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Folge 67: Firmengründer Claus Wisser: Der rote Faden: So isser, der Wisser

Von Vom Bodenschrubber zum Millionär: Claus Wisser ist ein Schaffer und Genießer, ein jovialer Firmenpatriarch, dessen Herz links schlägt. Dem Gründer der Wisag widmen wir Folge 67 unserer Serie „Der rote Faden“, in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.
Immer auf Tuchfühlung mit seinem 15 Jahre alten Glücksschwein aus New York: Firmenpatriarch Claus Wisser. 	Foto: Salome Roessler Immer auf Tuchfühlung mit seinem 15 Jahre alten Glücksschwein aus New York: Firmenpatriarch Claus Wisser. Foto: Salome Roessler
Frankfurt. 

Trittst du nicht rasch genug zur Seite, spürst du sie, die Wisser’sche Umarmung. Wenn sich unerwartet schnell und schwer sein Arm um deine Schultern legt, seine Pranke sanft zupackend die noch junge Bekanntschaft besiegelt und diesen Wimpernschlag zu lang deinem Oberarm die Bewegungsfreiheit raubt. Dann hat Claus Wisser binnen Sekunden geschaffen, wozu andere Menschen Stunden brauchen: Nähe. Ob du willst oder nicht. Ein Claus Wisser darf das. Er darf in seiner hünenhaften Gestalt sein Gegenüber begrüßen wie einen besten Freund, auch wenn es sich gerade um das erste Aufeinandertreffen handelt. „Ich bin ein Jazzer“, sagt er, wenn er nach Musik gefragt wird. Und wie sich der Jazz über musikalische Konventionen hinwegsetzt, ignoriert Wisser gerne einmal das, was man gemeinhin für schicklich hält und macht die Dinge so, wie er es für richtig und angemessen empfindet.

 

Fleißiger Bauchmensch

 

Dieses Gespür hat ihn weit gebracht. Wenn man in knapp 50 Jahren ein Unternehmen mit 48 000 Beschäftigten aufgebaut hat, kann man nicht alles falsch gemacht haben. Die Wisag Holding ist ein Dienstleister für Industrie, Verwaltungen und Flughäfen und bietet von der Reinigung über Bewachung, Grünpflege, Haustechnik und Catering alles an, was nicht zum Kerngeschäft der Kunden zählt. Umarmung statt Händedruck als Erfolgskonzept allein reicht allerdings nicht aus, um ein solches Imperium zu regieren. Fleiß ist ein Wort, das dem Mann, dem man seine 71 Jahre nicht ansieht, häufig über die Lippen kommt. Und weil Wisser ein Bauchmensch ist, setzt er sich zum Plausch über sein Unternehmerdasein lieber in die Küche als ins Büro, ein Stück Kuchen in Reichweite, der Weinvorrat eine Treppe tiefer gelegen. Er nimmt sich Zeit für einen Ausflug in sein bewegtes Leben. Setzt an zu erzählen von damals, als er mit einem geschenkten Fahrrad und einer Schreibmaschine sein Imperium gründete. Strickt gefällig an seinem eigenen Mythos „Vom Bodenschrubber zum Millionär“. Dabei ist ihm Geld nicht wichtig, sagt er, der immer Bares bei sich trägt und nie mit Kreditkarte zahlt.

So freundlich, wie seine braunen Augen durch die Brille blicken, kauft man ihm das sogar ab. „So isser, der Wisser“, heißt es dann, wenn Menschen, die mit ihm zusammen arbeiten, von ihm erzählen. Dem Fleißigen, der nicht nur schnell Kontakte knüpft, sondern sie auch zu pflegen weiß. Und wie zum Beweis wählt er mitten im Gespräch die Nummer der Witwe Hartwig Piepenbrocks, seines Konkurrenten, dessen Geburtstag an diesem Tag gewesen wäre. Sein Blackberry erinnert ihn an die Festtage seiner Kontakte – selbst über deren Tod hinaus.

Wisser ist ein überzeugter Sozialdemokrat. Mit 19 Jahren sei er schon in die SPD eingetreten, sagt er und deutet auf das Porträt von Carlo Schmid an der Wand, seinem politischen Vorbild. Er ist einer, der soziale Projekte unterstützt, Freunden oder auch Mitarbeitern mal unkonventionell finanziell aus der Patsche hilft, der ein Langzeitprojekt für Arbeitslose aus der Taufe hebt, genauso wie er das Rheingau Musikfestival als kongenialer Counterpart zu seinem alten Freund Michael Herrmann gründet. „Ich bin ein evangelischer Christ“, sagt er über sich selbst. Doch so, wie er lieber Sponsor als Mäzen ist, behält er die eigenen Interessen dabei immer im Blick.

