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Kloster an der Zeil: "Der Kapitalismus hasst die Religion"

Mitten in der Frankfurter Fußgängerzone, nur wenige Meter neben der Zeil, befindet sich das Liebfrauenkloster der Kapuziner. Sieben Mönche leben hier, arbeiten mit bedürftigen und obdachlosen Menschen. Wer sind diese Männer, was treibt sie an?
Bruder Suba, Bruder Jürgen Maria und Bruder Michael - drei von sieben Kapuzinern aus dem Liebfrauen-Kloster in der Frankfurter Innenstadt. Foto: Christophe Braun Bilder > Bruder Suba, Bruder Jürgen Maria und Bruder Michael - drei von sieben Kapuzinern aus dem Liebfrauen-Kloster in der Frankfurter Innenstadt. Foto: Christophe Braun
Frankfurt. 

Die Pforte des Klosters liegt mitten in der Frankfurter Fußgängerzone, in der Liebfrauenstraße, nur wenige Meter neben den Wühltischen und Reklametafeln der Zeil. Zehntausende kommen hier täglich vorbei. Nur die Wenigsten dürften die Pforte bemerken. Im Gegensatz zu den Geschäften will das Liebfrauenkloster nicht auffallen. Muss es auch nicht. Die Menschen finden den Weg von alleine.

Foto: Rainer Rüffer Bild-Zoom
Foto: Rainer Rüffer

"Der Heilige Franziskus hat uns ins Stammbuch geschrieben, dass wir mit den Armen leben sollen", sagt Bruder Michael Wies. "Franziskus wollte, dass wir an die Ränder gehen. Hier in Frankfurt sind die Armen und Schwachen aber nicht an den Rändern, sondern mittendrin, im Herzen der Stadt."

Der 35-Jährige leitet den Franziskus-Treff neben der Liebfrauenkirche, wo Bedürftige frühstücken können. Bis zu 200 Menschen kommen an Werktagen her: Arme, Wohnungs- und Obdachlose.

"Wir sind die Exoten"

"Wir sind die Exoten hier zwischen all den Geschäften", sagt Bruder Paulus Terwitte. "Aber wir sind ein Teil Frankfurts, genau wie die Menschen, die uns besuchen. Wir gehören zur Stadt, genauso wie das Business und die Einkaufsläden."

Seit 100 Jahren leben Kapuziner im Liebfrauen-Kloster, seit gut 600 Jahren sind sie - mit Unterbrechungen - in Frankfurt. Neben den Franziskanern und den Minoriten sind die Kapuziner einer der drei großen franziskanischen Orden. Die Mönche führen ein einfaches Leben, in dessen Mittelpunkt das Gebet und das Engagement für Bedürftige stehen. 

Die Liebfrauen-Kirche, das Kloster und die umgebenden Straßen sind nebeneinander gewachsen, jahrzehnte-, jahrhundertelang. Heute stehen sie in seltsamem Gegensatz zueinander: Dort die hektischen, lauten, oberflächlichen Einkaufsstraßen, hier die Kirche, der Klosterhof, der Franziskustreff.

Wer die Frühmesse der Brüder in der Liebfrauenkirche besucht, gegen 7 Uhr morgens, der trifft auf ganz unterschiedliche Menschen. Manche beten, andere unterhalten sich flüsternd, wieder andere schlafen. Die Liebfrauen-Kirche hat keine feste Gemeinde. Viele kommen dennoch regelmäßig: Berufstätige, Anwohner, Bedürftige.

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"Wir sind eine Art Kerntruppe"

"Unsere Aufgabe hier ist es, eine Art Kerntruppe zu bilden, um die sich die Menschen sammeln können", erklärt Bruder Paulus Terwitte. "Zu uns kommen Katholiken und Protestanten, Muslime, Buddhisten, Atheisten - darauf kommt es nicht an. Wichtig ist, dass sie hier einen Ort finden, an dem sie für sich sein können. Im Klosterhof treffe ich immer wieder Leute, die mir sagen: Eigentlich gehöre ich hier gar nicht her. Denen sage ich: Genau deswegen sind Sie hier richtig."

Der 58-Jährige schweigt kurz, dann sagt er: "Das kürzeste Wort für Religion ist "Unterbrechung". Das hat der Theologe Johann Baptist Metz mal gesagt. Das gefällt mir. Ich glaube, genau das ist unsere Aufgabe hier, neben der Zeil. Wir unterbrechen. Deshalb hasst der Kapitalismus die Religion. Und deshalb braucht der Mensch die Religion."

Sieben Kapuziner-Mönche leben zurzeit in Liebfrauen. Sie teilen ein Leben, das von Gebet, Stille und Arbeit geprägt ist. Sie haben sich der Ehelosigkeit, der Besitzlosigkeit und dem Gehorsam verpflichtet. Ein Lebensentwurf, der in krassem Widerspruch steht zum schnelllebigen, oberflächlichen Treiben, das sie umgibt.

