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Das eigene Ego überwinden

Was in drei Frankfurter Sportvereinen unter Vovinam angeboten wird, beinhaltet weitaus mehr als nur einen Kampfsport. Trotz scharfer Waffen als Trainingsgerät gehören zu den zehn Prinzipien des Sports unter anderem Mut, Beharrlichkeit, Bescheidenheit und Toleranz. Ziel ist, die persönliche Entwicklung positiv zu beeinflussen.
Dinh-Du Tran (24) und Dinh-An Tran (21) zeigen die Königsdisziplin beim Vovinam: die Halsschere.	Fotos: Roessler Bilder > Dinh-Du Tran (24) und Dinh-An Tran (21) zeigen die Königsdisziplin beim Vovinam: die Halsschere. Fotos: Roessler
Frankfurt. 

Schon mal was von Vovinam gehört? Diesen vietnamesischen Kampfsport kennen nur die wenigsten. „Vo“ bedeutet Kampfkunst und „vinam“ kommt von Vietnam. „Außerhalb von Vietnam ist er völlig unbekannt“, sagt Dinh-Du Tran. Der 24-jährige Frankfurter und sein drei Jahre jüngerer Bruder Dinh-An Tran sind auf dem besten Weg, das zu ändern. Diesen Sommer sind sie in Paris Vize-Weltmeister geworden. Im Jahr davor holten sie den Europameister-Titel in die Mainmetropole. Erfolge wecken Interesse. Neben München hat sich Frankfurt inzwischen zur Vovinam-Hauptstadt entwickelt. Es gibt gleich drei offizielle Gruppen mit rund 100 Mitgliedern.

Eine Turnhalle der altehrwürdigen SG 1877 Nied. Ein paar Kegler weisen den Weg zu einem länglichen, mit Matten ausgelegten Kellerraum. Hier trainieren Du und An. Das Licht ist künstlich, die Luft riecht leicht süßlich nach Schweiß. An den Seiten hängen und stehen allerlei silbern glänzende Gerätschaften. Bei näherem Hinsehen zeigt sich: Es sind Waffen. Schwerter, Messer und eine Hellebarde, auf deren metallischen Klingen fernöstliche Zeichen eingraviert sind.

Dinh-Du liebt die Hellebarde. In atemberaubender Geschwindigkeit lässt er die mittelalterliche Waffe kreisen, schwenkt sie mal links, mal rechts seines Körpers. Er geht in Abwehrhaltung. Schließlich, nach etwa drei Minuten, sticht er in Richtung des imaginären Gegners zu. Als er fertig ist, geht ihm ein wenig die Puste aus. „Ich bin nicht ganz in Form derzeit“, sagt er und grinst. Paris liegt inzwischen drei Monate zurück.

Harmonie

Ähnlich wie beim Kata im Karate gibt es beim Vovinam sogenannte Formen für Einzel-, Paar- und Vierergruppe. Jede Waffe hat ihre eigene Übung. „Das Training ist auf die fortwährende Verfeinerung dieser Formen ausgerichtet“, erläutert Du. Andererseits werde beim Vovinam der ganze Körper trainiert. „Und man braucht höchste Konzentration.“ Wie bei den meisten fernöstlichen Kampfsportarten liegt auch dem Vovinam ein philosophisches Prinzip zugrunde: die Harmonielehre von Ying und Yang. Hart und weich ergänzen einander. Der Sportler soll beides je nach Situation und im richtigen Verhältnis anwenden können. Zur Vollendung gelangt er, wenn es ihm gelingt, das eigene Ego zu überwinden.

Die Brüder trainieren mindestens dreimal pro Woche. Vor wichtigen Wettkämpfen sogar bis zu fünfmal. Angefangen haben sie mit dem Sport, als sie sechs Jahre alt waren. Ihr Vater hat sie dazu gebracht. Der kam 1970 wegen des Kriegs in Vietnam zum Studium nach Deutschland. „Er war einer der Meister, die die ersten Gruppen gegründet haben“, sagt Dinh-Du. Auch 40 Jahre später halten sie die Verbindungen zu diesen Gruppen in Ehren. Man besucht sich, trainiert gemeinsam. Der Vater ist sehr oft mit dabei. Er ist auch ihr Meister.

Kampf als Inszenierung

Nächste Runde im Schaukampf - diesmal zu zweit und mit Schwertern. Kreuzen, schlagen, parieren - mit lautem Klirren prallen die Schwerter aneinander. Du und An springen aufeinander los, dass einem angst und bange wird. Doch alles ist einstudiert, auch das rechtzeitige Abstoppen eines Hiebes kurz vor der Kehle des anderen. Oder das Ausweichen, aus dem die Kraft für den nächsten Angriff mitgenommen wird.

Es endet damit, dass Dinh-Du seinen Bruder Dinh-An symbolisch tötet. Der Stoß geht, von der Seite betrachtet, scheinbar ins Herz. Tatsächlich steckt er die Waffe zielgenau zwischen Arm und Oberkörper. Mit der anderen Hand stößt er ihn dann von sich und zieht dabei die Waffe zurück. Dinh-An kippt elegant hinten über. Dann steht er auf. Beide nehmen Haltung an, verbeugen sich - und müssen lachen. Alles gut.

„Wirklich gefährlich ist das nicht“, sagt Dinh-An, der Jüngere. „Die Waffen, mit denen wir trainieren sind alle stumpf. Mehr als blutige Finger gibt es selten.“ Er streckt die Hände vor. Aber Dinh-An ist ein fortgeschrittener Kampfsportler. Anfänger dürfen gar nicht an die Waffen. Das Risiko wäre viel zu hoch. Wer neu dabei ist, übt zunächst Schläge in die Luft. Vovinam kennt eine Fülle von Techniken mit der Handkante, dem Ellenbogen und der Faust sowie Armen und Beinen. Auch Sprung-, Wurf- und Falltechniken werden dem Schüler vermittelt.

Die Sportart steht Männern und Frauen gleichermaßen offen. Das Waffenarsenal der Frauen ist sogar größer. Sie können zum Kampf auch einen asiatischen Fächer benutzen, von dem der Mann eher die Finger lässt. Auch die beiden kurzen Messer, die beidhändig geführt werden, benutzen eher Frauen, erklärt Dinh-An.

Mit „Kill Bill“ habe das alles aber nichts zu tun. In dem Hollywood-Actionfilm metzelt die US-Schauspielerin Uma Thurman mit dem Samuraischwert Dutzende Angreifer nieder. „Das, was sie da zeigt, gibt es in der Kampfkunst gar nicht. Höchstens in Anleihen“, sagt Dinh-Du. Großartigen Niederschlag in Hollywood-Filmen habe Vovinam bislang nicht gefunden. Aber ein ehemaliger Mitkämpfer der Brüder, der Schauspieler Mathis Landwehr, hat es immerhin als Hauptdarsteller in die inzwischen eingestellte RTL-Action-Serie „Lasko - Die Faust Gottes“ geschafft.

Einzigartige Halsschere

Der Einsatz von Waffen ist auch in anderen Kampfsportarten üblich. Einzigartig beim Vovinam ist aber die sogenannte Halsschere. Dabei springt ein Kämpfer in die Waagerechte, legt seine Beine wie eine Schere um den Hals des anderen und reißt ihn um. Der andere rollt ab und versucht, sich dabei nicht weh zu tun. „Wenn ich zu langsam bin, bekomme ich seine Fersen ab“, sagt Dinh-Du. Der 67 Kilo schwere Bruder ist ihm da gerade zum dritten Mal rücklings an den Hals gesprungen und hat ihn nach unten gezogen. Es ist das vielleicht akrobatischste Element dieser Kunst. „Die Krönung“, sagt Du. Allein die Halsschere kennt 21 verschiedene Formen. Weil man im Wettkampf vier davon zeigen muss, spezialisiert man sich besser.

Trainieren mit den Meistern

„Die Unbekanntheit von Vovinam hat Vorteile. Wir studieren beide. Einen großen Ansturm an Neuzugängen könnten wir gar nicht bewältigen.“ Die Schattenseite: Vovinam ist mit deutschlandweit nur rund 500 in Vereinen organisierten Mitgliedern zu klein, um die Voraussetzung für eine institutionelle Förderung zu erfüllen. Nur der Verband gebe ab und an ein bisschen was zu den Fahrtkosten dazu. Hinzu kommt, dass es größere Splittergruppen von Emigranten gibt, die den in Vietnam ansässigen Weltverband nicht anerkennen wollen und eigene Verbände und Vereine gegründet haben. „Auch das eine Folge des Krieges.“ Dinh-Du klingt verbittert. „Politik sollte sich doch aus dem Sport fernhalten.“

Und so tun beide selbst viel, um Vovinam bekannter zu machen. Durch Show-Vorführungen auf der Zeil, bei Straßenfesten und Veranstaltungen mit buddhistischem Hintergrund. Auf diese Weise haben sie vor Jahren Vincent Heck zum Vovinam geholt. Auch er ist inzwischen Europameister. Bei der Weltmeisterschaft erreichte er drei vierte Plätze. „Er hatte Jiu Jitsu gemacht und dann eine Vorführung von uns am Riedberg gesehen.“ Alle drei sind heute Trainer und bilden selbst Schüler aus.

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