E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 14°C

Einkaufsstraßen: Das unterscheidet die Frankfurter Zeil vom Dortmunder Westenhellweg

Die Zeil belegt 2017 wieder den ersten Platz in der Beliebtheitsskala der Shoppinglustigen. Der Dortmunder Westenhellweg kann auf Platz neun nur bedingt mithalten. Angeblich gleichen sich ja mittlerweile die Einkaufsstraßen in den großen Städten. Worin sie sich tatsächlich unterscheiden, das sagt unsere Kollegin Ann-Kathrin Gumpert von den Ruhr Nachrichten. Eine Spurensuche.
"My Zeil" in Frankfurt Foto: Boris Roessler (dpa) "My Zeil" in Frankfurt
Frankfurt/Dortmund. 

Die Dortmunder meiden ihn – vor allem am Samstag – wie der Teufel das Weihwasser. Denn dann ist der Westenhellweg besonders voll, um nicht zu sagen total überfüllt. Will man in einem der Geschäfte einkaufen, muss man sich erst einmal von der Menschenmasse in die richtige Richtung schieben lassen. In der Vorweihnachtszeit wird es ganz unerträglich: Wenn die Menschen in Reisebussen aus dem ganzen Umland und den Niederlanden schon einmal zum Weihnachtsmarkt in der Innenstadt angereist sind, gönnen sie sich auch gerne den ein oder anderen Einkaufsbummel auf dem Westenhellweg.

Auf der Zeil wirkt das Ganze, zumindest bei Stichproben an einem Montagmittag und einem Donnerstagnachmittag, etwas entspannter. Auch hier sind viele Menschen unterwegs, aber locker über die Zeil schlendern und an den Schaufenstern gucken ist kein Problem. Denn die Zeil ist viel breiter als der schmale Schlauch Westenhellweg. Und die Zeil hat mehr Aufenthaltsqualität, zumindest außerhalb der Geschäfte. Denn in der Mitte spenden Bäume Schatten über den vielen Sitzgelegenheiten. Ein paar Sonnenplätze gibt es auch. Und rechts und links ist dann noch viel Platz für den Schaufensterbummel. Sitzgelegenheiten mitten auf dem Westenhellweg? Undenkbar. Die einzige Gefahr auf der Zeil sind die vielen Food-Lieferanten, die rasant auf ihren Rädern unterwegs sind.

Überall Ketten

So unbeliebt der Westenhellweg bei den potenziellen Dortmunder Kunden ist, bei den Händlern genießt Dortmund noch immer einen guten Ruf. Andreas Grüß, Geschäftsführer von Lührmann Osnabrück, ein auf Einzelhandelsimmobilien spezialisiertes Maklerunternehmen, konnte zuletzt die Drogeriemarktkette Müller erfolgreich mit einem Hauseigentümer zusammenbringen. Ein Gewinn auf drei Etagen für den Westenhellweg. Auch den Online-Optiker Mister Spex und Calzedonia (Strumpfwaren) brachte er nach Dortmund. Die meisten Ketten hätten den besucherstarken Westenhellweg auf dem Schirm, sagt Grüß. Aber er sagt auch: Dortmund sei in den Augen mancher Marken kein „niveaubehafteter“ Standort wie Hamburg, München oder Frankfurt. So hätten Luxusmarken den Westenhellweg gar nicht auf dem Schirm. Apple habe den Westenhellweg mal als potenziellen Standort geprüft, aber schnell wieder verworfen. Das ist in Frankfurt anders. Da gibt es einen Apple-Store.

"Thiergalerie" in Dortmund. Bild-Zoom
"Thiergalerie" in Dortmund.

Sonst unterscheiden sich die Geschäfte aber kaum voneinander. Kommt man mit der U-Bahn an der Konstablerwache an, wird man direkt vom Billiganbieter Primark empfangen. Unverkennbar auch an den vielen Menschen mit den vielen braunen Papiertüten. Schlendert man entlang der Zeil, reiht sich Kette an Kette, Filialist an Filialist. Douglas, Mango, Kaufhof, Vero Moda, Zara, Foot Locker, dazwischen McDonald’s zur Stärkung. Die gleichen Geschäfte gibt es am Westenhellweg – nur in anderer Reihenfolge. An vielen Geschäften lockt auf der Zeil am Eingang die Aufschrift „Shop tax free“, vor allem auch auf Russisch. Das gibt es in Dortmund nicht. So viele internationale Gäste hat die Stadt dann doch (noch) nicht.

Und obwohl der Westenhellweg noch immer 1A-Lage ist, bleiben Ladenlokale mittlerweile länger leer – eher sechs bis neun als drei bis vier Monate. Die Händler wollen das passende Ladenlokal finden und keine Fehler machen. Auf der Zeil kennt man das Problem nicht. „Es gibt nur selten einen längerfristigen Leerstand in Toplagen wie auf der Zeil“, sagt Christopher Scharf, Head of Retail Services Germany der BNP Paribas Real Estate, auf Anfrage. Zumeist seien Flächen nachvermietet, sobald der Leerstand sichtbar werde. Die Zeil habe den Ruf „sehr konsumige Lage, die jedoch wenig Aufenthaltsqualität habe“.

Kürzere Mietzeiten

Weil die Online-Konkurrenz an ihren Umsätzen knapst, wollen Händler in Dortmund auch bei der Miete sparen. Viele seien nicht mehr bereit, die seit Jahren steigenden Spitzenmieten zu zahlen, sagt Immobilienmakler Andreas Grüß. Dabei sollen die Läden immer mehr zu Showrooms werden, Glasfassaden seien derzeit sehr beliebt. Auch Karstadt hat seine Filiale Anfang des Jahres aufhübschen und rundherum verglasen lassen. In Frankfurt seien Händler an ausgewählten Standorten noch bereit, Spitzenmieten zu zahlen, sagt Scharf. „Die Bereitschaft nimmt mit größer werdenden Flächen ab“, so Scharf weiter.

Zahlen

  Die Spitzenmiete auf der Zeil beträgt 300 Euro pro Quadratmeter und Monat.

clearing

Auch langfristig wollten sich Händler keinen großen Laden in Dortmund mehr ans Bein binden. Zehn-Jahres-Mietverträge seien kaum noch drin, eher Fünf-Jahres-Mietverträge. Die großen Ketten wie Zara und H&M pochten gar auf Laufzeiten von nur drei Jahren, man will Standorte flexibler halten und sie bei rückläufigen Umsätzen schneller schließen können. Langfristige Planung auch für den Hauseigentümer ist da gar nicht möglich. Dieser Trend sei auch in Frankfurt zu erkennen, sagt Scharf. „Textilhändler und internationale Filialisten rücken von Zehn-Jahres-Verträgen ab. Vielmehr werden Zehn-Jahres-Mietverträge mit Sonderkündigungsmöglichkeiten nach drei oder fünf Jahren verhandelt.“ Nur Lebensmittler und Drogeristen seien noch bereit, langfristige Verträge einzugehen. Auf der anderen Seite der Zeil sieht es ähnlich aus: keine Einzelhändler, die großen Ketten dominieren die Zeil genauso wie den Westenhellweg.

Der Unterschied: Hier heißt die große Buchhandlung Hugendubel, im Ruhrgebiet heißt sie Mayersche. Ändert aber nichts, beides sind große Buchhandelsketten. Mittendrin steht wie ein Fels in der Brandung, der der Entwicklung trotzt, die Katharinenkirche. In Dortmund stehen gleich zwei Kirchen gegenüber: die Reinoldikirche und die Marienkirche. Auch mittendrin liegt das Einkaufszentrum „MyZeil“. Dort gibt es noch mehr Geschäfte und Restaurants. Doch ein Shopping-Center ist für die Zeil nicht genug. „Upper Zeil“ soll Ende 2018 fertiggestellt sein, die Arbeiten auf der Baustelle sind in vollem Gange. In Dortmund reicht die „Thiergalerie“ auf dem Gelände der ehemaligen „Thier Brauerei“ als Einkaufstempel. Der liegt am Ende des Westenhellwegs und hat seit der Eröffnung im September 2011 vor allem den Händlern am Ostenhellweg zu schaffen gemacht. Viele von ihnen mussten aufgeben, weil sich ans andere Ende des langen Shopping-Boulevards kaum noch Kunden verirrten. Warum auch, in der „Thiergalerie“ und den umliegenden Geschäften finden sie alles, was sie suchen. Von innen sind „Thiergalerie“ und „MyZeil“ ähnlich aufgebaut, austauschbare Konsumtempel.

Straßenmusiker

Was auf der Zeil sofort auffällt: die Ruhe. Während am Westenhellweg alle paar Meter ein anderer Straßenmusiker mehr oder weniger stört, ist an diesem Montagmittag auf der Zeil keiner zu sehen oder zu hören. In Dortmund will die Stadt strenger kontrollieren, ob die Regeln auch eingehalten werden. Danach darf beginnend mit der vollen Stunde jeweils eine halbe Stunde lang musiziert werden. Im Anschluss muss der Künstler mindestens 150 Meter weiterziehen. Die Zeil ist aber nicht immer so ruhig. Das bestätigt auch Ordnungsamtsleiter Jörg Bannach: „Dort gibt es viele Anwohnerbeschwerden wegen Lärmbelästigung.“ Die Polizei kontrolliere auch deswegen stärker auf der Einkaufsstraße und greife durch. Denn auch in Frankfurt gibt es Regeln für Straßenmusiker. So muss der Musizierende nach maximal einer Stunde den Standort wechseln.

Zeil und Westenhellweg unterscheiden sich also gar nicht so stark. Dass viel mehr Passanten Tag für Tag auf die Zeil strömen und dort auch jede Menge Geld lassen, liegt wohl eher am großen Einzugsgebiet der Region, dem internationalen Publikum und der Bekanntheit von Stadt und Einkaufsstraße. Denn kaufen kann man an beiden Standorten nahezu identische Produkte. In Frankfurt geht das eben mit ein bisschen mehr Flair.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen