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Initiative Stolpersteine fordert Gedenktag: Deportation jüdischer Mitbürger: Die Opfer im Gedächtnis behalten

Von Heute vor 75 Jahre wurden mehr als 1100 Frankfurter jüdischer Herkunft nach Lodz deportiert. Die Initiative Stolpersteine in Frankfurt erinnert mit einer Gedenkaktion an den ersten großen Deportationszug und fordert einen städtischen Gedenktag.
Obwohl sie getauft wurden, galten die Geschwister Gega, Richard, Annemie und Elisabeth Neumann (v.l.) als „volljüdisch“. Foto: privat (epd-HESSEN) Obwohl sie getauft wurden, galten die Geschwister Gega, Richard, Annemie und Elisabeth Neumann (v.l.) als „volljüdisch“.
Frankfurt. 

Das unsägliche Leid von Walther Hepner ist in Worten nicht zu fassen. Am 19. Oktober 1941 wurde er zwischen 6 und 7 Uhr von SA-Männer aus seiner Wohnung in der Feldbergstraße 15 geholt und über den Ostbahnhof zunächst nach Lodz deportiert. In Auschwitz wurde er als Küchenhilfe eingesetzt, am 18. Januar nach einem grausamen Todesmarsch zuletzt in einen Stollen bei Landeshut in Schlesien getrieben, wo er nach einer Hirnhautenzündung starb und von einem Mithäftling begraben wurde.

Biografien vorstellen

Eine Leidensgeschichte, die stellvertretend für zehntausende weitere Schicksale stehen kann. Doch wer erinnert sich an sie? „Wir brauchen für den 19. Oktober einen Gedenktag der Stadt Frankfurt, wie es ihn auch für den 22. März in Erinnerung an die heftigen Bombardierungen 1944 gibt“, fordert Hartmut Schmidt, Koordinator der Initiative „Stolpersteine in Frankfurt“. In ihrer heutigen Gedenkveranstaltung um 18 Uhr am Erich-Fromm-Platz (Liebigstraße 27) stellt sie die Biografien von einem guten Dutzend Menschen aus dem Westend vor, die am 19. Oktober 1941 vom Frankfurter Ostbahnhof zunächst ins Ghetto in Lodz verschleppt wurden.

Die Historikerin Monica Kingreen wird über diese erste Deportation sprechen, Mitglieder der Initiative sowie Inge Geiler, Bewohnerin der Liebigstraße 27 und Autorin des Buches „Wie ein Schatten sind unsere Tage“, tragen Texte und ausgewählten Biografien vor. Stellvertretend für alle Deportierten nach Lodz werden die 60 Namen derer verlesen, für die bisher im Westend Stolpersteine verlegt wurden. Derzeit erinnern im Frankfurter Stadtgebiet 1114 Stolpersteine an die Opfer der Verfolgung durch die Nazis, die nächsten werden am 27. November in Eschersheim, Heddernheim und Niederursel verlegt.

Umrahmt wird die Gedenkveranstaltung durch Kompositionen von Siegfried Würzburger, der Verwalter der Jüdischen Friedhöfe Frankfurt Majer Szanckower spricht ein Gebet für die Opfer. Die Biografien bilden einen Querschnitt durch die damalige jüdische Bevölkerung des Westends oft aus angesehenen alten Frankfurter Familien. Manche von ihnen wie Helene und Richard Neumann waren konvertiert und wurden Mitglieder der Evangelisch-Reformierten Gemeinde.

Die Angehörigen aus einigen dieser Familien konnten vorher noch in die Schweiz, in die USA oder nach Palästina flüchten, was sich als einziger sicherer Schutz vor der Vernichtung erweisen sollte.“ Auf der Liste der Gestapo standen alte und junge Menschen, Kriegsteilnehmer und -verwundete, Zwangsarbeiter in den Rüstungsbetrieben“, schreibt Kingreen. „All diese Menschen hatten im Westend, dem besten Viertel der Stadt, gewohnt.“ Dass die Deportation gerade hier begann, war kein Zufall, sondern folgte dem perfiden Plan, sich möglichst schnell die komfortablen Wohnungen in gehobener Lage mit dem darin befindlichen Eigentum anzueignen.

Doch es hatte im Vorfeld Gerüchte über die Verschleppungen gegeben, einige Bewohner fühlten sich gewarnt. Kingreen schreibt, dass deshalb der Vorstand der Jüdischen Gemeinde und Rabbiner Neuhaus am Freitag zuvor zur Gestapo einbestellt wurde, „wo man ihm unter Androhung von Strafmaßnahmen befahl, diese Mutmaßungen in ihrer ganzen Autorität zurückzuweisen, was dann in den Gottesdiensten geschah.“

179 Überlebende

Nahezu 10 000 Menschen wurden zwischen Oktober 1941 und September 1942 von der Großmarkthalle aus deportiert, nach heutigem Wissensstand überlebten davon nur 179. Danach folgten bis 1945 weitere Deportationen, von denen meist jüdische Partner aus sogenannten „privilegierten Mischehen“ betroffen waren. Dass wenigstens an die Betroffenen der ersten großen Deportation regelmäßig erinnert wird, ist auch dem Ortsvorsteher des Ortsbeirats 1 Oliver Strank ein Anliegen: „Die Forderung der Initiative Stolpersteine ist absolut richtig, ich werde mich dafür über unser Stadtteilparlament einsetzen.“

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