Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

"Die Landebahn muss weg"

Lydia Ishikawa (63) und ihr Mann Yoshimi (74) leben seit 14 Jahren auf dem Lerchesberg. Yoshimi Ishikawa arbeitete einst selbst in der Flugzeugbranche, seine Frau ist seit 21 Jahren als Immobilienmaklerin tätig. Für beide ist der Betrieb der neuen Landebahn eine in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und persönlicher Hinsicht unverantwortbare Fehlplanung. FNP-Mitarbeiter Mirco Overländer unterhielt sich mit dem Paar.
Das Paar hängt an seinem Haus, erwägt dennoch, wegzuziehen. Fotos: Rüffer Das Paar hängt an seinem Haus, erwägt dennoch, wegzuziehen. Fotos: Rüffer

LYDIA ISHIKAWA: Ich habe das Gefühl, dass jene Frankfurter, die nicht von der neuen Landebahn betroffen sind, die Gefahr der aktuellen Situation nicht erkennen: Derzeit verlässt jeder, der es sich leisten kann, die betroffenen Gebiete. Diese Leute ziehen dann vor allem in die Innenstadt, was dazu führen wird, dass das dortige Preisniveau deutlich ansteigen wird. Für mich ist das eine städtebauliche Katastrophe.

Sind diese Auswirkungen denn schon spürbar?

L. ISHIKAWA: Ich will ein Beispiel nennen: Neulich habe ich eine Wohnung am Deutschherrenufer vermittelt. Vier der sechs Interessenten wohnten am Sachsenhäuser Berg und wollen dort weg. Wer zur Miete wohnt oder sich einen Verkauf unter Wert leisten kann, der geht. Schon jetzt gibt es eine extreme Abwanderungsbewegung.

Wie steht es um die Attraktivität der "verlärmten" Gebiete?

L. ISHIKAWA: Der Markt ist weggebrochen. Bis auf wenige Einzelfälle gibt es kaum noch Interessenten. Viele Häuser auf dem Lerchesberg stehen schon seit Monaten leer. Das war früher nicht so.

Man sagt, es sei noch zu früh, um die Entwicklung von Angebot und Nachfrage verlässlich zu prognostizieren. Stimmt das?

L. ISHIKAWA: Es gibt Kunden, die sich kurzfristig gegen einen Kauf entscheiden. Aber wie sich der Markt exakt entwickelt, wird erst im nächsten Herbst ersichtlich, wenn sich die Situation "normalisiert" hat. Weil sich die Leute aber nicht an den Krach gewöhnen können, werden Häuser mit großem Garten mehr an Wert einbüßen als solche mit kleiner Außenfläche.

Herr Ishikawa, ist die Lärmbelastung so gravierend, dass Sie selbst bereits über einen Umzug nachdachten?

ISHIKAWA: Meine Frau ist in Frankfurt geboren. Hier ist unser Lebensmittelpunkt. Auch wenn es nicht sehr wahrscheinlich ist, hoffen wir noch auf das Revisionsverfahren in Leipzig und die Schließung der Landebahn. Sollte es aber so weitergehen, werden wir ins Grüne nach Eschersheim oder in den Taunus ziehen.

Herr Ishikawa, Sie lebten lange im stark verdichteten Tokio und wissen um die Vor- und Nachteile des Großstadtlebens. Was stört Sie an der neuen Landebahn?

ISHIKAWA: Eine Landebahn mitten in die Stadt hineinzubauen, ist weltweit einzigartig. Als ich die Pläne gesehen habe, konnte ich es nicht glauben. Ich weiß nicht, wie und warum dieses Projekt genehmigt werden konnte.

Was halten Sie von den seitens der Politik nachträglich vorgeschlagenen Maßnahmen zur Lärm-Minimierung?

L. ISHIKAWA: Mit einem Wort: Bullshit. Ich habe definitiv das Vertrauen in die Politik verloren. Ich war nie eine Protestwählerin, beim nächsten Mal werde ich aber anders wählen. Dass Petra Roth uns das angetan hat, kann ich nicht verstehen.

Hat die Politik den Widerstandswillen der Bevölkerung unterschätzt?

L. ISHIKAWA: Auf jeden Fall. Die Leute sind sehr zornig. Wir können unseren 2500 Quadratmeter großen Garten nicht mehr nutzen und sollen dafür eine Einmalzahlung von 400 Euro erhalten. Ich bedauere, dass wir nicht schon früher in einer Bürgerinitiative aktiv waren. Fast alle hier oben haben gedacht, dass es nicht so schlimm werden kann. Jetzt hoffen wir, dass uns die restlichen Frankfurter unterstützen.

Seit wann beteiligen Sie sich an den Demonstrationen gegen die neue Landebahn?

L. ISHIKAWA: Seit deren Betriebsbeginn. Vorher waren wir zu faul und haben auf die Unantastbarkeit der Menschenwürde vertraut. Aber ich gehe inzwischen um ein Uhr ins Bett und stehe vier Stunden später wieder auf. Ich sehe aus wie ein Zombie und bin froh, dass unsere Kinder schon aus dem Haus sind.

Man hört von Villen, die plötzlich zum halben Preis angeboten werden. Sind Ihnen solche Fälle bekannt?

L. ISHIKAWA: Offiziell gibt es solche Angebote nicht. Hier oben leben aber nicht nur Millionäre. Viele, auch wir, haben ihr Haus finanziert. Auf einen Schlag alles aufzugeben, schmerzt sehr, gerade wenn man nicht den Preis erzielt, den man einst selbst bezahlt hat.

Glauben Sie, dass jene, die es sich leisten können, über kurz oder lang wegziehen und Teile des Frankfurter Südens verfallen werden?

L. ISHIKAWA: Wer es sich leisten kann, wird gehen. Jenseits des Mains wird ein Verdrängungs- und Verteuerungsprozess einsetzen. Im Westend und im Nordend werden die Preise weiter anziehen, während es in Sachsenhausen leerer werden wird. Auch Umzüge innerhalb der südlichen Stadtteile werden deutlich zunehmen.

Herr Ishikawa, wie wirkt sich das gesteigerte Flugaufkommen auf Ihr Privatleben aus?

ISHIKAWA: Wir hatten schon zweimal Kerosin in unserem Teich. Daran sieht man, wie tief die Flugzeuge hier drüber fliegen. Für unseren Alltag bedeutet das, dass der Stadtwald als Naherholungsgebiet unbrauchbar geworden ist. Ob beim Wäldchestag oder unterm Goetheturm: Überall ist es laut. Das betrifft auch jene, die nördlich des Mains wohnen und hierher kommen, um zu entspannen.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse