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Krankenhäuser in Frankfurt: Das ist die Guerilla-Taktik der Kliniken im Kampf um Pflegekräfte

Von Der Wettbewerb um Pflegekräfte hat eine neue Dimension erreicht. Mit Guerilla-Marketing-Aktionen vor den Toren der Konkurrenz versuchen die Kliniken, sich gegenseitig Personal abzuluchsen. Das kommt nicht überall gut an.
Zum „Umsatteln“ fordern Auszubildende der Rotkreuz-Kliniken Mitarbeiter anderer Krankenhäuser auf, indem sie die Fahrradsattel vor konkurrierenden Häusern mit Überziehern versehen und Postkarten verteilen. Bilder > Zum „Umsatteln“ fordern Auszubildende der Rotkreuz-Kliniken Mitarbeiter anderer Krankenhäuser auf, indem sie die Fahrradsattel vor konkurrierenden Häusern mit Überziehern versehen und Postkarten verteilen.
Frankfurt. 

Das ist schon dreist: Mitten auf dem zentralen Parkplatz vor dem Höchster Klinikum steht der Kleinbus, der für den Wechsel zur Konkurrenz wirbt. „Follow me (Folge mir) ins Krankenhaus mit Herz – Jetzt bewerben“ steht darauf, dazu die Internetadresse des Markus Krankenhauses. An Bord des Busses: Verwaltungsdirektor Roland Strasheim, Klinik-Sprecherin Esther Dürr und eine Palette voller bunter Smoothies, die Pflegekräften den Wechsel ans Markus schmackhaft machen sollen. „Wir wollen die Leute abholen – dazu müssen wir dahin fahren, wo sie sind“, rechtfertigt Strasheim die Aktion, von der er selbst sagt, sie sei „provokant“. In einer Zeit, in der Pflegekräfte händeringend gesucht werden, „müssen wir um die Arbeitnehmer werben“, sagt er. „Da ist uns nicht jedes Mittel recht, aber so eine Aktion ist noch im Rahmen.“

Dabei, so Strasheim, sei die Situation an den Agaplesion-Häusern Markus- und Bethanienkrankenhaus gar nicht so schlecht. Aktuell seien dort von rund 350 Stellen in der Pflege 16 vakant, hinzu kämen sieben offene Stellen in der Psychiatrie. „Wir können alle unsere Dienste besetzen“, sagt Strasheim. „Aber wir müssen auch mittel- und langfristig denken.“

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Pflegeberuf muss attraktiver werden

Es mag nicht die feine englische Art sein, in Nachbars Garten zu wildern, doch die Wurzel des Problems sitzt viel tiefer. Warum fehlt es in Deutschland denn an Pflegekräften? Weil die Arbeitsbelastung

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Petra Fleischer, Sprecherin des Höchster Klinikums, findet den ungebetenen Besuch alles andere als lustig: „Selbstverständlich ist die Aktion nicht gerade die feine englische Art. Sie zeugt aber auch davon, wie groß der aktuelle Notstand dort sein muss, dass man zu solch fragwürdigen Mitteln greift.“ Die Aktion zeige aber auch, wie problematisch es sei, Pflegekräfte zu finden. „Wir haben unsere Aktivitäten daher über Deutschland hinaus ins Ausland verlagert, mit wachsendem Erfolg“, erklärt Fleischer. Wie viele Stellen in der Pflege in Höchst aktuell besetzt und wie viele vakant sind, war nicht zu erfahren. Aber, so Fleischer: „Allein aufgrund von Schwangerschaften, Umzügen, beruflichen Neuorientierungen oder Erreichen des Rentenalters suchen wir permanent Pflegepersonal.“

Das Markus Krankenhaus ist indes nicht die einzige Klinik, die sich ungewöhnlicher Methoden bedient, um ihren Bedarf an Pflegekräften zu decken: Bereits im Herbst vergangenen Jahres waren Pflegeschüler der Rotkreuz-Kliniken rund um konkurrierende Häuser unterwegs und machten sich an den dort abgestellten Drahteseln zu schaffen: Sie streiften weiße Überzieher mit dem Slogan „Umsatteln?“ über die Fahrradsattel. Versteht sich, dass darauf auch das Logo der Rotkreuzkliniken und die Internetadresse zu finden waren. Gelockt wurde auch dort mit weichen Faktoren wie Arbeitsatmosphäre und mehr Zeit für Patienten. Wie viel die Aktion gebracht hat – so genau kann das Martin Camphausen, Sprecher der Rotkreuz-Kliniken, nicht sagen, weil sie eingebettet war in eine große Kampagne, die sich über ein ganzes Jahr erstreckte (www.teamgeist-erleben.de). Unter dem Motto „Teamgeist Erleben“ versuchte das Haus, sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren – mit Plakaten, Postkarten, in den Sozialen Netzwerken und Guerilla-Marketing-Aktionen wie jener mit den Fahrradsatteln. Und mit Erfolg. „Wir bekommen 45 Prozent mehr Initiativbewerbungen, und die Qualität der Bewerbungen ist deutlich gestiegen“, berichtet Marion Friers, Geschäftsführerin Personal, Pflege und Kommunikation an den Rotkreuz-Kliniken.

Alle Stellen in der Pflege sind laut Camphausen mit examinierten Fachkräften besetzt, mittlerweile habe man Bewerber-Pools angelegt, aus denen nachbesetzt werde, wenn eine Stelle frei werde. Davon können andere Häuser nur träumen. Gekostet hat die Kampagne samt Planung und allem drum und dran laut Camphausen 100 000 Euro.

Die Aktion des Markus Krankenhauses findet der Sprecher der Rotkreuz-Kliniken völlig legitim. „Es ist gut, wenn die anderen Kliniken endlich mal aufwachen. Der Druck ist schon seit 15 Jahren da – es hat nur nie jemand was gemacht.“ Er selbst finde öffentliche Guerilla-Marketing-Aktionen ehrlicher, als über Headhunter die Leute quasi von den Operationstischen abzuwerben, sagt Camphausen.

Unorthodox ist auch die Spaß-Kampagne, mit der das Sana-Klinikum im benachbarten Offenbach um Pflegekräfte wirbt (www.komm-zu-sana.de). Figuren mit übergroßen Köpfen und verrückten Accessoires sollen Lust auf die Arbeit im Krankenhaus machen.

Pflegekräfte sind in Deutschland seit Jahren Mangelware. Besonders betroffen sind Metropolregionen wie das Rhein-Main-Gebiet, wo es von Kliniken nur so wimmelt und die Lebenshaltungskosten verglichen mit ländlichen Regionen besonders hoch sind.

Wie groß der Bedarf an Pflegekräften tatsächlich ist, dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen. Fest steht, dass sich das Problem in den nächsten Jahren dramatisch zuspitzen wird, weil die Zahl der Pflegebedürftigen rasant steigt, während sich immer weniger Menschen für den Pflegeberuf entscheiden. 2030, so prognostiziert die Bertelsmann-Stiftung, werden allein in Frankfurt mehr als 800 Pflegekräfte in der stationären und beinahe 700 weitere in der ambulanten Pflege fehlen.

Der VW-Bus des Markus Krankenhauses wird seine Werbetour durch die Stadt in den nächsten Tagen fortsetzen. Strasheim: „Ziel sind vor allem die Kliniken, die aktuell umstrukturieren, wo ein Umzug ansteht wie etwa beim Marienkrankenhaus oder eine Fusion wie in Höchst.“

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