungen  einer multimedialen Welt an. Foto: M.Kuhn Wenn Forscher Prof. Dr. Ulrich Reinhardt in die Zukunft blickt, sieht er keineswegs schwarz für die Club-Szene. Vorausgesetzt die Branche passt ihre Konzepte an die veränderten Anforderungen einer multimedialen Welt an.
Szene. 

Ardi Goldman hat angekündigt, den „King Kamehameha“-Club wiedereröffnen zu wollen – obwohl er der Meinung ist, dass die Club-Szene an sich tot ist. Ganz daneben liegt er sicher nicht. Trotz Gibson, Travolta oder Zoom fällt auf, das die Szene in Frankfurt vor einigen Jahren noch bunter und vielfältiger war. Mit dem Cocoon gab es sogar ein Zugpferd, das in ganz Europa für Schlagzeilen sorgte. Über das Thema hat Redakteur Matthias Bittner mit Prof. Dr. Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg, gesprochen.

Herr Reinhardt, trifft die Aussage „Club-Sterben“ denn überhaupt zu oder ist das überspitzt ausgedrückt?

PROF. DR. ULRICH REINHARDT: Ich denke, der Begriff Club-Sterben ist etwas übertrieben, aber durchaus ein bundesweites Problem. In vielen Städten müssen immer wieder Clubs schließen – doch oftmals taucht dann an anderer Stelle ein neues Konzept wieder auf.

Welche Faktoren sind ausschlaggebend, dass viele Clubs offenbar nicht mehr so angesagt sind?

REINHARDT: Hierfür ist für mich zum einen der zunehmende Freizeitstress verantwortlich. Nahezu jeder Deutsche gab bei einer unserer Repräsentativbefragungen an, zu wenig Freizeit zu haben. Auch die Jugend leidet unter chronischer Zeitnot, weshalb mehr in gleicher Zeit erledigt werden muss. Ausgehen und Besuche öffentlicher Einrichtungen werden daher auf das Wochenende oder in die Ferien verlegt und werden so zum Höhepunkt. Zum anderen trifft das Konzept „heute in, morgen out“ bei Freizeitaktivitäten mehr denn je zu. Was bei jungen Erwachsenen angesagt ist, ändert sich in immer kürzeren Zyklen, was das Überleben von einem Club über längere Zeit deutlich schwerer macht.

Ist das nicht auch eine Geldfrage – junge Erwachsene sind ja meist knapp bei Kasse, Eintritt und Preise in Clubs aber teuer ?

REINHARDT: Junge Erwachsene haben schon immer weniger Geld gehabt, weshalb dieser Aspekt allein nicht wirklich ausschlaggebend sein dürfte. Jedoch sind die Möglichkeiten, Geld auszugeben deutlich gestiegen, wodurch sich das Budget für Partynächte bei einigen sicherlich spürbar geschmälert hat.

Verbringen junge Menschen ihre Wochenenden heute anders als früher und haben sie andere Werte und Ideale als frühere Generationen?

REINHARDT: Die häufigsten Freizeitaktivitäten junger Menschen drehen sich ganz klar um sämtliche Medien, vom Fernseher bis zum Smartphone. Doch auch Freunde treffen ist ihnen wichtig, ebenso wie spontan sein und einfach mal Nichtstun. Immerhin 45 Prozent der 18- bis 29-Jährigen gaben bei einer Repräsentativbefragung an, mindestens einmal im Monat in einen Club beziehungsweise eine Discothek zu gehen.

Die Clubszene war/ist verrufen, weil sie in Verbindung mit Drogen (Ecstasy etc.) gebracht wird. Lebt die jüngere Generation heute bewusster, es rauchen ja auch weniger junge Menschen?

REINHARDT: Eine gesundheitsbewusste Lebensweise ist dank umfassender Kampagnen heute sicherlich verbreiteter unter jungen Erwachsenen als früher. So sagen 77 Prozent der 14 bis 24-Jährigen, dass sie mindestens einmal im Monat etwas für die eigene Gesundheit tun – 2007 waren es nur 69 Prozent.

Kürzlich war David Guetta für ein Konzert in Frankfurt, es war ausverkauft – im Club tanzen aber immer weniger Menschen zu seiner Musik? Zählt eher das Live-Erlebnis?

REINHARDT: Erlebnisse sind sehr wichtig. In allen Lebensbereichen: Ob im Urlaub, auf der Arbeit oder in der Freizeit. Wir identifizieren uns heute viel mehr über unser Freizeitverhalten als früher, ganz nach dem Motto „Wenn ich dir erzähle, was ich erlebt habe“. Hinzu kommt, dass Musik schon immer etwas sehr Wichtiges für den Menschen gewesen ist und auch zukünftig sein wird. Gemeinsame Erfahrungen auf Konzerten, Festivals oder auch in Discotheken schweißen zusammen und lassen ein Wir-Gefühl entstehen. Die Möglichkeit echte Kontakte zu knüpfen, bleibt auch zukünftig in unserer medialen Welt von großer Bedeutung.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Discothek und Club?

REINHARDT: Der Unterschied besteht in der Herkunft der Wörter: Discothek bedeutet auch Schallplattensammlung oder Schallplattenarchiv, es wurden also von DJs verschiedene Stücke zum Besten gegeben. In Musikclubs sind früher meist auch Livemusiker aufgetreten und waren jeweils auf ein spezielles Genre ausgerichtet, zum Beispiel ein Jazzclub. Heute werden beide Begriffe fast synonym verwendet – nicht zuletzt durch den englischen Begriff „clubbing“ (der übrigens auch schon im Duden steht).

Wird es auch in Zukunft noch Discotheken geben?

REINHARDT: Ja, sie werden sich weiterentwickeln und neue Konzepte bieten müssen, aber der Wunsch nach Geselligkeit wird immer bestehen bleiben. Auch in Zukunft wollen die Menschen sich lieber persönlich treffen als nur zu skypen, zu telefonieren oder zu mailen. Dies stellt eine Chance für Clubs dar, zukünftig auch als Kontaktbörsen wahrgenommen zu werden.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen