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Folge 83: Museumsleiterin Susanne Gaensheimer: Der rote Faden: Kunstvoll durchs Leben

Von Susanne Gaensheimer leitet seit 2009 das Museum für Moderne Kunst. Sie ist eine ebenso durchsetzungsstarke wie sensible Frau - die einen Tunnel graben kann, um Mick Jagger live zu sehen. Ihr widmen wir Folge 83 unserer Serie "Der rote Faden", in der wir Menschen vorstellen, die Bedeutendes für Frankfurt leisten.
Ganz oben auf dem Treppchen: Susanne Gaensheimer. Foto: Salome Roessler Ganz oben auf dem Treppchen: Susanne Gaensheimer. Foto: Salome Roessler
Frankfurt. 

Ist es die schwarze Hemdbluse, die sie so streng wirken lässt? In den Hosenbund geschoben, auf Figur geschnitten, wirft sie dennoch Falten, so schlank ist ihr Körper. Ein Gürtel hält die Anzughose auf der schmalen Hüfte. Ihr Jackett legt Susanne Gaensheimer ab, wenn sie ihr Büro betritt. Die Direktorin des Museums für Moderne Kunst hat ihren Arbeitsplatz im spitzen Winkel des Museumsbaus, des „Tortenstücks“, wo die Braubachstraße auf die Domstraße trifft. Von hier oben blickt sie wie ein Kapitän von der Brücke seines Schiffs hinaus, sieht statt tosender Wellen die Menschen in den Altstadtgassen der Frankfurter Innenstadt. Eine Sitzecke ist ein paar Stufen höher gelagert direkt am Fenster, doch die Stapel Papier rund um den Schreibtisch im vorderen Teil des Raumes zeigen an, wo die Museumsdirektorin in der Regel Platz zu nehmen pflegt. Heute rückt sie sich den Stuhl am Besprechungstisch zurecht, ihr Blick ist wach, verhalten, freundlich, neugierig. Und streng. Sie wirkt ernst, fast ein wenig angestrengt. Ihr Terminkalender ist prall gefüllt, auf die viertel Stunde genau getaktet. Sie hat keine Zeit zu verlieren, das bringt ihr Beruf mit sich.

Im Januar 2009 hat sie die Aufgabe übernommen, das weltweit angesehene Museum für Moderne Kunst zu führen. Als sie ihre neue Stelle antrat, wurde viel geschrieben und geunkt, wie sie sie wohl ausfüllen werde, ob sie gegen Max Hollein vom Städel und dessen Bestrebungen, die Gegenwartskunst in sein Haus zu holen, bestehen würde. Ob es ihr wohl gelingen würde, das MMK neu zu positionieren.

Hohes Risiko eingegangen

War es nicht mutig, sich auf diese Position zu bewerben? „Ich hatte eine genaue Vorstellung davon, was ich machen möchte und kannte die Sammlung des Museums in- und auswendig aus meiner Studienzeit. Damals sind wir regelrecht zum MMK gepilgert“, erzählt sie, und die Strenge weicht aus ihren Gesichtszügen. Als katapultiere sie sich zurück in längst vergangene Zeiten. Als sie mit Kommilitonen und Professor gemeinsam drei Stunden vor einem einzigen Werk verbringen konnte, um zu ergründen, was es so bedeutend macht. Als die Tage noch nicht eng getaktet, morgens keine Schulbrote für die Kinder zu belegen waren und sie abends noch ins Kino gehen konnte – statt auf Pflichttermine.

„Ich habe mich ganz normal beworben, als die Stelle ausgeschrieben war“, sagt sie, deren Vertrag gerade um fünf weitere Jahre verlängert wurde. Sie konnte selbstbewusst sein: Nach Promotion in Kunstgeschichte und Praktikum am Whitney Museum of Modern Art, als Kuratorin verschiedener Ausstellungen und zuletzt als Sammlungsleiterin für Internationale Gegenwartskunst im Münchner Lenbachhaus war sie schließlich bestens vorbereitet auf Frankfurt. Schnell hat sie hier die Kritiker mit ihrer ruhigen, gewissenhaften Arbeit zum Verstummen gebracht. Der überwältigende Erfolg des von ihr kuratierten Deutschen Pavillons auf der Kunstbiennale in Venedig 2011 trug das seinige dazu bei. Christoph Schlingensief war von ihr als Künstler beauftragt worden und starb während der Vorbereitung.

