Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Fraßspuren unterhalb des Sossenheimer Wehrs: Der Biber ist zurück im Westen

Von Der Nieder Ortslandwirt Georg Diehl ist sich sicher: Der erste Biber hat es an den Unterlauf der Nidda geschafft. Und die von Diehl entdeckten Spuren sind eindeutig, bestätigt ein mit Bibern erfahrener Gewässerökologe.
Der Europäische Biber wandert die Nidda immer weiter hinab und scheint nun nahe der Niddamündung angekommen. Bilder > Foto: Stefan Meyers / ardea.com (Ardea) Der Europäische Biber wandert die Nidda immer weiter hinab und scheint nun nahe der Niddamündung angekommen.
Frankfurt. 

Georg Diehl kennt sich in der Natur aus, berufsbedingt. Der Landwirt und passionierte Jäger ist sich sicher: Der erste Biber lebt nun an der Nidda im Frankfurter Westen. Darauf gebracht hat ihn ein angenagtes Bäumchen direkt am Flussufer unterhalb des Sossenheimer Wehrs: „Das ist typischer Biber-Biss“, sagt Diehl. Er geht davon aus, dass eine Familie weiter flussaufwärts groß gewordene Jungtiere aus ihrem Revier vertrieben hat.

Dass die Nagetiere mit dem platten Schwanz nun zwischen dem Sossenheimer Wehr und der Niddamündung einen ihrer typischen Biberdämme errichten, ist jedoch derzeit noch nicht anzunehmen. „Ich gehe davon aus, dass es ein Einzelgänger ist, ein Männchen“, sagt Diehl. Der Biber-Mann sondiere wohl das Gelände, um sich anzusiedeln – und dann eine Familie zu gründen. Der Biber war ursprünglich in ganz Europa und weiten Teilen Asiens heimisch, ist aber in weiten Teilen Europas ausgerottet worden. Er wurde wegen seines Felles gejagt, das im 19. Jahrhundert für die Hut-Herstellung begehrt war. Zudem wanderte Biberfleisch auch in die Kochtöpfe.

Die Nidda hinab

Weil „Castor fiber“ inzwischen konsequent geschützt wird und Naturschützer immer wieder Tiere auswildern, haben sich die Bestände erholt – auch an der Nidda gibt es Biber, bekannt waren bislang drei Reviere im Nordpark Bonames und bei Berkersheim, seit 2015 auch in Praunheim. „Bis vor zehn Jahren war der Biber hier komplett verschwunden“, sagt der Bad Vilbeler Gewässerökologe und Projektleiter der Nidda-Renaturierung, Gottfried Lehr. Doch dann kam der Nager zurück, zuerst in die Wetterau, dann sogar in den Bad Nauheimer Kurpark. Danach eroberte sich eine Biberfamilie das Niddaknie bei Dortelweil. Und dann tauchten Biber im Erlenbach auf, in der Nähe der Mündung in die Nidda. Angesiedelt worden waren die ersten Biber vor 25 Jahren an Sinn und Jossa.

Im Frankfurter Westen, also am Unterlauf des rund 90 Kilometer langen Flüsschens, das im Vogelsberg entspringt, sind bislang offiziell noch keine Biber gesichtet worden. Dafür gibt es reichlich Nutrias, die oft mit Bibern verwechselt werden. Nutrias haben aber keine Kelle als Schwanz, sondern einen langen, dünnen Schwanz. Das Nutria, auch Biberratte oder Sumpfbiber genannt, stammt aus Südamerika und ist an der Nidda ein Einwanderer, auch Neozoon genannt: Die Tiere sind Nachfahren von Nutrias, die aus Pelztierzuchten entkamen oder freigelassen wurden. In den 50er Jahren gab es eine Nutria-Zucht auf der Niddainsel zwischen Sossenheim und Nied.

Bald auch am Main?

Die Biberspuren, die Georg Diehl entdeckt hat, sind für den Gewässerökologen Gottfried Lehr „eindeutig“: Das sehe anfangs aus, „als hätten kleine Kinder mit dem Taschenmesser am Holz herumgeschnitzt“. Die bekannten keilförmigen Fraßspuren gebe es erst später. Jetzt im Winter fresse der Biber Holz; Weide sei bei ihm besonders beliebt. Im Sommer ernähre er sich auch von Gras. Lehr gefällt, dass der Biber seinen Naturraum zurückerobert: „Der Biber ist auf dem Siegeszug. Die Familien breiten sich flussabwärts aus. Ich würde mich nicht wundern, wenn wir irgendwann auch Fraßspuren am Mainufer finden.“

Man schätzt, dass derzeit etwas mehr als 50 Biber an der Nidda leben und etwa 450 in ganz Hessen. In Bayern gibt es rund 14 000. Biber führen eine monogame Partnerschaft. Das Revier einer Biberfamilie, die aus dem Elternpaar und zwei Generationen von Jungtieren besteht, erstreckt sich über etwa ein bis drei Flusskilometer. Die Reviergrenzen werden mit Bibergeil, einem öligen Sekret aus einer Drüse im Afterbereich, markiert und gegen Eindringlinge verteidigt.

Der Biber ist in Deutschland als einheimisches Säugetier, das nicht dem Jagdrecht nach dem Bundesjagdgesetz unterliegt, durch die Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt. Und Biber sind ökologisch wertvoll: In angestauten Flussbereichen fühlen sich andere Tiere wohl, etwa der Eisvogel. Die von ihm gefällten Bäume versorgen den Boden mit Mineralien; der Baumbestand wird verjüngt, neue Pflanzen kommen ans Licht. Europäische Biber sind im Durchschnitt 18 Kilo schwer – einer wurde mal mit 31,7 Kilo gewogen – und können bis zu 20 Minuten lang tauchen. Nutrias wiegen nur etwa acht bis zehn Kilo; auffällig ist die orange Färbung der Nagezähne.

Den Beweis, dass der Biber im Frankfurter Westen angekommen ist, erbringt aber erst ein Foto. Biber wie Nutrias sind besonders in der Dämmerung aktiv. Das heißt: Spaziergänger sollten an der Nidda jetzt die Augen offen halten und ihre Kamera dabei haben. Denn Biber halten keinen Winterschlaf – und jetzt ist Paarungszeit.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse