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Folge 71: Literatur-Neulinge Giulia und Jill Enders: Der rote Faden: Schwestern mit Charme

Von Mit Spaß an der ernsten Sache: Die Frankfurter Medizinstudentin Giulia Enders hat mit dem Sachbuch „Darm mit Charme“ einen Bestseller geschrieben – illustriert von ihrer Schwester Jill.
Damen mit Charme: Was wir schon immer über den Darm wissen wollten und nie zu fragen wagten, erzählen uns Giulia und Jill Enders - in Wort und Bild.	Foto: Salome Roessler Damen mit Charme: Was wir schon immer über den Darm wissen wollten und nie zu fragen wagten, erzählen uns Giulia und Jill Enders - in Wort und Bild. Foto: Salome Roessler
Frankfurt. 

Kleine Hände halten ein Pappschild in die Höhe: „Sie soll so ähnlich heißen wie ich!“ Jill Enders tritt schon im zarten Alter von fünf Jahren für ihre Schwester ein – noch ehe diese das Licht der Welt erblickt. Aus Protest gegen den Vornamen „Franziska“ greift sie zu Pappe, Schere und Stift und bastelt ein Plakat für ihre erste Demo. Erfolgreich: Die Mutter lenkt ein – „Julia“ vielleicht? Auf Giulia, sprich „Dschulia“, einigt sich „Dschill“ mit der Mama, die ihrer zweiten Tochter im Januar 1990 das Leben schenkt.

Mehr als zwei Jahrzehnte nach der Plakataktion greift Jill wieder zum Stift für ihre kleine Schwester. Diesmal, um zu zeichnen. Ihre witzig-naiven Figuren setzen bildlich in Szene, was die Medizinstudentin Giulia Enders ihren Lesern über den Darm zu berichten hat. Fachlich fundiert und frech formuliert erklärt sie in ihrem Buch „Darm mit Charme“ die Bedeutung dieses „unterschätzten Organs“ für Körper und Seele. Ein gefundenes Fressen für den cleveren Ullstein-Verlag, der mit einem Foto der hübschen Autorin (aufgenommen von Jill) auf dem Cover (gestaltet von Jill) Blicke auf das Buch zieht, die einen Darm nicht mal gestreift hätten. Im März diesen Jahres erschienen, steht es auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste, 200 000 Exemplare hat der Verlag schon gedruckt.

 

Sanftes Gemüt

 

„Es war das erste Mal nach vielen Jahren, dass ich überhaupt wieder gezeichnet habe“, sagt Jill in ihrem ruhigen Tonfall, der ihr sanftes, zurückhaltendes Naturell zum Klingen bringt. Während sie spricht, sitzt Giulia neben ihr, hört ihr zu. Das Kinn auf die Hand gestützt, zügelt sie ihr quirliges Temperament, um ihrer großen Schwester das Wort zu lassen. Ein Glas Tee und ein grellgrüner Schichtkuchen aus der Backstube des japanischen Cafés Iimori in der Frankfurter Braubachstraße stehen vor ihr auf dem Tisch, warten darauf, verspeist – oder besser: in ihrem Darm von Mikroben zersetzt zu werden.

Denn darum geht es. Mikroben, Bakterien – das sind im Buch lustige kleine Kerlchen, die munter den Darm schrubben und für Wohl und Wehe ihres Wirtes, sprich des Menschen sorgen. Wenn diese sympathischen Wesen mit ihren unterschiedlichsten Aufgaben mal als Superman, mal als Straßenfegerlein erscheinen, dann verstehen auch die Leser die Vorgänge im Leibesinneren, die in Biologie nur Blasrohre aus Filzstiften gebastelt und Papier zu Kügelchen zerkaut haben.

 

Witzig verpackt

 

Meilenweit entfernt vom Fachjargon der Mediziner, wortgewandt, intelligent und witzig verpackt Giulia komplizierte biologische Vorgänge in leicht verdauliche Lesehäppchen. Das ist eine Kunst. Ebenso wie Jills Fähigkeit, diesen Wesen ein Gesicht zu geben. Wie Jill von ihren Illustrationen und deren Entstehung erzählt, wird deutlich, wie viel Aufmerksamkeit fürs Detail, wie viel Muße und Hingabe für ein Projekt sie zu geben fähig ist. Darin ähnelt sie ihrer Schwester Giulia – und gleicht mit ihrer ruhigen Art deren übersprudelndes Wesen wundersam aus. „Ich bin lieber im Hintergrund“, sagt Jill. „Ich bin jemand, der auch mal vorne rumwirbelt“, sagt Giulia. Gemäß dieser Rollenverteilung passt es gut, dass Giulia als Autorin des Buchs ihr Gesicht dafür hinhält. Wie vor wenigen Wochen bei Giovanni di Lorenzo in „Drei nach neun“, als sie in der Talkrunde saß, munter vom Pupsen plauderte und erklärte, welche biologischen Vorgänge dahinterstecken. So, wie sie bald darauf bei „Lanz“ Platz nahm, um vom „gechillten Dickdarm“ und dessen Funktion zu erzählen.

