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Sightseeing: Die Frankfurt-Tour für ausgebüxte Knackis

Frankfurt sehen - und flüchten. Eine nicht ganz ernstgemeinte Anleitung.
Frankfurt. 

0:00 - 0:34: Asphalt-Dschungel

Du kommst am Hauptbahnhof an. Du schwitzt. Nicht wegen der Temperaturen, sondern wegen der 500.000 Euro, die Du in kleinen Scheinen am Körper trägst. Und weil Du seit Tagen nicht mehr geduscht hast.

Du musst schnell machen: In drei Stunden holt Dich Rasiermesser-Rolf am Zoo ab. In der Zeit musst Du die Typen abschütteln, die seit Tagen wie Schatten an Dir haften. Und außerdem willst Du was von Frankfurt sehen. Man ist schließlich nicht alle Tage hier.

Foto: dpa Bild-Zoom Foto: Oliver_Berg (dpa)
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Du überquerst den Bahnhofsvorplatz und betrittst die Kaiserstraße. An der Ecke zur Moselstraße biegst Du rechts ab. Nach zwei Minuten erreichst Du das Moseleck. Du orderst drei Bier, obwohl Du alleine bist. Du zahlst in bar. Nach zwei Minuten stehen die Gläser auf der Theke. "Schönen Gruß, Ihr Nixchecker!", kritzelst Du auf einen Bierdeckel. Dann schleichst Du durch die Küche nach draußen, kletterst durchs Hoffenster ins Treppenhaus und verlässt das Gebäude. Durchs Fenster siehst Du Deine drei Verfolger verdutzt vor ihren Bieren stehen.

Endlich alleine! Du nimmst Dir einen Moment, um die Atmosphäre aufzunehmen: Schließlich bist Du in einem der berüchtigtsten Stadtteile Europas! Du lässt Deinen Blick über Rotlicht-Reklamen schweifen. Prüfst Dein verzerrtes Spiegelbild im Lack der Zuhälter-Limousinen. Erwiderst den Blick eines schielenden Türstehers mit Blumenkohlohren.

Wie weit kämst Du hier mit Deinen schweißnassen Euros? Kurz spielst Du mit dem Gedanken, es drauf ankommen zu lassen. Dann fällt Dir Rasiermesser-Rolf ein. Und sein Boss, der Buchhalter. Du schüttelst Dich und schaust auf die Uhr. Zweieinhalb Stunden noch.

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0:35 - 1:07: Frankfurt Confidential

Du läufst die Moselstraße entlang bis in die Windmühlstraße. Sicherheitshalber wechselst Du dabei siebenmal die Straßenseite. Außerdem ziehst Du Deine alte Regenjacke aus und stopfst sie im Vorbeigehen in eine Mülltonne. In einer Trinkhalle besorgst Du Dir eine Dose lauwarmen Ebbelwoi. Du trinkst sie in einem Zug aus. "Herrschaftszeiten!", sagt der Trinkhallenmann.

Du überquerst den Untermainkai und betrittst die Promenade am Mainufer. Die Passanten wirken harmlos: Anzugträger, Jogger, ein paar Familien mit kleinen Kindern. Niemand, von dem Du etwas zu befürchten hättest.

Auf der gegenüberliegenden Mainseite erkennst Du ein paar große Gebäude. Das muss das Museumsufer sein, von dem Knochenbrecher-Klaus so oft geschwärmt hat. Damals, im Bau.

Du überquerst den Main auf dem Holbeinsteg. In der Ferne heulen Martinshörner. Du achtest nicht darauf.

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Du stehst direkt vor dem Städel. Im Knast habt Ihr Euch den Artikel über die versautesten Gemälde der Sammlung ausgedruckt und an die Wand gehängt. Für eine Besichtigung reicht Deine Zeit heute leider nicht. Du beschließt, in ein paar Monaten wiederzukommen. Mit einem neuen Gesicht. Rasiermesser-Rolf kennt da jemanden in Südamerika.

Du läufst am Museumsufer entlang gen Osten, vorbei am Museum für Kommunikation, am Filmmuseum, am Weltkulturen-Museum und am Museum für Angewandte Kunst. Ein paar Mal bleibst Du stehen und knipst mit Deinem Handy die Skyline.

Schon wieder Martinshörner. Nur nicht nervös werden.

Auf dem Eisernen Steg überquerst Du den Main zum zweiten Mal. Von den Liebesschlössern am Brückengeländer hältst Du nichts. Im Gegenteil. Beim Anblick von Schlössern wird Dir schlecht.

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1:08- 1:29: Notorious

Als Du in das Fahrtor einbiegst, gefriert Dir das Blut in den Adern: Zwischen dem Historischen Museum und dem Jungen Museum steht eine Limousine. Du erkennst das Kennzeichen. 

Mit klopfendem Herzen drehst Du Dich um. Tust, als betrachtetest Du die Torten im Schaufenster der Konditorei. In Wahrheit beobachtest Du den Wagen. Sind das die Männer, die Du im Moseleck abgeschüttelt hast? Oder ihre Komplizen? Du bist Dir nicht sicher. Die Scheiben sind abgedunkelt. 

