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Entscheidung: Die Jury hat entschieden: Clemens Meyer wird der 45. Stadtschreiber von Bergen

Von Bauhelfer, Möbelträger, Wachmann, Schriftsteller. Und jetzt auch noch der 45. Stadtschreiber von Bergen. So facettenreich ist das Leben von Clemens Meyer, dessen Berufung die Jury gestern Abend bekanntgab.
Doppelkopf: Clemens Meyer vor seinem eigenen Portrait, geschaffen von dem Maler Paule Hammer. Heute ist es im Museum der Bildenden Künste in Leipzig zu sehen. Foto: Hendrik Schmidt (dpa-Zentralbild) Doppelkopf: Clemens Meyer vor seinem eigenen Portrait, geschaffen von dem Maler Paule Hammer. Heute ist es im Museum der Bildenden Künste in Leipzig zu sehen.
Bergen-Enkheim. 

„Clemens Meyer gehört zu den prägenden Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. Er schreibt Geschichten, Romane aus unserer Zeit, so zerrissen wie unser Leben, so düster wie die Welt, so schön wie die schönsten Hoffnungen“, heißt es in der Begründung der Jury. Und: Der Mensch, so banal es klinge, sei bei ihm Spielball von Schicksal, Liebe, Gesellschaft und, in seinem Aufbegehren und seiner Suche „nach etwas wie Glück“, von Einsamkeit und Scheitern. „Das poetisch umzusetzen ist eine Herausforderung. Dabei ist er äußerst unterhaltsam.“

Schlüsselübergabe

Offiziell in sein neues Amt eingeführt wird Meyer (40) traditionell beim Stadtschreiberfest, das in diesem Jahr am Freitagabend, 31. August, gefeiert wird. Dann hält der zurzeit amtierende Stadtschreiber, Thomas Melle, seine Abschiedsrede und übergibt seinem Nachfolger symbolisch den Schlüssel zum Stadtschreiberhaus. Mit dem Amt sind keine Verpflichtungen verbunden. Es beinhaltet die Überlassung des Häuschens An der Oberpforte 4 für ein Jahr sowie ein Preisgeld von 20 000 Euro.

Geboren am 20. August 1977 in Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt, wuchs Meyer im Leipzig der Nachwendezeit auf: Beim Fall der Mauer 1989 war er zwölf Jahre alt. Die Mutter, Regina Meyer, hatte ihn und seine Schwester zu den Leipziger Montagsdemonstrationen und Umweltgottesdiensten mitgenommen, die maßgeblich zum Ende der DDR beitrugen. Die Nachwendezeit erlebte Clemens Meyer als „Tanz auf den Trümmern“, die er in seinem Roman „Als wir träumten“ mit Kleinkriminalität, Drogen, Gewalt und selbstorganisierten Technopartys beschreibt: Er war zweimal im Jugendarrest, unter anderem weil er ein Auto aufgebrochen hatte. Nach dem Abitur 1996 jobbte Meyer als Bauarbeiter.

Zur Literatur kam Meyer, wie er 2006 in einem Interview der TAZ erzählte, über seinen Vater: „Schreiben wollte ich immer, schon als Kind. Vielleicht hat mich auch mein Vater inspiriert, ein Krankenpfleger mit einer großen Leidenschaft für die Literatur, der hatte eine riesige Bibliothek, mit Tausenden von Büchern.“

Von 1998 bis 2003 studierte Clemens Meyer am deutschen Literaturinstitut Leipzig, sein Studium finanzierte er wieder mit harter Arbeit als Wachmann, Möbelpacker oder Gabelstaplerfahrer, aber auch mit Stipendien. In den ersten Jahren als Schriftsteller lebte er oft von Sozialhilfe. Die am eigenen Leibe erfahrene Armut thematisiert er auch in seinen Werken.

Die Diplomarbeit am Literaturinstitut war zugleich Meyers erster veröffentlichter Roman: „Als wir träumten“ erschien 2006 im Frankfurter Verlag S. Fischer. Ein Buch, das Meyer bekannt machte, das unter anderem als „der langersehnte Wenderoman“ tituliert und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde. Mit seinem zweiten, im August 2013 erschienen Roman „Im Stein“ schaffte es Meyer auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis und erhielt den Bremer Literaturpreis. Doch Meyer schreibt nicht nur Romane.

Zwei Himmelhunde

Von ihm erschienen mehrere Bände mit Erzählungen, Theaterstücke und Drehbücher. Zusammen mit seinem Freund Claudius Nießen brachte er „Zwei Himmelhunde: Irre Filme, die man besser liest“ heraus, für das sie Archive plünderten und so von Trash-Filmen bis zu Perlen der Filmkunst vieles anschauten und bewerteten. Meyer kuratierte das Literaturfest München 2014, hielt 2014 die Poetikvorlesungen der Frankfurter Goethe-Uni und war 2016 Stadtschreiber von Mainz.

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