Die gelten derzeit Frankfurter Immobilien, des „Rentners“ Hobby: Häuser kaufen und sanieren, bevorzugt im Bahnhofsviertel. Er beobachtet genau, welcher Immobilienfonds seinen Bestand auflösen muss, wo er ein Schnäppchen schlagen kann. Frankfurt liegt ihm am Herzen und seine Immobilien tragen entsprechend sein Herzblut zur Schau. Wie die imposante Gründerzeitvilla in der Vogelweidstraße, in der die Wisser Verwaltung- und Beteiligungs GmbH ihren Sitz hat. Von außen erstrahlt sie im klassischen Gelbton mit weißen Sprossenfenstern. Öffnet der Besucher ehrfürchtig die Eingangstür zum Entrée, blickt ihn ein riesiges, dickes, hellrosa Stoffschwein aus seinen kleinen Knopfaugen an. Nein, man hat sich nicht in der Tür geirrt. Das Schwein gehört ebenso zur Villa wie die abstrakte Gegenwartskunst an den Wänden. Warum? Die Geschichte hebt sich der Hausherr noch ein bisschen auf.

Denn Wisser, der Jazzer, tanzt zwar gerne mal aus der Reihe, behält dabei aber den Taktstock in der Hand. So hat er schließlich auch den Grundstein für sein Geschäft gelegt – aus purer Geldnot, die er früh im Leben kennen lernt. In Wiesbaden geboren, steht er schon als Grundschüler an der Kasse im Kolonialwarenladen des Vaters. „Mit zehn Jahren habe ich mir geschworen, niemals selbstständig zu werden“, sagt er. Denn er sieht den Vater täglich im Geschäft auf Kundschaft warten. Schließlich vergeblich. Die Supermärkte verdrängen die kleinen Läden und sein Vater muss das Geschäft schließen. Da ist Claus Wisser 14 Jahre alt. Zwei Jahre später heißt es: „Wir haben kein Geld, du kannst kein Abitur machen.“ Aber Wisser will studieren. Er zieht aus, mietet ein kleines Zimmer und geht weiter zur Schule, nimmt jeden Job an, um sich zu finanzieren und schafft das Abitur. Sein Ziel: Banker werden.

Gemütlich zurückgelehnt am Küchentisch erzählt er, wie alles anders kam. Nach einem Jahr in England nimmt er das BWL-Studium in Frankfurt auf und sucht sich einen Nebenjob bei der Firma „Maschinenmiete“ – mit dem Hintergedanken, seinem Lieblingsthema „Leasing“ nahe zu kommen. Das gelingt ihm so gut, dass er vor lauter Aushilfsarbeit am Standardwerk „Leasinghandbuch“ nicht mehr an die Uni kommt. Der Ausweg: Studieren am Tag, Putzen am Abend. Fortan säubert er die Büroräume der Firma, die später „Deutsche Leasing“ heißt und noch heute zu seinen Kunden zählt. Doch es beschleichen ihn Zweifel: „Ich dachte, mit nur einem Kunden alle Eier in einem Korb zu haben, ist nicht gut. Ich wollte nicht abhängig sein und habe mir weitere dazu gesucht.“ So viele, dass er schließlich sein Studium abbricht und mit dem Schwur bricht, den er sich als Zehnjähriger gab: Er gründet im März 1965 seine eigene Firma und hat ein Jahr darauf schon 20 Beschäftigte. Die ihn ab und an versetzen. „Dann habe ich selbst schon mal die ganze Nacht durchgeputzt.“ Wieder so ein Satz aus dem Wisser-Mythos, zu dem auch gehört, dass er mit Kunden zur Not per Telegramm kommuniziert, weil er sich keinen Telefonanschluss leisten kann. Wisser ist ein Schaffer. „Mit angezogener Handbremse zu arbeiten, ist nicht meine Art“, sagt er und erklärt damit auch, dass heute sein „Hobby“ mit den Immobilien zum Arbeitgeber für 28 Mitarbeiter geworden ist.

 

Bei der IHK fiel er durch

 

Weil er in seinem Unternehmerleben so erfolgreich ist, fällt es ihm nicht schwer, von Fehlschlägen zu erzählen. Erst kürzlich ist er als Kandidat für die Industrie- und Handelskammer-Wahl 2014 durchgefallen. Sein etwas inhaltsschwacher Wahlspruch „Frankfurt ist meine Stadt“ konnte die IHK-Mitglieder nicht überzeugen, ihn als Vertreter der Industrie in ihre Vollversammlung zu wählen. „Ich habe mindestens so viel Erfahrung mit Misserfolgen wie mit Erfolgen“, sagt er und lächelt kaum merklich. Auch privat. 1971 kommt sein Sohn Michael zur Welt. Doch die erste Ehe zerbricht, da ist der Sohn noch keine fünf Jahre alt, denn Claus Wisser arbeitet nicht nur viel, er engagiert sich an seinem ehemaligen Wohnort Neu-Isenburg auch noch aktiv in der Kommunalpolitik.

