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Unfallklinik-Projekt: Diagnose Querschnittslähmung: Wie Betroffene andere Patienten unterstützen

Jean-Marc Clément ist Turniertänzer und gewann viele Wettbewerbe – im Rollstuhl. Seit 32 Jahren ist der 63-Jährige gelähmt. „Ich habe sehr viel Hilfe bekommen“, sagt er. Nun will er andere Betroffene unterstützen.
Jean-Marc Clément (l.) berät als so genannter Peer den BGU-Patienten Thorsten Ren. Foto: Salome Roessler Jean-Marc Clément (l.) berät als so genannter Peer den BGU-Patienten Thorsten Ren.
Frankfurt. 

Es gibt viele Fragen, die ein Betroffener sich nach der Diagnose Querschnittlähmung stellt. „Viele dieser Dinge möchte man einfach nicht mit seiner Familie, seinen Freunden oder den Ärzten besprechen“, weiß Jean-Marc Clément aus eigener Erfahrung. Mit 18 Jahren erhielt er die Diagnose Hodenkrebs, acht Jahre später landete er durch die intensive Bestrahlung des Unterleibs im Rollstuhl.

Den Weg zurück ins Leben fand er durch den Sport. „Ich ging in der Klinik eines Tages zum Tanzen und lernte Gleichgesinnte kennen“, erinnert er sich. Diese Erfahrung möchte er nun als einer von fünf Rollstuhlfahrern in Frankfurt, die zu so genannten „Peers“ ausgebildet wurden, an seit Kurzem Gelähmte weitergeben. Neben Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften sollen die Peers den Weg zurück ins Leben ebnen.

„Es ist wichtig, den frisch Verletzten eine glaubwürdige Perspektive aufzuzeigen“, sagt Kevin Schultes, Vorstandsmitglied der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland (FGQ). Die FGQ organisiert das so genannte „Peer Counseling“ in Kooperation mit der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU). Ziel ist es, Betroffenen dabei zu helfen, den ersten Schock zu überwinden, um dann möglichst selbstständig und vor allem selbstbestimmt mit der Lähmung zu leben.

„Man fällt in ein Loch“

Von dem Projekt überzeugt ist auch Dr. Oswald Marcus, Chefarzt der Abteilung für Rückenmarkverletzte an der BGU: „Es hilft uns sehr, dass es Menschen gibt, die den Betroffenen authentisch aufzeigen, dass es aus einen Ausweg gibt. Als nicht erkrankte Person kann man sich ja nur schwer in die Situation hineinversetzen.“ Deshalb sei es immer etwas anderes, wenn ein Betroffener seine Erfahrungen weitergibt. „Denn behindertengerechte Parkplätze und Toiletten schaffen noch längst kein barrierefreies Leben. Die Barrieren liegen oft woanders“, so Chefarzt Marcus. Das kann Stephan Korth bestätigen. Er sitzt seit 40 Jahren im Rollstuhl und nimmt ebenfalls als Peer an dem Projekt teil. „Wenn man die Diagnose erhält, fällt man erstmal in ein tiefes Loch“, sagt er. Gerade in dieser schwierigen Zeit möchte er anderen Betroffenen beistehen. „Es gibt so viele Fragen und manchmal hilft es schon, wenn man weiß, wo und wie man die beantwortet bekommt.“ Solche Fragen können sich um Hilfsmittelversorgung, Umbaumaßnahmen an Haus, Wohnung oder Auto oder um Sozialrecht drehen. Aber auch intime Fragen rund um Partnerschaft und Sexualität können Betroffene den Peers stellen.

38 Patienten im Jahr

38 Patienten mit einer neu eingetretenen Querschnittlähmung wurden im vergangenen Jahr an der BGU betreut, 2016 waren es 35. Der Altersdurchschnitt liegt bei 60 Jahren, 70 Prozent sind männlich. Durchschnittlich 140 Tage bleiben Betroffene zur so genannten „Primärbehandlung“ in der Klinik. „In dieser Zeit passiert physisch, aber auch psychisch sehr viel mit dem Patienten“, sagt Dr. Marcus.

Das „Peer Counseling“ gibt es bereits seit 1981, nun soll es jedoch professionalisiert werden. „Wir möchten jedem Betroffenen einen Peer zur Seite stellen können, der zu ihm passt“, so Vorstandsmitglied Schultes. 62 solcher Helfer hat die FGQ bislang bundesweit ausgebildet. „Und es sollen mehr werden“, so Schultes. Ziel sei es, unter anderem an Berufsgenossenschaftlichen Querschnittszentren selbst betroffene Ansprechpartner zu etablieren, die den Patienten zur Seite stehen.

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