Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 8°C

Gegen den Bau gab es sogar Einsprüche: Der Henninger Turm: Ein Wahrzeichen, das nur langsam Kult wurde

Auf dem Sachsenhäuser Berg thront mittlerweile der neue Henninger Turm. Doch sein Vorgänger war nicht immer so beliebt wie nach vielen Jahren Radrennen und bei der Entscheidung, ihn abreißen zu müssen.
1961 war der Turm das damals höchste Gebäude Frankfurts, nur ein Jahr später begannen die Radrennen „Rund um den Henninger Turm“. Repro/ Bilder > 1961 war der Turm das damals höchste Gebäude Frankfurts, nur ein Jahr später begannen die Radrennen „Rund um den Henninger Turm“. Repro/
Sachsenhausen. 

Lautlos gleitet der Aufzug in 30 Sekunden in die Höhe, wer vom Turmrestaurant aus auf die Skyline blickt, scheint zu schweben. „Der Turm ist jetzt blendend weiß gestrichen und hat all seine Wuchtigkeit verloren“, schreibt ein Reporter dieser Zeitung zur Eröffnung des Henninger Turms im Mai 1961 und vergleicht die Fahrt im Aufzug und den ersten Blick nach der Ankunft auf der Aussichtskanzel mit einer Ballonfahrt.

Eine neue Perspektive auf Frankfurt: die Aussichtsplattform 1966. Bild-Zoom
Eine neue Perspektive auf Frankfurt: die Aussichtsplattform 1966.

Nicht nur mit der im Süden Frankfurts einmaligen Fernsicht warb die Henninger Bräu AG, sondern auch mit einer urigen Schenke mit gediegenem Holzwerk, Kupferlampen und buntverglasten Fenstern, in der man die „Tradition des Brauhandwerks“ spüren könne. Rund 56 Jahre später soll sich die Premiere wiederholen: So plant das Brauhaus „Henninger am Turm“ nach dem Bezug des neuen Turms seine Eröffnung noch in den kommenden Wochen, während sich die Eröffnung von Christian Mooks Restaurant „Franziska“ bis ins neue Jahr verschieben wird. Als Grund für die Verzögerung nennt Bauherrin Actris Henninger Turm GmbH & Co KG die aufwendige technische Abnahme des Bauwerks.

Der Vorgänger war ursprünglich ein grauer Biersilo aus Stahlbeton und während der Bauzeit von 1959 bis 1961 längst noch nicht bei allen Sachsenhäusern beliebt. Doch der weiße Anstrich und der Aufsatz einer zylindrischen Aussichtskanzel, liebevoll „Fässchen“ genannt, bewirkten die Verwandlung vom reinen Zweckbau zum Wahrzeichen, das man mit Panoramablick, Gastronomie und dem früheren Radrennen „Rund um den Henninger Turm“, das seit 1962 ausgetragen wird (heute „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“), verbindet.

Ein Unikat

Spätestens als man den Turm aus bautechnischen Grünen abreißen musste, wurde er zum Kult. „Es gibt ihn nur einmal auf der Welt: Er ist ein Unikat und er ist ein Stück Heimat“ – mit diesem Slogan wird heute sogar sein Nachfolger beworben. Architekt Karl Emil Lieser hatte damals sogar Nachfragen für Turmbauten in San Francisco, Los Angeles und Tokio, wie sich sein Sohn erinnert – der Reiseaufwand war ihm aber zu hoch.

Das Drehrestaurant im Henninger Turm bietet diesen beiden Damen im Jahr 1970 auch einen Blick auf die Stadt. Bild-Zoom
Das Drehrestaurant im Henninger Turm bietet diesen beiden Damen im Jahr 1970 auch einen Blick auf die Stadt.

Erst nach dem Baubeginn des Turms erhob der Sachsenhäuser Bezirksverein im Juli 1959 Einspruch, der Sachsenhäuser Berg könnte verschandelt werden. Denn tatsächlich war der damalige Bau für viele Frankfurter eine Überraschung- auch für den damaligen Stadtkämmerer Ernst Gerhardt (CDU): „In den Zeiten des Wiederaufbaus gab es keinen Bebauungsplan im heutigen Sinn“, erinnert er sich. So genügte es für die Baugenehmigung, dass die Henninger Brauerei bei der Bauaufsichtsbehörde ihr Bedürfnis für einen Zweckbau in einem weitgehend industriell genutzten Gebiet nachweisen konnte, um ihre Kapazitäten zu erweitern.

So blieb der Einspruch des Bezirksvereins erfolglos, nur den Bau der Aussichtskanzel musste der Magistrat genehmigen. Schon beim Bau wurden einige Superlative aufgestellt: So wurde der 87,25 Meter hohe Silo in einem guten halben Jahr im Gleitbauverfahren errichtet, bei dem zahlreiche Öldruckheber die Schalung in gleichmäßiger Geschwindigkeit hochdrücken. „Es war faszinierend, beim Bau zuzuschauen und zu beobachten, wie dieses Verfahren aus den 1930er Jahren angewendet wurde“, erinnert sich Manfred Gottwals, damals benachbarter Bauunternehmer. „Die mussten Tag und Nacht arbeiten, um den Beton flüssig zu halten, aber besonders laut war es dabei trotzdem nicht.“

Bis zum Bau der Schapfenmühle bei Ulm 2004 war der Henninger Turm das höchste Brauereisilo in Deutschland. „Wir haben zusätzlichen Lagerraum für 14 000 Tonnen Brauereigerste geschaffen, was dem Inhalt von 900 Güterwagen oder der Rohstoffmenge für circa 200 Millionen Gläser entspricht“, betonte Generaldirektor Hubert Stadler damals. Auch die sportliche Herausforderung der Treppen reizte viele Besucher: „Ich bin bei manchem Besuch die Treppen hoch gerannt und hatte mir dann die Limo im Drehrestaurant redlich verdient“, erinnert sich etwa Markus Kny. Doch eine Wette für „Wetten, dass ..?“, die 625 Stufen schneller als der Fahrstuhl zu bewältigen, ging 1995 verloren.

Drehung auf 80 Rädern

Den Silo begrünte ein atriumartiger Dachgarten, das 119 Meter hohe Restaurant drehte sich geräuschlos über eine ringförmige Eisenkonstruktion auf einem inneren und äußeren Laufrollenkranz mit insgesamt 80 Rädern. 1970 kam ein zweites Drehrestaurant hinzu, das den Turm auf 125 Meter anwachsen ließ. 1981 zog in 107 Metern Höhe Europas höchstes Brauereimuseum ein, das Frankfurt nach München und Dortmund zur drittgrößten Bierstadt Deutschlands positionieren wollte.

Der Sachsenhäuserin Karin Reuter gefällt auch der neue Turm.
Ein Leben mit dem Turm

Fast ihr ganzes Leben hat Karin Reuter (49) mit dem alten Henninger Turm verbracht. Als Fünfjährige hätte sie im Drehrestaurant fast ihren Teddy verloren.

clearing

Auf das Drehrestaurant verzichtet man im neuen Turm, weil ein wirtschaftlicher Betrieb wegen hoher technischer Kosten kaum darstellbar sei, sagt Actris-Sprecher Christoph Schaab. Dass der Nachfolger die Menschen mit seinem Weitblick auf die wachsende Frankfurter Skyline trotzdem verzaubert, hat schon die erste öffentliche Begehung im Mai 2016 gezeigt, als hier noch Baustelle war.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse