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Rundgang hinter den Kulissen: Die unsichtbare Welt der Dippemess’

Noch bis zum 1. Mai bieten die Fahrgeschäfte auf der Dippemess’ Groß und Klein einen Riesenspaß. Das Alltagsleben der Schausteller aber bleibt im Verborgenen, FNP-Mitarbeiterin Sabine Schramek hat hinter die Kulissen geblickt.
Wer das Lach+Freu-Haus auf der Dippemess’ besuchen möchte, kommt zwangsläufig an Evi Distel und ihrem Hund Mischou vorbei. Sie verkauft im Kassenhäuschen Tickets. Bilder > Foto: Heike Lyding Wer das Lach+Freu-Haus auf der Dippemess’ besuchen möchte, kommt zwangsläufig an Evi Distel und ihrem Hund Mischou vorbei. Sie verkauft im Kassenhäuschen Tickets.
Frankfurt. 

Morgens stehen die Karussells am Ratsweg still. Es riecht nach Popcorn. Ein verschlafen aussehender Mann schlendert am offenen Transporter vorbei, aus dem weiße Teddybären glotzen. Im Kassenhäuschen wird Geld gezählt, bewacht wird Evi Distel dabei von ihrem Schoß-Bullterrier Michou. Bald spiegelt, wippt, wackelt und dreht das bayerische „Lach+Freu-Haus“ Kirmesbesucher. Distel bereitet die Kasse vor. Aber das bekommen Besucher nicht mit, diese unsichtbare Dippemess’-Welt bleibt ihnen verborgen.

Hinter dem elektrischen Greifspiel „Teddy to go!“ schaut eine junge blonde Frau um die Ecke. Astrid von der Gathen kommt aus Düsseldorf und stammt aus einer Schaustellerfamilie. Sie ist mit Rico aus Köln verheiratet, dessen Familie hat ebenfalls seit Generationen Schausteller-Tradition. Das Paar hat zwei Töchter. „Neun Monate im Jahr sind wir mit unserem Geschäft auf Reisen“, erzählt Astrid. Wie alle Schausteller leben sie im Wohnwagen. Das rollende Heim ist 15 Meter lang und 2,5 Meter breit. Die Ausstattung ist zweckmäßig: Brauner Teppichboden, Holzschränke und ein Tisch mit Lederstühlen. Ein Buddha steht in einer Vitrine. „Schnickschnack haben wir nicht“, erzählt die Mutter.

Nie im Leben tauschen

Thomas Roie (52) sitzt in seinem Wellenkarussell. Auch er ist Schausteller. Ein „Kirchturmreisender“. So werden die genannt, die nicht bundesweit reisen. „Von unserer Familie sind 25 Leute hier. Mit Fahrgeschäften und Gastronomie.“ Er erzählt von neuer Technik, TÜV, immer mehr Papierkram und Vorschriften. Als Vorsitzender des Schaustellerverbands Frankfurt Rhein/Main weiß er, was hinter den Kulissen geleistet wird. „Einfach ist es nicht. Früher hatten wir drei Monate Winterpause, jetzt nur noch einen“, sagt er. In ein anderes Leben würde er trotzdem nicht tauschen wollen. „Es ist schön, Menschen eine Freude zu machen“, sagt er.

Zustimmung kommt von Gabriele Willenborg. Ihr gehört das 50 Meter hohe Riesenrad. Die Frage, ob sie Schaustellerin ist, beantwortet sie mit Jein. „Wir reisen erst seit 100 Jahren. Mein Vater war Bankfachmann. Ich bin nicht im Wohnwagen geboren, nicht aufgewachsen und nicht hier getauft worden. Das durfte ich nicht. Ich habe Betriebswirtschaft studiert.“ Heute hat sie drei Riesenräder. Morgens und abends steigt sie ein. „Das ist Freiheit.“

Nichts ist für die Ewigkeit

Und die schätzen die Schausteller. Christine Beutler-Lotz weiß das. Sie ist evangelische Schaustellerpfarrerin der Landeskirche Hessen-Nassau. Seit 1981 reist sie von Kirmes zu Kirmes. Etwa 4000 Reisende trifft sie dabei. „Ich höre jedem zu. Wer ein Problem hat, meldet sich, ruft an oder ich besuche ihn.“ Gottesdienste, Taufen, Konfirmation, Geburt, Tod und Seelsorge sind für Schausteller sehr wichtig: „Besonders Reisende wissen, dass nicht alles für die Ewigkeit ist. Glauben gibt ihnen festen Halt.“

Wer Hilfe benötigt, kann auch die Polizei-Festplatzwache, die Krankenstation des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) oder das Organisationsbüro aufsuchen. Die Türen sind geöffnet. Giovanni Li Fonti (50) ist Leiter des 6. Polizeireviers. „Ich halte hier die Hand drüber“, sagt er und deutet auf Polizei-Oberkommissar Sebastian Striesow (31), der seit 2013 Dienst auf der Dippemess’ schiebt. Anfangs war er zivil im Einsatz, jetzt in Uniform. Striesow mag die Arbeit: „Das ist eine schöne Ablenkung vom Streifendienst. Die Schausteller-Welt ist besonders“, sagt er. Bislang war es ruhig. Bei sporadischen Taschenkontrollen wurden Messer und andere Waffen gefunden. Ein Mann wollte in eine Kasse greifen und natürlich gibt es Betrunkene. Die Gefängniszelle der Wache war bislang aber nicht überfüllt. „Bisher hatten wir 21 Festnahmen. Das ist nicht viel. Allein am Gründonnerstag waren über 100 000 Besucher hier“, sagt Striesow.

Schon 6000 Einsätze

Im selben Container sitzt der Sanitätsdienst des DRK. Theodor Brand (72) ist seit der ersten Dippemess’ im Jahr 1963 dabei. Drei Behandlungsplätze und eine Trage stehen den bis zu neun Rettungskräften zur Verfügung. „Bis jetzt hatten wir 6000 Transporte“, sagt Brand. Alkohol, Kreislaufprobleme, Knie- und Knöchelbrüche waren es. „Besucher überschätzen sich. Wenn sie bestimmte Fahrgeschäfte nicht vertragen, fahren sie trotzdem.“ In 40 Jahren unter Schaustellern hat Brand viel erlebt. „Sie sind schon ein ganz eigenes Völkchen, aber sie passen gut auf ihre Kunden auf.“ Wir haben hier auch alle verloren gegangenen Kinder, bis die Eltern zu uns finden. Leider fragen sie nicht die Schausteller. Die würden sie gleich zu uns schicken.“

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