In ihrer Person trifft Jugendjargon auf Fachwissen. Gerade erst hat sie an einem Tag elf Klausuren geschrieben – neben all den Medienterminen. Der Hype um ihr Buch kann sie nicht aus der Ruhe bringen. Ihr Fokus liegt nach wie vor auf dem Studium und ihrer Doktorarbeit, die sie am Institut für Mikrobiologie der Goethe-Universität schreibt. Sie will Gastroenterologin werden. Das Geschehen um ihre grazile Person betrachtet sie mit freundlicher Neugier und strahlt dabei eine Unbekümmertheit aus wie zuletzt Lena Meyer-Landrut, als sie den nationalen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest gewann. Man könnte meinen, Deutschland habe nur darauf gewartet, dass endlich ein hübscher Mund in aller Öffentlichkeit vom anderen Ende des Verdauungstraktes erzählt und die Nation von ihrem kollektiven Schamgefühl beim Klogang befreit.

 

Zusammenspiel

 

Ehe Giulia vor Fernsehkameras trat, um Geräusche aus dem Darmtrakt gesellschaftsfähig zu machen, übte sie vor kleinerem Publikum. Anno 2012 tritt sie auf dem Science-Slam in Freiburg an, wo sich Studenten im unterhaltsamen Vortrag über ihr Fachgebiet versuchen. Wer den größten Applaus bekommt, hat gewonnen. Giulia hat das geschafft. Nicht nur einmal, sondern gleich dreimal, nach Freiburg auch in Berlin und Karlsruhe. Auf You-Tube wurde das Berliner Video zum Hit – und wer sich reinklickt, versteht schnell, dass der wahre Charme des Darms in dem zierlichen Mädchen mit wippendem Pferdeschwanz liegt, ergänzt durch die Illustrationen, die im perfekt pointierten Zusammenspiel mit dem Vortrag die Lachnerven treffen und Kompliziertes mit wenigen Strichen aufs Wesentliche reduzieren, so einfach, als wäre noch Jills Kinderhand im Spiel. Und das bei einem Thema, zu dem wirklich jeder Mensch etwas zu sagen hat.

Das Potenzial, das in dieser Kombination schlummerte, erkannte eine Literaturagentin, die Giulia fragte, ob sie nicht ein Buch zum Thema schreiben wolle. „Mit 22 Jahren? Erst mal habe ich spontan gedacht: Das ist kein Alter, in dem man Bücher schreibt. Aber dann habe ich es mir anders überlegt, denn das war eine unglaubliche Chance“, sagt Giulia. Die Chance, Forschungsergebnisse, die keine zwei Jahre jung sind, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein Professor traut sich so etwas nicht. Bevor die Labormäuse nicht hundertmal um den heißen Brei gejagt wurden, wird er nicht verfüttert. Der Wissenschaftsbetrieb gleicht da eher dem Dickdarm und agiert etwas träge – so ließen Reaktionen auf das Buch auch etwas auf sich warten. Inzwischen freut sich Giulia über erste Einladungen zu Vorträgen, die sie von Professoren erhalten hat. Ein gutes Zeichen – denn wenn’s um die seriöse Forschung geht, hört bei manch einem Professor der Spaß auf.

Doch Giulia hat bei allem Spaß gewissenhaft recherchiert, die Informationen in einem umfangreichen Literaturverzeichnis belegt, und nicht zuletzt warnt sie ihre Leser vor voreiligen Schlüssen. Dass Menschen bei Lesungen um ihren Rat fragen, als sei sie fertige Medizinerin und habe nicht erst noch ihr praktisches Jahr vor sich – das konnte sie nicht ahnen, als sie sich fast ein Jahr lang hoch diszipliniert hinter ihrem Laptop verschanzte, um ihre ureigene Faszination über den Darm zu Papier zu bringen. Ihre Begeisterung wirkt einfach ansteckend: Wer lässt sich nicht gerne sagen, dass das morgendliche Angstgefühl im Bauch nicht ursächlich in unserer eigenen mentalen Verfasstheit gründet, sondern vielmehr auf einen bestimmten Bakterienstamm im Darm zurückzuführen sein könnte? Oder dass „Moppelbakterien“ fürs Pfund zuviel auf der Hüfte verantwortlich sein könnten. Punkte, die gerne plakativ aus dem so viel umfassenderen Buch herausgegriffen werden.

Dass Giulia sich in den Darm, „dieses Grummelorgan“, verguckt hat, kommt nicht von ungefähr: Mit 17 Jahren leidet sie unter Neurodermitis. Ihr ganzer Körper juckt, Cremes schaffen keine Abhilfe. Sie wälzt Fachliteratur, ist erstaunt über die Vorgänge im Körper – vor allem im Darm. Eine Ernährungsumstellung befreit sie von nässenden Wunden und Juckreiz. Der Grundstein für ihr Medizinstudium ist gelegt. Jill hat zu diesem Zeitpunkt schon einen Amerikaaufenthalt mit Praktikum bei einem bekannten New Yorker Fotograf hinter sich. Doch zurück in Deutschland, entdeckt sie für sich den vielseitigen Studiengang Kommunikationsdesign an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung – schließlich beherrschte sie schon als Fünfjährige intuitiv, kreativ und vor allem erfolgreich das „Gestalten eines Plakats zur Informationsvermittlung“.

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