Eilig läufst Du das Fahrtor hinauf, immer an der linken Straßenseite entlang. Den Kopf hältst Du gesenkt. Nur zur Alten Nicolaikirche schaust Du kurz auf. Die Limousine steht weiter zwischen den Museen.

Auf dem Römerberg angelangt, machst Du ein Selfie. Ein Fehler. Während Du noch damit beschäftigt bist, einen Filter für Dein Foto auszusuchen, bricht die Limousine des Buchhalters mit jaulendem Motor durch die Menge, schlingert über das Kopfsteinpflaster und kommt mit quietschenden Reifen vor Dir zum Stehen. Drei Männer springen heraus. Die Jungs aus dem Moseleck. Sie sehen schlechtgelaunt aus.

Du hast keine Chance. Du nutzt sie. 

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Die Geldscheine rascheln laut, als Du folgenden Sprint hinlegst: Vom Römberg aus in die Limpurgergasse, dann nach rechts in die Buchgasse und über den Kornmarkt. Dann zweimal rechts. Schwer atmend presst Du Deinen Rücken an die Außenwand der Paulskirche. Ein paar Reisegruppen laufen vorüber, Stadtführer in der Linken, Fotoapparat in der Rechten.

Zwei, drei Sekunden später kommt einer Deiner Verfolger um die Ecke. Ein dünner Mann. Keuchend sieht er sich um. Er sieht Dich nicht. "Scheißstadt!", zischt er, "überall Touristen!" Dann humpelt er weiter in Richtung Berliner Straße. Von seinen Begleitern ist nichts zu sehen.

1:30 - 2:47: Ein einfacher Plan

Ein paar Minuten bleibst Du in Deinem Versteck. Wartest, dass Dein Herzschlag sich beruhigt. Die Geldbündel sind verrutscht und verschwitzt, aber sie halten. Gut eine Stunde noch, sagst Du Dir. Eine Stunde, dann holt Dich Rasiermesser-Rolf.

Als Du Dir sicher bist, dass die Luft rein ist, wagst Du Dich aus Deinem Versteck. Du mischst Dich unter die Menge auf dem Paulsplatz, folgst dem Strom der Fußgänger über die Berliner Straße und die Neue Kräme auf den Liebfrauenberg.

Von Deinen Verfolgern ist jetzt nichts mehr zu sehen. Eine Pantomime-Gruppe improvisiert nach Motiven aus der "Dialektik der Aufklärung". Für Deinen Geschmack zu unkritisch. Enttäuscht drehst Du Dich weg. 

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Von hier aus sind es nur ein paar Schritte zur Kleinmarkthalle. Unter anderen Umständen wärst Du genervt von dem Gedränge - heute könntest Du Dir keinen besseren Ort zum Untertauchen wünschen.

Du bleibst gut 20 Minuten. Zeit genug für einen zweiten Ebbelwoi. Der seltsame Wein macht dich sentimental: Du kaufst für Rasiermesser-Rolf einen  Schlüsselanhänger mit der Silhouette der Skyline. Hoffentlich freut er sich. 

Weil Du schon da bist, besorgst Du einen Bembel, die Grüne-Soße-Kräuter, fünfzehn Postkarten mit historischen Frankfurt-Ansichten und ein Paket Frankfurter Kaffee. Eine halbe Stunde noch.

Du schnappst Deine Einkäufe und arbeitest Dich bis zum Ausgang zur Hasengasse durch. Dort angekommen, biegst Du nach links ab und folgst der Straße bis zur Töngesgasse. Die vielen kleinen Läden musst Du unbeachtet lassen. Du biegst auf die Fahrgasse ab und stehst nach wenigen Minuten auf der Konstablerwache.

In der unterirdischen S-Bahn-Station steigst Du in einen Zug Richtung Zoo.

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2:48 - 2:59: Getaway

Am Alfred-Brehm-Platz kommst Du wieder an die Oberfläche. Auf dem Platz ist wenig los, nur am Übergang zur Pfingstweidstraße hupen sich ein paar Taxifahrer an. Zielsicher steuerst Du das Eingangsgebäude des Frankfurter Zoos an. Den Eintritt bezahlst Du mit einem schweißnassen 50-Euro-Schein.

Du hast gerade genug Zeit, um einen Blick auf die Komodowarane zu werfen. Die beiden Riesenechsen bewegen sich kaum. Sie sitzen einfach da, in einer Ecke ihres Terrariums, und warten darauf, dass ihr Pfleger ihnen ein paar blutige Tierkadaver zuwirft. Unwillkürlich musst Du an Rasiermesser-Rolf denken, und an seinen Boss, den Buchhalter.

Zehn Minuten später stehst Du am Mitarbeitereingang des Zoos hinter dem Giraffengehege. Zur verabredeten Zeit klickt ein Schlüssel im Schloss, das Tor schwingt auf. Rasiermesser-Rolf fährt seinen alten Toyota in den Zoo. Hält neben Dir. Steigt aus. Lacht heiser und schlägt Dir auf die Schulter. "Na, dann steig mal ein", flüstert er so laut, wie es seine zerfressene Lunge zulässt.

Das Letzte, was Du von Frankfurt siehst, sind zwei kopulierende Nashörner. Dann schließt sich die Kofferraumklappe über Dir. Im spärlichen Licht Deines Handy-Bildschirms fängst Du an, Postkarten zu schreiben.

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