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Zeitreise: Die fast vergessenen Orte der Revolte

Die 1968er haben in Frankfurt wenige äußerliche Spuren hinterlassen. Wer sich auf Zeitreise begeben will, muss sich daher einer Führung anschließen. Und erfährt dann zum Beispiel, wie anders es damals im Westend zuging.
Norbert Saßmannshausen steht vor der „Karl Marx Buchhandlung“ und hält eine historische Pflasterstrand-Ausgabe. Foto: Andreas Arnold (dpa) Norbert Saßmannshausen steht vor der „Karl Marx Buchhandlung“ und hält eine historische Pflasterstrand-Ausgabe.
Frankfurt. 

Uni-Campus, unauffällige Bürogebäude, die Fußgängerzone Zeil, der Garagenhof einer stillen Wohnsiedlung – Orte, die normalerweise bei Stadtführungen sicher nicht im Zentrum stehen. In diesem Jahr ist das anders: 50 Jahre nach 1968 begleiten Stadtführer Besuchergruppen zu Plätzen, die eine entscheidende Rolle spielten in einem Jahr, welches das Land verändert hat.

Norbert Saßmannshausen hat im Internet ein „imaginäres Adressbuch“ angelegt, das die „Orte der Revolte“ vor dem Vergessen retten soll. Mehr als 60 Punkte hat sein Stadtplan – ehemals besetzte Häuser, die Uni, Studentenkneipen, linke Initiativen, die Wohnungen von Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit. Während seinen Führungen erzählt er von einer Zeit, an die äußerlich kaum etwas erinnert.

Das geistige Zentrum

Die Karl-Marx-Buchhandlung gibt es noch, im Schaufenster liegt auch 2018 noch Literatur über vergangene, aktuelle und erhoffte Revolutionen aus. Der Frauenbuchladen um die Ecke, den Männer nicht betreten durften, ist heute ein Café. Bockenheim – der Stadtteil, in dem 1968 die Uni und damit auch das geistige Zentrum des Aufstands lag – ist 50 Jahre später ein tristes Quartier: Die ehemaligen Universitäts-Gebäude stehen seit dem Umzug auf den neuen Campus teilweise leer. Sie harren auf Umbau und Umwidmung, aber nicht auf Umsturz. 1968 versammelten sich auf dem Platz zwischen Hörsaalgebäude und Studierendenhaus Tausende zu Demos.

Im Westend bleibt Saßmannshausen in der Bockenheimer Landstraße stehen. In Hausnummer 111 lebten zeitweise bis zu 100 Besetzer, berichtet der Zeitzeuge – im Neubau, der später hier entstand, ist die Kreditanstalt für Wiederaufbau eingezogen. Nummer 93 ist als Altbau erhalten, „das verdankt die Frankfurter Stadtgesellschaft auch ihren illegalen Hausbesetzern“, erklärt Saßmannshausen.

50 Jahre nach „68“ springen viele Veranstalter auf den Zug auf. Der Anbieter „Frankfurter Stadtevents“ hat gleich vier Führungen im Angebot – über Hausbesetzer, Hippies, Terroristen und Tote. Sascha Stefan Ruehlow besucht Orte in Frankfurt, die mit dem RAF-Terror verbunden sind. Die Führung beginnt auf der Zeil. Am 2. April 1968 verübten Andreas Baader, Gudrun Ensslin und zwei weitere Mittäter Brandanschläge auf zwei Frankfurter Kaufhäuser. Die Brandsätze waren mit Zeitzündern versehen und in Sporttaschen versteckt.

Im Kaufhof suchten sie sich die Tennis-Abteilung aus, im Kaufhaus M. Schneider, das es heute nicht mehr gibt, wählten die Terroristen die Radioabteilung – Symbole für angeblichen Luxus, den sich nur wenige leisten konnten, wie Ruehlow erklärt. Die Attentäter tauchten im Westend unter, wurden aber zwei Tage später festgenommen. Im Oktober 1968 wurde ihnen der Prozess gemacht. Ruehlow führt die Gruppe vor das Landgericht, wo die vier Attentäter die Verhandlung demonstrativ unbeteiligt und Zigarren rauchend verfolgten.

„Hessische Janis Joplin“

Baader, der nach dem Urteil untergetaucht war, wurde 1972 verhaftet: Die Polizei stürmte eine Wohnung im Stadtteil Dornbusch, in der er sich zusammen mit Holger Meins und Jan-Carl Raspe versteckt hatte. Ruehlow zeigt der Gruppe den Balkon im zweiten Stock und die Garage, in der Sprengstoff gelagert war. Ruehlow zeigt Fotos von den zerstörten Kaufhaus-Etagen, aus dem Prozess, während der Schießerei im Garagenhof. An Ort und Stelle weist nichts auf die Ereignisse hin. Ruehlow findet es „erschreckend, dass es gar nichts gibt zu diesen Themen“.

Dieter Wesp lässt auf dem Frankfurter Hauptfriedhof die Rädelsführer der Revolte aus den Gräbern sprechen. „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ heißt sein Programm, bei dem er mit der Gruppe Gräber besucht – und den Stimmen der Toten lauscht. „Die Protagonisten sind ja alle tot“, sagt Wesp, „aber ich will sie dort am Grab lebendig werden lassen.“

In seiner Führung eröffnet der Philosoph Theodor W. Adorno via Audiodatei noch einmal den Soziologen-Kongress des Jahres 1968, Robert Gernhardt trägt Gedichte vor und Anne Bärenz beweist sich, so Wesp, „als die hessische Antwort auf Janis Joplin“.

Susanne Schiffler führt Besucher im Mai wieder „zu den Schauplätzen damaliger Demos, Go-ins, Sit-ins und Teach-ins“. „Kuchenschlacht, Busenattentat & der erste Hippie-Laden Deutschlands“ hat sie ihre Führung überschrieben, in der es „keineswegs nur um Politik, sondern auch um den Kulturwandel in dieser Zeit“ gehen soll.

Die Zeit um 1968 sei für Frankfurt prägend gewesen, sagt Saßmannshausen. Sie sei aber weder dokumentiert noch historisch erforscht. „Zeitgeschichtlich ist das nicht zu verstehen.“

Er vermutet die Gründe im Persönlichen: Manch einer, der später ein öffentliches Amt bekleidete, habe kein Interesse daran gehabt, dass in seiner Vergangenheit gewühlt wird. Für ihn als Historiker sei das toll: „Unter jedem Stein, den man umdreht, findet man etwas.“

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