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Das Aussterben der Metzger

Einst gab es in jedem Stadtteil – mindestens – einen Metzger. Diese Zeiten sind längst vorbei, dabei wünschen sich die Menschen, wie Umfragen ergeben haben, einen guten Metzger im Quartier. FNP-Mitarbeiter Andreas Haupt hat sich auf Spurensuche begeben.
Alfred Quirin aus Harheim an seinem Metzger-Stand auf dem Konstabler-Markt. Alfred Quirin aus Harheim an seinem Metzger-Stand auf dem Konstabler-Markt.
Frankfurter Osten. 

Früher gab es sie fast an jeder Ecke, heute sind sie aus einigen Stadtteilen ganz verschwunden: Die Metzger. In Alt-Fechenheim, erzählen die Leute, gab es zehn oder gar zwölf, selbst im kleinen Dorf Harheim waren es vor 50 Jahren noch fünf. Während es meist mehrere Bäcker gibt, zumindest als Filialen großer Ketten, haben einige Stadtteile im Frankfurter Osten wie Nieder-Erlenbach, Enkheim, Fechenheim oder der Riederwald schon seit Jahren keinen Metzger mehr. Und das, obwohl viele Menschen auf die Frage, welches Geschäft sie sich für den Stadtteil wünschen, wie aus der Pistole geschossen antworten: Einen guten Metzger.

Kunden aus dem Stadtteil

Viel Platz ist nicht in dem kleinen Metzgerladen von Manfred Völp in Seckbach, in der Wilhelmshöher Straße 169. Nur vier Meter ist die Theke breit, mehr Platz ist nicht vorhanden. "Seit zwei Jahren geht das Geschäft wieder etwas besser", erklärt der 56-Jährige, wieso wisse er selbst nicht so genau. Aber gut laufe es nicht, große Sprünge könne er nicht machen, erzählt er. Nur drei Angestellte habe er noch. Wie zahlreiche seiner Kollegen, etwa Peter Martus (54) in Preungesheim oder die Bergener Metzger, Ehepaar Ute Gerbig (46) und José Barbero (50) in der Marktstraße 29 und Heinz-Georg Zeitz in der Marktstraße 92 in Bergen oder Stefan Schmidt, Korfstraße 41, in Harheim lebt Völp vor allem von Kunden aus dem eigenen Stadtteil.

Doch nicht alle Frankfurter kaufen ihr Fleisch und ihre Wurst noch beim Metzger. Viele bevorzugen Supermärkte. "Rewe hat bis 22 oder 24 Uhr geöffnet. Wie sollen wir da mithalten?", fragt Ute Gerbig. Seckbach, schätzt Völp grob, habe etwa 10 000 Einwohner. "Wenn die alle bei mir kaufen würden, ginge es mir richtig gut."

Immerhin haben die Metzger Stammkunden auch außerhalb des eigenen Stadtteils. "Ich habe Kunden aus Bornheim, dem Riederwald oder Fechenheim", so Völp. Bei Ute Gerbig kommen viele aus Bad Vilbel oder Maintal, auch aus Fechenheim und Seckbach. Bei Peter Martus machen viele von außerhalb Station, auf dem Weg von oder zur Arbeit.

Immerhin: Seit drei Jahren sei der Bestand an Metzgereien in Frankfurt unverändert, sagt Thomas Reichert, der Frankfurter Obermeister der Fleischerinnung. Vor 40 Jahren allerdings hatte die Innung 20 mal so viele Mitglieder wie heute: Von damals fast 600 sank sie auf nur noch 37. Reichert verweist auf das veränderte Einkaufsverhalten der Menschen, die weniger im eigenen Stadtteil einkaufen. Die Zahl der kleinen Geschäfte werde immer weniger.

Ein Trend, den auch Ute Gerbig in Bergen beobachtet. "Früher gab es hier einen Edeka, Tengelmann, Tchibo, Schlecker, einen Blumen- und einen Obst- und Gemüseladen. Die sind alle weg." Seitdem gebe es kaum noch Laufkundschaft. Noch schlechter hat es da ihr Kollege ein paar 100 Meter weiter, Heinz-Georg Zeitz. Selbst die Gaststätte nebenan hat inzwischen geschlossen, Laufkundschaft ist hier Fehlanzeige.

Ein Alleinstellungsmerkmal, das die Metzger im Frankfurter Osten immer wieder herausstellen, sind die Frische und die Qualität ihrer Ware. Alle machen mehr als 95 Prozent ihrer Produkte selbst, kaufen nur wenige Spezialitäten wie Serano- oder Schwarzwälder Schinken hinzu. Vor allem Aufschnitt und Wurst verkaufen sich gut, sagen viele. Einige wie Völp suchen die geschlachteten Tiere einmal wöchentlich selbst im Großmarkt in Gießen oder Aschaffenburg aus. Bei Peter Martus hängt ein kleines Schild hinter der Theke: "Unser Rindfleisch kommt heute vom Hof . . .", dazu Name und Telefonnummer des Betriebs. Das soll Vertrauen schaffen.

Fleisch aus der Region

Doch dieses klassische Argument ziehe oft nicht mehr, sagt Reichert. "Früher boten Metzger als einzige frisches Fleisch an. Heute ist das anders." Vor allem als 1995 der Frankfurter Schlachthof endgültig geschlossen wurde, wurde es für die Metzger immer schwerer, mit der Aussage "Fleisch aus der Region" beim Kunden zu punkten.

Es sei immer wichtiger für die Metzger, Nischen zu finden, sagt Reichert. Und sich wie die großen Einzelhändler zu überlegen, wie sie die Kunden zufriedenstellen können. "Die Händler machen das jeden Tag. Wir Fleischer denken da manchmal noch zu sehr wie Handwerker." Einige Metzger haben solche Nischen, zumindest ansatzweise. So stellen Ute Gerbig und José Barbero eigene Fleischkonserven her, hängen die selbst gemachten Schinken luftdicht eingeschweißt in ihren Laden.

Peter Martus will mit seinem Sohn Patrick (24), der im Herbst seine Meisterprüfung ablegen will, den früheren Partyservice wieder aufbauen. Anders als die meisten Kollegen verdient Martus auch mit seinem frischen Mittagstisch Geld. "Manchmal verkaufen wir am Tag 60 Portionen Schweinebraten."

Und Stefan Schmidt in Harheim schlachtet zumindest seine Schweine noch selbst, immer montags.

Eine ganz eigene Nische besetzt der Harheimer Alfred Quirin, Korffstraße 23. Er hat noch einen eigenen Schweinestall, zieht im Jahr 400 bis 500 Schweine groß, die er selbst verarbeitet. "Es sind Pietraen-Schweine, eine französisch-belgische Rasse mit magerem Fleisch." Statt einen eigenen Laden neben dem von Stefan Schmidt zu betreiben, geht er drei Mal wöchentlich auf Märkte, um seine Produkte zu verkaufen: dienstags am Dornbusch, freitags auf der Schillerstraße und samstags an der Konstabler Wache. Nur am Donnerstagnachmittag verkauft er im eigenen Hofladen.

Wie lange die Metzger im Frankfurter Osten noch bestehen, ist ungewiss. Bei Alfred Quirin übernehmen Tochter Marina (40) und Sohn Karsten (35) wohl den Betrieb, beide arbeiten bereits im Unternehmen mit. Auch Peter Martus’ Sohn Patrick wird das Geschäft in der Homburger Landstraße übernehmen. Doch sie sind die einzigen: Bei allen anderen gibt es keinen Nachfolger in der Familie. Und Versuche, eine schließende Metzgerei weiterzuverkaufen oder einen Pächter zu finden, sind meist vergeblich.

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