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Gartenvögel: Das große Zwitschern in Frankfurt wird leiser

Von Für das kommende Wochenende ruft der Naturschutzbund (Nabu) wieder zur „Stunde der Gartenvögel“. Auch die Frankfurter sind aufgefordert zu zählen, welche Vögel um ihre Balkone oder Vor- und Kleingärten flattern. Das Ergebnis könnte besorgniserregend ausfallen.
Ausmisten: Den Schnabel voller Kot vom Nachwuchs fliegt eine Kohlmeise (Parus major) aus einer Maueröffnung. Vögel in der Nähe beobachten und an einer bundesweiten Aktion teilnehmen – all das vereint die Aktion „Stunde der Gartenvögel“. Bilder > Foto: Patrick Pleul (dpa-Zentralbild) Ausmisten: Den Schnabel voller Kot vom Nachwuchs fliegt eine Kohlmeise (Parus major) aus einer Maueröffnung. Vögel in der Nähe beobachten und an einer bundesweiten Aktion teilnehmen – all das vereint die Aktion „Stunde der Gartenvögel“.
Frankfurt. 

„Wir Vögel haben’s wahrlich gut, wir fliegen, hüpfen, singen. Wir singen frisch und wohlgemut, daß Wald und Feld erklingen. Wir sind gesund und sorgenfrei, und finden, was uns schmecket; wohin wir fliegen, wo’s auch sei, ist unser Tisch gedecket.“ Was der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben in seinem „Lied der Vögel“ um die Mitte des 19. Jahrhunderts besang, ist heute nicht mehr wahr: Das Gezwitscher aus Wald und Feld ist hörbar leiser geworden. Viele Vogeleltern haben große Mühe, genügend Larven, Raupen und Insekten für die hungrigen Küken aufzutreiben – wobei einige Arten inzwischen in Städten wie Frankfurt fast mehr Nahrung finden als auf dem Land.

Das gilt nicht nur für Tauben, Grau- und Nilgänse, die sich in Frankfurt so kommod eingerichtet haben, dass sie schon als Plage gelten. Auch Jäger wie Mäusebussarde und Wanderfalken haben die Vorzüge des Stadtlebens für sich entdeckt. Statt in Felslandschaften jagen sie nun in Hochhausschluchten und nisten auf den Dächern der Wolkenkratzer. „Im Falle des Wanderfalken kann man von einem echten Erfolgserlebnis des Naturschutzes sprechen. Die Art galt in den 1970er Jahren schon als so gut wie ausgestorben“, erklärt der promovierte Biologe Christian Hof, der am Senckenberg-Forschungszentrum für Biodiversität und Klima (BiKF) die Auswirkungen des Klimawandels und anderer Umwelteinflüsse auf die Artenvielfalt untersucht.

Auch das Frankfurter Stadtgebiet nimmt er dafür allein oder mit Studenten in den Blick, ist beispielsweise regelmäßig im Sossenheimer Unterfeld unterwegs. Dort seien die Bedingungen für die gefiederten Arten fast noch ideal. „Die Ränder der Städte bieten den Vögeln einen oft vielfältigeren Lebensraum als unsere industriell angelegte Ackerlandschaft“, sagt Hof und beschreibt die Vielfalt von Streuobstwiesen, Feldern, Waldstücken, Weiden und Gartengrundstücken. Denn auch wenn so manche Art mit den Verschiebungen des Klimas zu kämpfen habe, der größte Feind der Vogelwelt sei hierzulande die allein auf Ertrag getrimmte Landwirtschaft. „Grundsätzlich ist es so, dass die vom Menschen in Mitteleuropa geschaffene Kulturlandschaft artenreicher ist als der Mischwald, der ja die ursprüngliche Vegetation hier darstellt“, erklärt der Biologe.

Monotone Landschaften

Doch seit einigen Jahrzehnten sei der Mensch nun dabei, diesen Artenreichtum erheblich zu reduzieren. In den monotonen Landschaften, die gepflügt, gemäht und mit Gülle, Düngemitteln und Insektiziden getränkt werden, finden Vögel und ihre wichtigste Beute, die Insekten, immer weniger Lebensräume. Beide Tiergruppen werden immer seltener. „Das ist ein Phänomen, dass erst in jüngster Zeit wirklich Beachtung fand: Die Bestände von so weit verbreiteten Arten wie Spatzen und Staren sind massiv eingebrochen. Bei manchen Arten um bis zu 60 Prozent“, sagt Hof.

So funktioniert es

Ziel der Aktion „Stunde der Gartenvögel“ ist es, ein möglichst genaues Bild von der Vogelwelt in den Städten und Dörfern in der gesamten Bundesrepublik zu erhalten. Schon zum 14.

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Es sind noch mehr erschreckende Zahlen hinzuzufügen: In Hessen gelten von rund 200 hier einheimischen Arten nur gut ein Drittel als völlig ungefährdet. Nach Zählungen der Europäischen Union ist die Zahl der Brutpaare in landwirtschaftlichen Gebieten zwischen 1980 und 2010 um 300 Millionen Tiere zurückgegangen, also um mehr als die Hälfte.

Eine britische Studie nennt sogar noch weit höhere Zahlen, mancher malt sich schon das traurige Bild vom „stummen Frühling“ aus. Während viele Arten selten werden, sind andere fast verschwunden, etwa Haubenlerche und Kiebitz, deren Zahlen in nur 25 Jahren um 80 Prozent einbrachen. Das Rebhuhn, früher ein häufiger Feldbewohner, ist auch kaum mehr zu sehen.

Ihnen gegenüber haben Arten einen Vorteil, die sich in menschlichen Siedlungen einen Lebensraum suchen können. Die Mauersegler, die Anfang Mai aus dem Süden zurückgekehrt sind und am Himmel ihre Flugkünste zeigen, sind dafür ein gutes Beispiel. „Für sie ist Frankfurt ein Paradies“, sagt Hof. Das ist auch den Naturschützern zu verdanken, die sich bereits seit Jahren darum bemühen, dass trotz moderner Bauweisen wenigstens an einigen Häusern Nischen und Höhlen zum Nisten bleiben. Im Neubau des Historischen Museums hat man sogar spezielle Nistkästen für die Flugkünstler eingebaut; sogar eine „Mauerseglerklinik“ gibt es in der Stadt.

Man muss nicht neu bauen, um den gefiederten Nachbarn etwas Gutes zu tun. „Jeder kann mit dafür sorgen, dass die Vögel genug Nahrung finden, auch in der Stadt“, sagt Hof. „Am Bahnhof Rödelheim zum Beispiel summt und brummt es, das freut mich immer.“ Dort hat eine Gruppe von Anwohnern ein wahres Bienenparadies angelegt, auch am Bahnhof Griesheim gibt es einen Gemeinschaftsgarten. Und im Nordend pflegen Blumenfreunde den Mittelstreifen auf der Friedberger Landstraße als Blumenbeet.

Korbblütler statt Geranien

Wer den Vögeln Gutes tun will, muss also kleine Paradiese für Insekten schaffen. Die Stadt tut das, indem sie auf kleineren Brachflächen oder Verkehrsinseln Wild- und Wiesenblumen ansät. Wer Kleingärten, Hinterhöfe oder Balkone bewirtschaftet, sollte besser auf einheimische Pflanzenarten setzen, Korbblütler statt Geranien besorgen, Wildblumen aussäen, in einer Ecke einen Stein- oder Holzhaufen als Verstecke für Spinnen, Käfer und Co. liegen lassen. Diese frisst dann beispielsweise die Kohlmeise. Früher brachte sie in jedem Frühling zehn bis zwölf Junge durch, inzwischen reicht das Futter nur noch für zwei Küken pro Saison. So wird eine Population schnell dezimiert.

Christian Hof sieht trotzdem nicht schwarz. Neuerdings, so ist sein Eindruck, sei die Dramatik des Insekten- und damit auch des Vogelsterbens in der Öffentlichkeit und vor allem auch in der Politik angekommen. Der Wissenschaftler hofft auf Taten: „Wir brauchen eine völlig andere Art der Landwirtschaftspolitik – in Deutschland und europaweit.“ Zu spät sei es dafür noch nicht: „Wenn der Mensch derzeit einen so starken negativen Einfluss hat, hat er auch den Einfluss, um die Entwicklung rückwärts zu gestalten.“

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