"Wir sind total unterschiedlich", sagt Bruder Paulus. "Wir würden niemals miteinander in Urlaub fahren. Aber: Wir sind von Gott hierher berufen worden, und es ist Teil unseres Dienstes, dass wir diese Berufung jeden Tag aufs Neue annehmen."

Die Kapuziner vom Liebfrauen-Kloster - in ihren eigenen Worten:

Bruder Jürgen Maria, 54

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Foto: Christophe Braun

Als Kind wusste ich schon: entweder Du wirst Polizist oder Du wirst Mönch. Der liebe Gott hat dann gewonnen. Im Laufe der Jahre war ich in vielen verschiedenen Klöstern, zuletzt im Südschwarzwald. Da hast Du aus dem Fenster geschaut und hast Bäume gesehen. Hier schaust Du aus dem Fenster und siehst Einkaufszentren, Bürotürme. Das ist schon ein krasser Gegensatz. Aber ich bin froh, hier zu sein.

Bruder Christophorus, 52

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Foto: Christophe Braun

Als Jugendlicher habe ich ziemlich gut Tennis gespielt, in der Jugend-Bundesliga. Eine Weile dachte ich, Du wirst Tennis-Profi. Dann habe ich einen jungen Benediktiner kennengelernt, der von seiner Berufung erzählt hat, und das hat mich nicht mehr losgelassen. Kurz vor dem Abi wusste ich dann: Das probierst Du aus. Frankfurt ist für mich die spannendste Großstadt Deutschlands. Tolerant, offen, eine Stadt des Dialogs, zugleich eine Stadt der krassen sozialen Gegensätze. Gehen Sie auf die Zeil, dort finden Sie Arme und Reiche, Schlaue und Dumme, Verrückte – und, immer mal wieder, auch einen Kapuziner in seiner Kutte. Ich finde, wir passen da gut rein.

Bruder Sabu, 38

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Foto: Christophe Braun

Ich stamme aus einem kleinen Dorf im Süden Indiens, in dem 99 Prozent der Einwohner katholisch sind. Priester zu werden, ist bei uns eine große Ehre – aber auch eine Herausforderung. Denn Du übernimmst ja viel Verantwortung. Ich bin schon mit 15 Jahren in den Orden eingetreten, habe Deutsch gelernt. Ich wusste einfach, dass ich das tun möchte. Aber was genau meine Berufung ist – wie genau ich als Priester wirken soll –, das finde ich jetzt erst heraus, jeden Tag aufs Neue.

Bruder Christian, 76

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Foto: Christophe Braun

Ursprünglich komme ich aus dem bayerischen Schwaben. In meiner Heimatstadt gab es ein kleines Kapuzinerkloster. Dort bin ich nach der Schule eingetreten. Dass ich mal nach Frankfurt kommen würde, war damals eigentlich nicht vorstellbar – vor ein paar Jahren ist es dann doch so gekommen. Diese Stadt ist besonders. Hier treffen viele Völker, Sprache, Nationen aufeinander, das habe ich so vorher nicht erlebt. Hier bei uns, in der Liebfrauenkirche, sind viele Ausländer. Viele fromme Leute, sehr bodenständig. Man braucht nur eine halbe Stunde bei unserer Madonna zu stehen und zu schauen, wer da alles kommt. Das ist faszinierend. Und überraschend. Das hätte ich nicht gedacht.

Bruder Michael, 35

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Der Heilige Franziskus hat uns ins Stammbuch geschrieben, dass wir an die Ränder gehen sollen. Dass wir mit den Armen leben sollen. Hier in Frankfurt ist das nicht schwer, denn die Armen und Obdachlosen sind hier ja nicht nur an den Rändern, sondern mittendrin. Bei uns im Franziskustreff gibt’s jeden Tag Frühstück für 50 Cent. Bis zu 200 Leute kommen da vorbei, immer wieder andere. Deshalb sind wir hier genau richtig.

Bruder Arno, 71

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Mein Elternhaus in Bocholt steht gleich neben dem Kloster. Als Kinder haben wir immer über die Mauer geguckt und den Bruder gesehen, der die Glocke geschlagen hat zum Engel des Herrn. Das hat mich fasziniert, schon als kleinen Bub. Ich bin dann zu den Kapuzinern gegangen, erst war ich in der Schule, später bin ich in den Orden eingetreten. Im Laufe der Jahre bin ich herumgekommen: Deutschland, England, Mexiko, Italien – und jetzt wieder Deutschland. Ein reiches Leben, ich bin froh darüber. Und freue mich, dass ich weiter als Seelsorger eingesetzt bin.

Bruder Paulus, 58

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Unsere Aufgabe hier in Liebfrauen ist es, eine Art Kerntruppe zu bilden, um die sich die Menschen sammeln können. Nicht nur Katholiken übrigens: Hierher kommen auch Buddhisten, Muslime, Atheisten, ganz egal. Die merken: Die Kapuziner haben so einen großen inneren Reichtum, die wollen uns gar nichts wegnehmen. Im Gegenteil: Die haben viel zu geben.

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