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Der Zukunftsforscher sagt die Zukunft vorher

Nun ist also 2012, das neue Jahr noch denkbar jung. Zu den gern und häufig geübten Ritualen zu Jahresbeginn gehört der Blick in die Zukunft. Der Zukunftsforscher Dr. Bernhard Albert nähert sich den Perspektiven der Zukunft mit wissenschaftlichen Mitteln. Mit ihm sprach FNP-Redakteurin Sylvia A. Menzdorf.
Der Aktualität immer einen Schritt voraus ist der Zukunftsforscher Bernhard Albert. Er prognostiziert auch, wie sich Metropolen entwickeln.	Foto: Rüffer Der Aktualität immer einen Schritt voraus ist der Zukunftsforscher Bernhard Albert. Er prognostiziert auch, wie sich Metropolen entwickeln. Foto: Rüffer

BERNHARD ALBERT: Es kommt, wie es kommt, da haben Sie Recht. Mit dieser Haltung überlässt man aber alles dem Zufall. Man ergibt sich dem Schicksal und kann allenfalls hoffen, dass sich die Dinge zum Besseren wenden. Doch beim Blick in die Zukunft lohnt es sich, zurückzublicken und die Vergangenheit einzubeziehen. Der Beginn eines neuen Jahres ist ein geradezu klassischer Zeitpunkt dafür. Zurückblicken deshalb, weil wir durch Wissen und Erfahrung zur wünschenswerten Zukunft finden.

Ich setze mich nun also besinnlich in die Sofaecke und denke übers zurückliegende Jahr nach . . .

ALBERT: . . . über das, was man erreicht hat, und über das, was nicht so gut lief. Daraus ergibt sich dann schon fast zwangsläufig die Frage: Wo will ich im neuen Jahr hin und wie kann ich das schaffen? Und schon ist man mitten drin in der ganz individuellen Zukunftsplanung.

Die aber wahrscheinlich nicht Ihr professionelles Einsatzgebiet ist?

ALBERT: Mich beauftragen Verantwortliche in Vorständen und Geschäftsführungen, die von mir wissen wollen, wie sie ihr Unternehmen zukunftsfest machen können und Entwickler, die weiter vorausdenken wollen.

Und das geht wie? Ein Beispiel bitte.

ALBERT: Nehmen wir als Beispiel ein Unternehmen, das Nanofasern herstellt. Das Produkt ist gefragt und hat Zukunft, die Geschäfte laufen gut. So weit, so aber noch längst nicht gut. Derjenige, der sich mit der Zukunft dieses Beispiel-Unternehmens beschäftigt, schaut sich dessen Umfeld genau an, beleuchtet Fragen wie: Werden die benötigten Rohstoffe auf Dauer zur Verfügung stehen? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus langfristig für Mensch und Natur? Wie ist die öffentliche Akzeptanz für das Produkt? Man sieht an diesem Beispiel: Eine solche Fragestellung ist vielschichtig.

Falls es nun eine gesellschaftliche Debatte über Nanofasern gibt . . .

ALBERT: Die sich ja tatsächlich zu entwickeln beginnt. Dass Nanofasern möglicherweise ähnlich kritisch wie Asbestfasern auf den menschlichen Organismus wirken könnten, wird gerade in wissenschaftlichen Kreisen diskutiert. Erfahrungsgemäß erreicht diese Debatte sehr rasch die breite Gesellschaft. Darauf sollten sich Hersteller vorbereiten. Sie können das tun, indem sie mögliche Risiken durch die Gestaltung ihrer Produkte abwenden und das Thema offensiv in die Öffentlichkeit tragen. So können sie proaktiv auf mögliche Kritik und Proteste reagieren.

Es geht also um öffentliche Darstellung?

ALBERT: Nicht nur. In Unternehmen wird es zukünftig stärker darum gehen, Werte zu entwickeln und diese auch zu leben. Denn die Werteorientierung unserer Gesellschaft nimmt dynamisch zu. Junge Leute, die heute ins Berufsleben starten, schauen genau, wofür ein Unternehmen steht und wie es sich in die Gesellschaft einbringt. Für gut Ausgebildete werden Werte zukünftig wichtiger sein als die Höhe des Einkommens. Sich da zu profilieren, ist eine Zukunftsaufgabe für Betriebe.

Denken Sie auch über die Zukunft der Ballungsräume nach?

ALBERT: Die sehe ich glasklar vor mir. Das Rhein-Main-Gebiet wird wachsen, wie übrigens alle Ballungszentren in Deutschland. Sie alle werden wachsen, auch wenn die Bevölkerungszahlen insgesamt abnehmen.

Die Menschen gehen dorthin, wo die Arbeit ist?

ALBERT: Das stimmt. Verstärkt wird das durch steigende Energiekosten, beispielsweise für Benzin. Hinzu kommt, dass sie in den Ballungszentren mehr Entwicklungsmöglichkeiten und ein vielfältigeres Angebot für sich und ihre Familie finden. Das reicht vom Bildungs- übers Kultur- bis zum Freizeitangebot.

Dann wird es ja ganz schön eng in den Städten.

ALBERT: Das Wohnen wird dichter, ganz ohne Zweifel. Es wird aber auch anders. Denn auch aufs Wohnen werden sich die schwindenden Energie-Ressourcen dramatisch auswirken.

Heißt das, wir können in Zukunft nicht mehr heizen?

ALBERT: Wir werden es wohl auch nicht mehr müssen. Schon jetzt sind intelligente Baukonzepte wie Passivhäuser auf dem Vormarsch. Diese Entwicklung wird weitergehen – und Konsequenzen für den Städtebau haben. Viele ältere Häuser wie zum Beispiel in Bockenheim sind für großflächige Fassadenisolierungen und sonstige Energiesparvorrichtungen nicht gebaut. Man wird deshalb neu bauen müssen, dann viel energieeffizienter, aber auch verdichteter als zuvor. An einigen Stellen in der Stadt ist das schon jetzt zu beobachten, beispielsweise im Nordend. Eine Folge der größeren Dichte beim Wohnen ist das Bedürfnis der Menschen, sich abzugrenzen. Die Lebensstile werden individueller und vielfältiger.

Sind wir nicht heute schon – Stichwort Selbstverwirklichung – auf dem totalen Individualiserungskurs?

ALBERT: In Massengesellschaften steigt das Bedürfnis hervorzustechen. Doch die Welt der Produkte wird immer gleicher – von der Wohnungseinrichtung über die Bekleidung und so fort. Der zunehmende Drang zur Individualisierung könnte der Entwicklung kleiner Manufakturen für unterschiedliche Dinge des Alltags neue Chancen eröffnen. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass Individualität zu leben etwas zu tun hat mit dem Einsatz von Mitteln. Im Klartext: Ein solcher Lebensstil ist meist teuer.

Ansonsten gibt es keine Probleme?

ALBERT: Die wachsenden Unterschiede sorgen auch für Konflikte. Das können wir gerade am Friedberger Platz besichtigen, wo junge Menschen gemeinsam feiern, während die Anwohner über die andauernde Lärmbelästigung klagen.

Und trotz solcher Konflikte, die kein Mensch braucht, streben die Leute also, wie Sie prophezeien, zunehmend in die Ballungszentren?

ALBERT: Ja. Ballungszentren sind gut beraten, wenn sie mit der steigenden Nachfrage kreativ umgehen. Da, wo sie sich auf Dauer unattraktiv oder unsicher entwickeln, werden Unternehmen schließlich abwandern – und mit ihnen die Beschäftigten. Dann schwappt die Welle zurück. Dann ist die Politik gefordert, den Menschen in den Metropolen mehr Lebensqualität zu bieten.

Was genau?

ALBERT: Erholungsräume zum Beispiel. Da ist Frankfurt mit seinem Grüngürtel, dem attraktiven Mainufer, das ja inzwischen so etwas wie der zentrale Versammlungsort der Stadtbewohner ist, und mit dem Stadtwald schon gut unterwegs.

Schöne Erholungsräume, die zum Teil aber neuerdings von Fluglärm stark belastet sind.

ALBERT: Hier droht Frankfurt mittelfristig zu verlieren, was es gewinnt. Weil gerade in der Kombination von Arbeitsplätzen und Lebensqualität die Zukunft von Regionen liegt. Fluglärm, das ist nun wirklich nichts Neues, gehört definitiv zu den Standortfaktoren, die Lebensqualität erheblich mindern. Es hätte andere Möglichkeiten gegeben, dem Frankfurter Flughafen eine Spitzenposition in der Reihe der europäischen Airports zu sichern als durch Wachstum.

Was hätten Sie vorgeschlagen, hätte man Sie gefragt?

ALBERT: Ich hätte vermutlich zur Investition in Qualität und Innovation geraten, zum Ausbau der Elektromobilität in der Region zum Beispiel. Das hätte für Europa Modellcharakter haben können. Aber wie gesagt: Das ist nur ein Beispiel.

Haben Sie zum guten Schluss des Gesprächs und zum Beginn des hoffentlich guten neuen Jahres auch noch eine gute Zukunftsidee für die Römer-Politiker?

ALBERT: Formen der Kooperation und der aktiven Beteiligung werden das alte Modell von Opposition und Konfrontation zukünftig ablösen. Das legt die jüngste politische Vergangenheit dieser Stadt nahe. Da schließt sich der Kreis: Um Zukunftsideen zu entwickeln, sollte man die Vergangenheit zu Rate ziehen.

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