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Der Mythos Rothschild

Vor 200 Jahren starb Mayer Amschel Rothschild in Frankfurt. Hier, in der Judengasse, wurde der Begründer des weltbekannten Bankhauses auch geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Biograf weiß, wie ihm der Aufstieg trotzdem gelang.
Das Rothschild-Palais am Untermainkai – heute Sitz des Jüdischen Museums – ist das einzige erhaltene Wohnhaus der Familie.	Foto: dpa Das Rothschild-Palais am Untermainkai – heute Sitz des Jüdischen Museums – ist das einzige erhaltene Wohnhaus der Familie. Foto: dpa
Innenstadt. 

Dass sich um die Anfänge der Bankiersfamilie Rothschild Mythen ranken, findet Fritz Backhaus – der Biograf des Stammvaters – nicht wirklich verwunderlich. Zu schnell gelang der Aufstieg aus den elenden Gassen des Frankfurter Juden-Ghettos zu einer der reichsten und einflussreichsten Familien Europas. Von ihren Kreditentscheidungen hingen im 19. Jahrhundert Wohl und Wehe ganzer Staaten ab. "Es kommt nicht zum Krieg", soll Mutter Gutle Rothschild vorausgesagt haben, "meine Söhne geben kein Geld dazu her."

Fünf Söhne

Wie hat diese Geschichte angefangen? Das fragte sich Fritz Backhaus, stellvertretender Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt, und machte sich auf die Suche nach den Anfängen der Dynastie in der Judengasse. Dort wurde der Begründer des Bankhauses, Mayer Amschel Rothschild, 1743 oder 1744 geboren. Und dort starb er auch am 19. September 1812 – vor 200 Jahren. Seine fünf Söhne führten in Frankfurt, London, Paris, Wien und Neapel die Geschäfte weiter.

In seiner bei Herder erschienen Biografie über den Stammvater beschreibt Backhaus – gestützt von Augenzeugen wie Goethe und Börne – die Lebensverhältnisse im Ghetto. In einer 330 Meter langen Gasse lebten 3000 Juden in 194 Häusern. Über Nacht und an Feiertagen wurden die Tore versperrt, 100 Paragrafen legten minuziös fest, was Juden erlaubt und was ihnen verboten war – zum Beispiel durften nur zwölf Paare jedes Jahr heiraten.

Der einzige Münzhändler

Mayer Amschels Frau Gutle bekam 19 Kinder, von denen zehn überlebten. Die zwölfköpfige Familie teilte sich ein Haus mit Verwandten, es diente zugleich als Warenlager. Der Familienvater war der einzige Münzhändler Frankfurts. Er verschickte Kataloge an seine Kunden und versandte die Bestellungen mit der Post. Den Gewinn investierte er in Geschäfte mit Wechseln. Nach der Französischen Revolution (1789 bis 1799) belieferte er deutsche Truppen mit Nahrungsmitteln, Ausrüstung und Bargeld für den Lohn der Soldaten. Den Konkurrenten war das Geschäft zu groß, wie Biograf Fritz Backhaus schreibt, den Rothschilds nicht, "weil sie über ein Netzwerk lokaler jüdischer Subunternehmer verfügten". Als Heereslieferant knüpfte Mayer Amschel Rothschild Kontakte zu Herrscherhäusern, die ihm später nützlich sein sollten.

Als die Franzosen Kurfürst Wilhelm von Kassel ins Exil zwangen, versteckte Rothschild dessen Vermögen in seinem Haus in der Judengasse. Backhaus schildert, wie die napoleonische Geheimpolizei eine Woche lang das Haus auf den Kopf stellt und sämtliche Familienmitglieder verhört, ohne etwas zu finden. "Das Risiko zahlte sich für die Rothschilds aus", schreibt Backhaus: "Sie waren die Bankiers eines der größten Privatvermögen in Europa."

Mit dem Sieg Napoleons kam für die Juden die Gleichstellung. 1811 erhielten sie per Gesetz die selben Rechte wie Christen. Mayer Amschel Rothschild gehörte 1812 zu den ersten Juden, die sich ins Frankfurter Bürgerbuch eintrugen. Der alte Rothschild war Backhaus zufolge einerseits ein frommer Mann, der täglich in die Synagoge ging und Almosen gab, andererseits stand er der Aufklärung nahe und setzte sich zum Beispiel für eine Reform des Schulsystems ein. Seine fünf Söhne platzierte er in jungen Jahren an strategisch wichtigen Orten Europas. Nathan lieferte von England aus Stoffe nach Deutschland. Jakob (später James) organisierte von Frankreich aus den Gold- und Silberhandel, Kalman betreute als Hofagent den Kurfürsten im Exil, Amschel und Salomon wurden Seniorpartner des Vaters. Ein umfangreiches Vertragswerk ordnete ab 1810 die Verhältnisse zwischen Vater und Söhnen. Ihr Symbol wurden die fünf gebündelten Pfeile.

"Die Vorteile der Rothschild-Brüder waren ihre europaweite Vernetzung und die Beziehungen", erklärt Backhaus den Erfolg der Familie. Sie ermöglichten die "explosionsartige Vermehrung" des Reichtums der Familie nach dem Tod des Vaters 1812. Dass das Neider auf sich zog, ist klar. "Für Antisemiten waren sie schon sehr bald die idealen Protagonisten einer jüdischen Weltverschwörung."

Filme und Führungen

Die Stadt Frankfurt nimmt den Todestag des Stammvaters zum Anlass, dem Mythos Rothschild nachzugehen. Das Deutsche Filmmuseum zeigt einen Nazi-Propagandafilm von 1940 und eine wohlwollendere Version aus den USA von 1934. Es gibt Führungen zu den prächtigen Gräbern der Rothschilds auf dem Frankfurter Hauptfriedhof und einen Vortrag zu den Bauten und Parks der Familie.

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