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Die kranke Historie der Knochen

Die Frankfurter Museumslandschaft ist mehr als Städel, Schirn und Filmmuseum. Es besteht auch aus einem Mosaik aus Mini-Museen, die sich speziellen Themen widmen und mit viel Liebe betrieben werden. Eines davon ist das Orthopädie-Museum, das gestern wieder eröffnete.
Andrea Meuerer steht vor einem ihrer liebsten Ausstellungsstücke. Es zeigt eine Vielzahl verschiedenster Knochenkrankheiten. Foto: Michael Faust Andrea Meuerer steht vor einem ihrer liebsten Ausstellungsstücke. Es zeigt eine Vielzahl verschiedenster Knochenkrankheiten.
Niederrad. 

Der aufrechte Gang gilt als Meilenstein in der evolutionären Entwicklung des Menschen. Dabei ist er nicht jedem vergönnt. Die Wirbelsäule des ausgestellten Skelettes windet sich wie ein Darm, sie stellt den Brustkorb schief, schiebt ihn nach vorn. Aufrecht zu gehen scheint damit unmöglich gewesen zu sein. Die Diagnose eines Oberarztes: Skoliose. Für weniger medizinisch bewanderte Besucher des Orthopädischen Geschichts- und Forschungsmuseums steht das auch auf einer Tafel und wird genau erklärt.

Das kleine Orthopädie-Museum hat nach zweijähriger Unterbrechung gestern neu eröffnet. Im Gebäude des Orthopädischen Universitätsklinikums Friedrichsheim an der Marienburgstraße finden Besucher die Räumlichkeiten nun gleich rechts hinter dem Haupteingang. „Damit ist es raus aus dem Keller und näher an der Öffentlichkeit“, sagt Andrea Meuerer, Ärztliche Direktorin der Orthopädischen Universitätsklinik. Die rund 250 Ausstellungsstücke zeigt das Museum jeden Wochentag kostenlos von 10 bis 12 Uhr und vermittelt anschaulich, wie sich die Orthopädie – „ortho“ kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie „aufrecht“ – im Laufe ihrer Geschichte gewandelt hat.

200-jährige Geschichte

Dabei reicht die Historie gar nicht weit zurück. Im Mittelalter galten Missbildungen, vor allem, wenn sie angeboren waren, als Gottesstrafe. Erst nachdem die Aufklärung diese Ansicht überwunden hatte, konnte sich im 19. Jahrhundert die Orthopädie als eigene Fachrichtung etablieren. Der französische Mediziner Nicolas Andry gilt als ihr Begründer. Von ihm stammt die bekannte Allegorie, die die Arbeit des Orthopäden mit der eines Gärtners vergleicht: Wie ein Baum angebunden an einem Pfahl begradigt wird, so können auch die medizinischen Methoden Missbildungen des Menschen geraderücken.

Einige der Techniken wirken heute befremdlich. Etwa die Krukenberg-Plastik für Menschen, die eine oder beide Hände verloren haben. Dabei werden Elle und Speiche im Unterarm voneinander getrennt und einzeln mit Muskeln und Haut umgeben. So wird aus dem Unterarm eine Art Schere. Der Patient kann, anders als bei einer Prothese, damit fühlen und greifen. Heute wird diese Methode in westlichen Ländern selten eingesetzt.

Dass der Chirurg Hermann Krukenberg sie 1917 entwickelte, ist kein Zufall: „Viele Männer wurden durch den Ersten Weltkrieg verstümmelt“, sagt Meurer. „So entstand damals eine enorme Bandbreite verschiedenster Prothesen.“ Auch davon sind im Museum einige zu sehen.

Neben den Behandlungsmethoden stehen auch verschiedenste Krankheiten im Fokus des Museums. Ein Skelett neben dem Eingang gehört zu Meurers Lieblingsstücken: „Es vereint alle möglichen Krankheitsbilder.“ Die Hüfte ist von Krebs zerfressen, die Wirbelsäule gekrümmt und der rechte Oberschenkel nach einem Bruch schief verwachsen.

Ein Teil des Mosaiks

Meurers Amtsvorgänger Georg Hohmann holte die Sammlung 1998 nach Frankfurt. Im nächsten Jahr, so plant Meurer, soll das Orthopädie-Museum Teil des Museumsuferfestes werden. Doch auch so ist es bereits ein weiteres Puzzelteil in der vielfältigen Frankfurter Museumslandschaft. Neben Städel, Schirn und Filmmuseum besteht diese aus einem Mosaik solcher kleinen und häufig unbekannteren Mini-Museen.

Dazu gehört auch das Dommuseum: Dieses ist nun frisch renoviert und eröffnet am Dienstag (16. Januar) wieder. Es zeigt unter anderem mittelalterliche Messgewänder und reichverzierte Goldschmiedearbeiten aus Frankfurter Stiftskirchen. Da hier im Mittelalter die Könige des Heiligen Römischen Reiches gewählt und gekrönt wurden, kann das Museum mit wertvollen Kunstschätzen aufwarten.

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