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Historisch: Das Geheimnis der Villa Kennedy

Heute Luxushotel – in der NS-Zeit als jüdische Immobilie von der Stadt zur eigenen Bereicherung „arisiert“: Die Geschichte der Villa Kennedy kennen nur Wenige. Kein Wunder: Frankfurt hat das Schicksal dieser Objekte noch nicht erforscht.
Die Villa Kennedy hieß einst Villa Speyer und wurde im Jahr 1936 arisiert. Aufgearbeitet ist diese Geschichte bis heute kaum. Foto: Fabian Sommer (dpa) Die Villa Kennedy hieß einst Villa Speyer und wurde im Jahr 1936 arisiert. Aufgearbeitet ist diese Geschichte bis heute kaum.
Frankfurt. 

Vor elf Jahren hat in Frankfurt unweit des Mains die Villa Kennedy eröffnet. In einem Prospekt des britischen Pächters hieß es damals zur Geschichte des Super-Luxushotels, das private Anwesen sei einst durch eine Schenkung an die (städtische) Universität gefallen. Eine in die Irre führende Legende, wie der Historiker Dieter Wesp in einem Buch herausgefunden hat.

Der schlossartige Hotel-Hauptbau an der heutigen Kennedyallee war 1901 im historisierenden Stilmix vom jüdischen Bankier und Mäzen Beit von Speyer und seiner Familie gebaut worden. Er gehörte damals zu den reichsten Einwohnern Frankfurts. Nach dem Tod des Bankiers im Jahr 1933 emigrierten die Kinder in die Schweiz. Das Haus wurde dann an die Stadt Frankfurt verkauft.

Bruchteil des Werts

Es war aber kein gewöhnlicher Immobilientransfer, sondern es ging um die „Arisierung“ jüdischen Eigentums in der NS-Zeit. Die Stadt zahlte im Jahr 1936 dafür 137 000 Reichsmark – und damit nur einen Bruchteil des Werts. Andere Käufer waren ausgeschlossen worden.

Die brisante Geschichte der Villa Kennedy – vormals Villa Speyer – hat der Stadtteilhistoriker Wesp recherchiert. Er wohnt nur wenige hundert Meter vom Hotelkomplex entfernt und erhielt für sein Projekt Geld von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft.

In der städtischen Villa hat im Zweiten Weltkrieg das Kaiser-Wilhelm-Institut Strahlenforschung betrieben. Nach 1945 wird unter dem neuen Namen Max-Planck-Institut für Biophysik mit dem alten Direktor weitergearbeitet. Schließlich verkauft die Stadt das Anwesen im Jahr 2000 für 18 Millionen Mark an einen Mannheimer Investor, der die Villa zu einem großen Luxushotel erweitert. Das wird dann wiederum von einer Bank für 70 Millionen Euro gekauft.

Kleine Entschädigung

Frankfurt hat beim Verkauf der Immobilie an den Hotelinvestor eine Superrendite erzielt. „In 64 Jahren hat sich die ursprüngliche Investitionssumme jedes Jahr verdoppelt“, hat Wesp ausgerechnet. Die Erben Beits verlangten zwar aus den USA nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Entschädigung – wurden aber letztlich mit 150 000 Mark abgefunden.

Die Villa Kennedy ist sicherlich der spektakulärste Fall bei der sogenannten Arisierung jüdischen Vermögens in Frankfurt. Er steht aber nicht allein: Von 1933 bis 1945 gelangte Frankfurt in den Besitz von rund 170 Objekten jüdischen Ursprungs, darunter von prominenten jüdischen Bürgern wie den Rothschilds, den Unternehmern Arthur und Carl von Weinberg oder dem als Kaufhauskönig bezeichneten Hermann Wronker. Viele Häuser stehen heute nicht mehr oder wurden veräußert.

Frankfurt hatte vor 1933 – prozentual gesehen – den größten Anteil an jüdischer Bevölkerung in Deutschland. Die Stadt hat zwar nach dem Krieg bundesweit das erste Jüdische Museum gebaut – und sich ihrer Vergangenheit gestellt. Doch das dunkle Kapitel vom Umgang mit jüdischem Eigentum wurde bisher nicht aufgearbeitet. „Die systematische Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung ist eine Lücke in der Stadtgeschichte“, stellt Wesp fest.

Andere sind viel weiter

Eine „Leerstelle“, die dringend gefüllt werden müsste, befand im vergangenen Jahr auch das Fritz-Bauer-Institut zur Erforschung des Holocaust in Frankfurt. Andere Kommunen sind da viel weiter. Mannheim etwa hat jede jüdische Immobilie, die damals verkauft werden musste, genauestens erfasst.

Im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte liegt zwar die Liste mit den rund 170 Objekten, die nach 1933 in den Besitz der Stadt gelangten. Doch diese ist immer noch nicht genau ausgewertet, wie Institutsmitarbeiter Thomas Bauer sagt. Er hält es grundsätzlich auch für wichtig, einen Forscher damit zu beauftragen. Dafür müsse es aber wegen der Kosten einen politischen Beschluss der Stadt geben.

Anfang Februar will sich auch das Fritz-Bauer-Institut in einem Workshop dem Thema widmen. Wesp wird dabei den Fall der Villa Kennedy vorstellen. Im damals von Beit von Speyer errichteten Hauptbau ist heute übrigens im Dachgeschoss mit dem Turmzimmer auf fast 330 Quadratmetern Deutschlands größte Hotelsuite entstanden – die kugelsichere Präsidentensuite.

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