Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 21°C

Das Geschäft der Schwarzfahrer

Es ist ein einträgliches Geschäft: Wenn es gut läuft, verdient Sandra* knapp 2000 Euro im Monat. Sie macht der Deutschen Bahn Fahrgäste abspenstig. Dass sie dabei Gesetze bricht, kümmert sie wenig.
Sandra* steht am Frankfurter Hauptbahnhof vor dem ICE aus Köln. Für diesen Samstag ist ihre Arbeit als Bahn-Schlepperin getan.	Foto: von Jarzebowski Sandra* steht am Frankfurter Hauptbahnhof vor dem ICE aus Köln. Für diesen Samstag ist ihre Arbeit als Bahn-Schlepperin getan. Foto: von Jarzebowski
Frankfurt/Köln. 

Es ist ihre letzte Schicht für den Tag. Auf dem Bahnhof Köln hasten Reisende mit Rucksack und Rollkoffer zu ihren Zügen. Sandra* (23) steht am Bahnsteig in Richtung Köln und wartet. Direkt an der Rolltreppe trifft sie sich mit ihren Kunden. Zwei junge Frauen und ein älterer Herr stehen bereits neben ihr. Die vierte fehlt noch, dabei steht der Zug schon abfahrbereit am Gleis. In fünf Minuten gehen die Türen zu und es wäre ärgerlich, wenn die fehlende Mitfahrerin nicht käme. "Dann verliere ich 15 Euro", sagt Sandra.

Die 23-jährige BWL-Studentin aus Frankfurt hat ein einfaches Geschäftsmodell: Eine Monatskarte der Deutschen Bahn. Mit diesem Ticket darf sie Samstags kostenlos vier Begleiter mitnehmen. Eigentlich ist diese Regelung ein Bonus für Vielfahrer – die Bahn dachte wohl bei den Mitfahrern an Familienmitglieder oder Freunde. Aber Sandra macht das anders. Sie nimmt Fremde mit und kassiert dafür Geld. Ihre Angebote inseriert sie auf dem Internetportal mitfahrgelegenheit.de. Mit wechselndem Namen und wechselnder Handynummer. "Sicher ist sicher, ich will nicht erwischt werden." Buchen kann man bei ihr nur per SMS.

Florierendes Geschäft

Mittlerweile ist der Zug abgefahren, die Mitfahrerin hat Sandra versetzt. Ihren Ärger lässt sie sich nicht anmerken. Stattdessen verteilt sie Schokolade an ihre Mitfahrer. "Man ist ja eine gute Gastgeberin", sagt sie. Und die Konkurrenz schläft nicht. Der Wettbewerb ist härter geworden. "Es gibt eine Reihe von professionellen Schleppern aus dem Ausland. Bei denen würde ich auf keinen Fall mitfahren", rät sie ihren Mitreisenden. Bei ihr gibt es sogar einen Treuebonus – eine Art Rabattkarte. "Ich verteile meine Visitenkarten auf der Fahrt. Wenn ihr zehn gesammelt habt, könnt ihr ein Mal kostenlos mitfahren", erklärt sie.

Die Mitfahrer scheinen sich nichts dabei zu denken und stecken die Karten unbekümmert ein. Andreas* wird im Oktober sein Studium beginnen und will heute Abend einen Freund in Frankfurt besuchen. "Ohne Leute sie Sandra könnte ich mir das nicht leisten", sagt der 19-Jährige. Auch Mitfahrerin Karin* findet das Angebot gut. "Die Bahn ist doch selbst schuld", findet sie. Normalerweise kostet die Fahrt in eine Richtung fast 70 Euro. "Das ist unverschämt. Und diese Sparpreise sind lächerlich. Sie sind nichts für spontane Reisen." Schon seit drei Jahren pendelt sie so regelmäßig zwischen Köln und Frankfurt.