Kunst vermitteln

Gaensheimer hielt bei aller Trauer am Konzept fest, arbeitete mit der Witwe Schlingensiefs weiter. Sie ging damit ein hohes Risiko ein, das schließlich mit dem Goldenen Löwen belohnt wurde. Wer diesen Erfolg erleben durfte und zwei Jahre später wieder den deutschen Pavillon kuratieren darf, den kann es nicht schrecken, dass das Städel nebenan auch mit Gegenwartskunst im Erweiterungsbau Besucher gewinnen will. Viel wichtiger ist Gaensheimer, dass sie nach vielen Jahren zähen Ringens – eine gewisse Hartnäckigkeit wird ihr allseits zugeschrieben – nun endlich zusätzlichen Raum bewilligt bekommen hat: Mit einer Dependance im Taunus-Turm wird ihr Museum 2000 Quadratmeter Fläche hinzugewinnen. Platz, um immer wieder aus der rund 5000 Werke zählenden Sammlung des Museums Ausstellungen zu präsentieren. Das ist ihre selbstdefinierte Aufgabe, ihr Vorhaben: Das Programm des Museums an aktuellen Themen ausrichten – und dabei die Augen nach neuer, bedeutender Kunst offenhalten, um die Sammlung zu erweitern. Gegenwartskunst erschließt sich nicht jedem Betrachter auf Anhieb. Auch hierin liegt ein Anspruch des Museums: Die Vermittlung der Kunst, das Museum nicht als sakralen Ort zu verstehen, sondern als lebendigen Treffpunkt, der Diskussionsraum schafft und durch die Kunst in ihrer Offenheit und Radikalität einen neuen Blick auf unsere Lebenswelt eröffnet. Und das auch den jüngsten Besuchern.

Ihr Leben für die Kunst – manchmal fragt sie sich schon, ob es das wert ist. Die Kinder sind im Grundschulalter, gehen in ihrer neuen Heimat, dem Holzhausenviertel, auf die Schule. Bald steht für die Tochter der Wechsel aufs Gymnasium an. Ihre Mutter spürt, dass die verspielte Kinderzeit dann unwiderruflich vorbei ist. Stunden, die sie nicht mit ihren Kindern auf dem Spielplatz verbracht hat, kann sie nicht nachholen. Wenigstens die Wochenenden hält sie sich von Terminen frei. Und sie hat sich mit ihrem Mann, Juraprofessor in Köln, einen Fluchtort geschaffen, ein Häuschen auf Rügen – selbst wenn sie meistens nur gedanklich hinreisen kann. Von wegen, Kinder und Karriere lassen sich gut vereinen. Es lässt sich vereinen, aber gut? Gaensheimer gehört der Generation Frauen an, deren Mütter in der Regel nicht berufstätig waren und die ihren Töchtern ein ganz anderes Rollenbild der Mutter vermittelten, als diese es heute selbst leben. Dieser innere Zwiespalt kann aufreiben. „Meine Mutter war Hausfrau, hat sich um ihre vier Kinder gekümmert“, sagt Gaensheimer. Der Vater arbeitete als Chemiker in einem großen Unternehmen, für das er mit Frau und Kindern für zweieinhalb Jahre in die USA ging. Eine prägende Zeit für die ganze Familie, die fern der Heimat noch enger zusammenrückt. Susanne Gaensheimer verbringt ihre Kindergartenzeit in einem Ort nahe Detroit. „Dass ich das Jüngste von uns Kindern war, war für mich ein Antrieb für vieles, was ich später in meinem Leben gemacht habe. Ich wollte mir ein eigenes Wirkungsfeld schaffen“, erzählt sie. Ihren Vater bezeichnet sie als wichtigste Identifikationsfigur, der aus einfachen, bäuerlichen Verhältnissen stammt und es schafft, sich in der Großstadt eine eigenständige Karriere aufzubauen. Die Eltern sind „kulturell affin“. „Mein Vater hat mich durch alle Kirchen Bayerns geschleppt“, sagt Gaensheimer lächelnd. (Wie konnte man je den Gedanken zulassen, sie sei streng?) Klassische Musik, Konzerte, Theater – das gehört zum Leben der Familie am Rande Münchens dazu. „Aber ein Künstler wie Andy Warhol war für meine Mutter ganz weit weg“, zieht Gaensheimer die Grenze des kulturellen Umfelds ihrer Eltern.

Gegen den Strom der Zeit

Ihre ureigene Liebe für die Kunst entdeckt sie in der Pubertät. In einer Zeit, in der der Mensch offen ist für alles Neue, Wege sucht, sich abzugrenzen und selbst zu definieren. In der es leicht fällt, sich mit den oftmals eigenwilligen Künstlernaturen zu identifizieren, die gegen den Strom ihrer Zeit schwimmen. Wie die Maler des „Blauen Reiter“ um Wassily Kandinsky und Franz Marc, die sie faszinieren – und deren Werke ihr später im Lenbachhaus wieder begegnen werden. Die Wegbereiter der Moderne revolutionieren die Malerei, so, wie später ein Andy Warhol mit seiner Pop-Art ein neues Genre prägen wird. In dieser Popkunstkultur verortet sich auch die junge Susanne
Gaensheimer, die im Gymnasium „Kunst“ als Leistungskurs wählt und in der Kunstgeschichte die Augen geöffnet bekommt für das, was Kunst und Künstler für die Gesellschaft zu leisten vermögen. Nichts eignet sich besser, um sich vom Bürgerlichen, Konservativen abzugrenzen.

„Ich war auf einem sehr guten humanistischen Gymnasium, linksintellektuell angehaucht“, um-schreibt sie den Background, der ihre Art zu Denken geprägt hat. Schon früh habe sie unbewusst versucht, ihr eigenes Ding zu finden. „Das ging schon mit 12, 13 Jahren los“, erzählt sie, „da habe ich mich, gemessen an meinen so behüteten Verhältnissen, eher subversiven Gruppen angeschlossen“, erinnert sie sich, lacht herzlich los und findet die Worte: „so zwischen Post-Hippie-Freaks und Provinz-Punk“. Die Haare an den Seiten rasiert und oben lang, findet sie ihre spirituelle Heimat bei gleichgesinnten Freunden. Die 80er Jahre brechen an und bieten von New Wave bis zum Punk allerlei Stilrichtungen, die ein aufregendes Leben abseits der biederen Trampelpfade versprechen. „Es ist ja fast ein bisschen peinlich, aber wir waren noch in den 80ern totale Rolling-Stones-Fans“, sagt Gaensheimer und erzählt, wie sie 1986 mit ihren Freunden zum Konzert der Stones im Münchner Olympiastadion fährt – ohne Tickets. „Wir hatten kein Geld und haben uns einen Tunnel unter dem Zaun durchgegraben. Ich weiß noch ganz genau, das erste Lied war ,Under my Thumb’“ und sie stimmt kurz mit einem Lachen den Refrain an. „Eigentlich ist das nicht mein Lieblingssong von den Stones, aber Jagger in enger roter Hose und mit nacktem Oberkörper. . . “, und wieder bricht der Satz in einem Lachen ab. Ihr wahrer Held aber ist Kurt Cobain. „Da, schauen Sie, das ist meine Jugend“, und ihre Hand weist auf ein Schwarzweiß-Porträt des früh verstorbenen Nirvana-Frontmanns, aufgenommen auf seiner Nevermind-Tour von dem renommierten Fotografen Juergen Teller.

Es ist die Popkultur, die Susanne Gaensheimer zur Gegenwartskunst bringt. Die Auseinandersetzung mit der Zeit, in der sie lebt, ob in der Musik, im Film, in der Mode. So sehr sie sich über ihre Outfits und Freunde vom elterlichen Zuhause distanziert, so sehr bleibt sie ihm doch innerlich verbunden. Was sie an ihrem Vater schätzt: Disziplin, Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl, hilft ihr in der Umsetzung ihrer eigenen Pläne.

Anders als ihre sesshaften Geschwister zieht es sie nach dem Abitur in die Welt. Sie absolviert ein dreimonatiges Praktikum im Museum of Contemporary Art in Los Angeles und entscheidet sich für ein Studium der Kunstgeschichte in München und Hamburg. Ihr Professor Rainer Crone wird der Mensch in ihrem Leben, der ihr das Rüstzeug an die Hand gibt, um sich das, was sie intuitiv an einem Kunstwerk erfasst, auch intellektuell zu erschließen und in Worte zu kleiden, einzuordnen in den Wissensschatz der Kunstgeschichte und anderen Menschen begreifbar zu machen. Er ermutigt sie zu einer kritischen Haltung, wird auch ihr Doktorvater. Heute hat sie selbst einen Lehrauftrag an der Frankfurter Universität – und liebt die Arbeit mit den Studenten.

An Grenzen gestoßen

Wer sich auf dieser Ebene mit Kunst befasst, muss eine außergewöhnliche Sensibilität mitbringen. Aber auch ein Selbstbewusstsein, das dem eigenen Urteil Vertrauen schenkt. „Ich finde es nicht schwierig, mir eine Meinung zu bilden“, sagt sie dann auch. Nur einmal habe sie erlebt, an ihre Grenzen zu stoßen. Da konnte sie ein Video-Kunstwerk nicht bewerten. „In der digitalen Welt bin ich ein Fossil“, sagt die 47-Jährige, „aber ich habe Spitzenleute am Museum, die sich darum kümmern. Das Wichtigste ist, dass mich ein Kunstwerk neugierig macht und tief berührt.“ Und für einen Moment zeigt sich eine zutiefst nachdenkliche Susanne Gaensheimer.

„Was passiert, ist, dass man durch den Betrieb eine gewisse Härte entwickelt. Das ist mein Schutzmechanismus, den ich eigentlich gar nicht an mir mag. Eine Verschlossenheit, eine mangelnde Weichheit.“ Sie kann sehr pessimistisch sein, fast an der Grenze zur Depression. „Das merkt man von außen vielleicht gar nicht.“ Sie bewegt sich in einer Welt, in der es nicht nur um die Kunst und Künstler geht, sondern auch um Geld, um Macht, um das Managen des Museums. „Diplomatie habe ich schon entwickelt, aber ich bewundere Menschen, die diese Offenheit und Verletzlichkeit haben, und dennoch sanft bleiben.“ Das sind ganz oft die Künstler. „Aber auch meine Schwägerin“, und schon kann sie wieder lachen. So streng ist sie doch gar nicht, die Susanne Gaensheimer. Nur zu sich selbst.

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