So sucht er 1975 den Neuanfang in New York. „Glück ist das, was man daraus macht, man muss es nur erkennen“, ist einer seiner Lieblingssätze. In Amerika findet er jedoch nicht, was er unter Glück versteht. Wenn eine 85-Jährige im Coffeeshop hinter dem Tresen steht, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht, kann das für ihn, dessen Herz links schlägt, kein Land zum Glücklichwerden sein.

Nach seinem einjährigen Intermezzo in den USA zieht er nach Frankfurt mit einer guten Idee aus dem gelobten Land im Gepäck: Dienstleistungen rund um die Immobilie von der Grünpflege über Reinigung, Wachdienst und Catering unter einer Dachmarke anzubieten. Er baut peu à peu den heutigen Konzern auf – den er immer noch als Familienunternehmen versteht und den er 2011 seinem Sohn Michael übertragen hat. Wisser Senior lehnt sich nach vorne und sein Blick wird eindringlich: Er sitze noch im Aufsichtsrat – dann entspannt er sich und rückt die anschaulichen Dinge in den Fokus: „Wenn ich in die Zentrale zum Mittagessen gehe, dann kenne ich jetzt vielleicht noch die Hälfte der Mitarbeiter. Früher habe ich jeden mit Handschlag begrüßt.“ Es ist nicht leicht, die Werte eines Familienunternehmens in einen Konzern hinüberzuretten. Und wenn er so ein bisschen strenger guckt, fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, wie dieser Blick auch mal in lautes Poltern umschlagen kann. Sicher, es gab anfangs Auseinandersetzungen mit seinem Sohn, aber heute sei alles bestens, sagt der Vater im Hinblick auf die Übergabe.

Der Junior tritt in große Fußstapfen, doch zu seinem Glück überragt er den Vater mit 2,10 Metern um gute 20 Zentimeter und weiß die väterlichen Spuren mit seiner ganz eigenen Duftmarke auszufüllen. Es sei auch kein typisches Vater-Sohn-Verhältnis, da Michael ja bei seiner Mutter aufgewachsen sei, erzählt Wisser. Später war er fünf Jahre mit der „roten“ Heidi Wieczorek-Zeul zusammen. Die längste Beziehung aber pflegt er mit seiner zweiten Frau Doris. Die er vor bald dreißig Jahren kennenlernte, da waren ihre Kinder noch klein. „Und auf einmal stand sie vor meiner Tür“, was ihm noch heute zu schmeicheln scheint. Zusammen leben sie in Niederrad. Hochzeit feierten sie aber erst, als die Kinder aus dem Haus waren, nach 17 Jahren wilder Ehe – „die Ehe ist mein Hafen“, sagt er tiefenentspannt, als säße er gerade mit seiner Frau im gemeinsamen Ferienhaus in Frankreich und wolle gleich ein gutes Glas Rotwein zu den Lippen führen.

 

300 Millionen verloren

 

Seine Frau ist es auch, die ihm zur Seite steht, als er die tiefste Krise seines Unternehmerdaseins durchlebt: Ein finanzielles Fiasko, das 2000 Mitarbeiter den Job kostet und Wisser 300 Millionen Mark Verlust einbringt. Blauäugig und erfolgsverwöhnt investierte er Ende der 80er Jahre in die schwächelnde Textilbranche, versuchte sich als Produzent von Textilien. Doch mit der Branche gehen auch seine Betriebe den Bach hinunter. „Wenn es eng wird, werde ich gut“, erklärt er seine Nervenstärke und lüftet endlich das Geheimnis um sein Schwein: 15 Jahre braucht er, den Schuldenberg abzubauen. Zur Feier gönnt er sich mit seiner Familie einen Ausflug nach New York in der Vorweihnachtszeit. Da blickt ihn in einem Spielwarenladen das zartrosa Riesenschwein an, umringt von hunderten Teddybären: „Ich wusste gleich, das wird mein Glücksbringer.“ In Mülltüten gestopft bringt er es als Handgepäck mit an Bord – um teure Transportkosten zu sparen. Seitdem ist es sein treuer Begleiter und hat – Sparsamkeit anmahnend – schon oft mit am Konferenztisch gesessen, „am Kopfende“, wie Wisser betont und das Kind im Manne lachen lässt. In der Puppenklinik war es auch schon, wegen abgeknickter Füße. So isser, der Patriarch, der, wenn schon nicht die ganze Firma, dann wenigstens sein Glücksschwein in die Arme schließt.

 

Bild-Zoom

Nächste Woche: Den roten Faden gibt Claus Wisser an Johannes zu Eltz weiter. Der Stadtdekan gilt als fromm und streitbar – wovon vor allem Franz-Peter Tebartz van Elst ein Lied singen kann.

 

 

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