Dabei hat die Bahn in ihre Geschäftsbedingungen geschrieben, dass eine gewerbliche Nutzung der Monatskarten verboten ist. Doch die Schlepper bleiben in der Praxis wohl unbehelligt. "Wer will uns das schon nachweisen", sagt Sandra. Mittlerweile ist der Zug in Frankfurt angekommen. Der Schaffner ist erst kurz nach Limburg vorbei gekommen und hat keinen Verdacht geschöpft.

Sandra kassiert außerdem erst kurz vor Ankunft am Bahnhof. Da ist der Kontrolleur längst weg. Erwischt zu werden, davor hat sie wenig Angst. "Was soll schon passieren. Die können uns doch eh nichts nachweisen." Sorgen macht sie sich eher vor dem Finanzamt. "Wenn da mal ein verdeckter Ermittler mitfahren würde. Aber davon habe ich noch nie was gehört. Wahrscheinlich bin ich eben ein kleiner Fisch." 502 Euro kostet die Monatskarte. Das hat sie an einem Samstag fast raus, der Rest ist Gewinn.

Millionenschaden für die Bahn

Wie viel sie genau mit ihrer Masche verdient, will die Studentin nicht sagen. Es dürften aber, rechnet man acht Fahrten pro Samstag nach Köln und zurück pro Jahr um die 24000 Euro sein. Seit knapp einem Jahr macht das Sandra so. Die Idee ist ihr bei einer Mitfahrt bei einem anderen Bahn-Schlepper gekommen. Die Strecke Frankfurt-Köln ist für ihr Modell besonders geeignet. Sie dauert nur eine knappe Stunde. Den Schaden hat die Deutsche Bahn. Alleine an diesem Samstag bieten auf der Strecke nach Köln zehn Schlepper ihre Dienste an – der Schaden für die Bahn dürfte jährlich mehrere Millionen Euro betragen.

Ihre erste Schicht hat sie an diesem Tag schon um 5.44 Uhr begonnen. Jetzt ist es fast zehn Uhr abends. Echte Probleme macht ihr nur die Unberechenbarkeit der Bahn. "Ich sammle im Monat mindestens 10 Stunden Verspätung. Wäre die Bahn nicht notorisch unzuverlässig, könnte ich noch viel öfter hin und her fahren." Doch so lässt sie zwischen jeder Fahrt einen ausreichenden Puffer. "Ich habe das früher anders gemacht, aber dann haben mir die Verspätungen immer wieder alles durcheinander gebracht." Besonders schlimm sei es im Winter. "Da bekommt die Bahn oft überhaupt nichts auf die Reihe."

Entsprechend gering ist ihr Schuldbewusstsein. "Glauben Sie mir, ich spreche aus Erfahrung: Die Bahn bietet oft nur einen richtig miesen Service. Da biete ich eben einen angemessenen Rabatt an." Die Bahn ist indes wenig begeistert. Auf FNP-Anfrage teilte eine Sprecherin mit: "Wir beobachten diese kriminellen Einzelfälle ganz genau und kontrollieren gezielt. Wir verurteilen jeden missbräuchlichen Gebrauch unserer Tickets und gehen dagegen auch strafrechtlich vor."

Auch das Internetportal mitfahrgelegenheit.de geht aktiv gegen Schlepper wie Sandra vor. "Wir suchen gezielt solche Angebote und löschen sie", erklärt dessen Sprecher Simon Baumann. Momentan seien von den insgesamt 650 000 Mitfahrgelegenheiten mehr als 98 Prozent Automitfahrten.

"Und von den zwei Prozent Bahnfahrten sind die allermeisten erlaubt." Etwa wenn sich Nutzer gemeinsam ein Wochenend- oder Länderticket der Bahn kaufen, was nicht verboten ist. Wer als Nutzer auf Nummer sicher gehen will, sollte das Buchungssystem des Portals nutzen. Dort können Mitfahrer Anbieter bewerten. Schwarze Schafe wie Sandra haben dann kaum noch eine Chance.

*Name geändert

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse