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Spielsucht: Dieser Frankfurter zockt seit 40 Jahren in Spielhallen

Eine Spielothek in Frankfurt setzt auf soziale Nähe. Herr Müller kommt gerne mehrmals die Woche. Er nennt sein Spielen "Gewohnheit" oder "Sucht".
Zum Zocken gibt’s in der Spielhalle für Herrn Müller auch einen günstigen Kaffee. Foto: Arne Dedert (dpa) Zum Zocken gibt’s in der Spielhalle für Herrn Müller auch einen günstigen Kaffee.
Frankfurt. 

Als Herr Müller zur Spielothek im Bahnhofsviertel kommt, steht Filialleiter Michael Yohannes zufällig vor der Tür. Er begrüßt den Rentner: „Hallo, Herr Müller.“ Der Mitt-Siebziger findet es gut, dass ihm der Name Müller – seinen Vornamen will er nicht veröffentlicht haben – Anonymität verspricht. Herr Müller kommt seit Jahren nur noch hierher. Das könnte sich ab dem Sommer ändern, Yohannes braucht dann für seine vier Spielhallen neue Konzessionen.

Nur noch Ausnahmen

Yohannes’ Spielhallen sind alle im selben Gebäude. Das Gesetz erlaubt das nur noch in Ausnahmefällen. Er bangt um seine Konzessionen, könnte aber Glück haben. Laut Ordnungsamt werden in Frankfurt mit seinen rund 170 Spielhallen Ausnahmen diskutiert – für das Bahnhofsviertel und andere Viertel mit Spielhallen-Tradition.

Daniela Senger-Hoffmann von der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen hält nichts von Ausnahmen, da sie zu noch mehr Spielmöglichkeiten für kranke Menschen führten. „Eine Spielhalle macht ihren Umsatz zu 70 Prozent über Glücksspielsüchtige.“ In Hessen gebe es 17 500 Menschen mit problematischem und 16 000 mit krankhaftem Spielverhalten.

Yohannes verteidigt seine Spielhallen. Es gehe nicht nur um das Spielen, man könne sich einfach auf einen Kaffee treffen. Der kostet nur 50 Cent. Herr Müller hat seine Tasse schon in der Hand. Er sitzt an einem Automaten vor dem Spiel „Lucky Farmer“. Es gehe darum, eine Kombination von Bildern zu finden, die zusammenhängt.

Groß abgeräumt hat Herr Müller noch nicht. Er habe sein Leben lang als Hilfskraft gearbeitet, bei der Post und bei Verlagen. Auch mit über 70 macht er noch zweimal pro Woche Botengänge. „Wenn Sie nur Rente haben, langt das nicht zum Spielen“, sagt er. Er verspiele im Monat 200 bis 300 Euro, manchmal mehr. Sucht-Expertin Senger-Hoffmann betont die besondere Gefährlichkeit der Spielsucht. Die Suizidgefahr bei Spielsüchtigen sei vier Mal höher als bei anderen Süchtigen, „weil sie sich um Haus und Hof zocken“.

Herr Müller hat zwar in kleineren Dimensionen verloren, aber das stetig. Seit 40 Jahren besuche er Spielhallen, sagt er. Gewinne nehme er fast nie mit heim. Die motivieren ihn, am Automaten zu bleiben, bis er verliert.

Sucht-Expertin Senger-Hoffmann wirft Spielhallenbetreibern vor, dass sie kaum die Möglichkeit nutzen, gefährdete Spieler sperren zu lassen. Nach Angaben des Regierungspräsidiums Darmstadt sind derzeit 14 209 Menschen in Hessen gesperrt – davon ließen sich 14 064 selber sperren. Yohannes meint, eine Sperre bringe nichts, da die Spieler nur ausweichen würden.

Ausweichen in die Kneipe

Eine Ausweichbewegung von der Spielhalle in die Kneipe sieht Jürgen Trümper vom Arbeitskreis gegen Spielsucht. In großen hessischen Kommunen habe die Zahl der Geldspielgeräte in der Gastronomie von 2014 bis 2016 um über 15 Prozent zugenommen. Der Spielhallenmarkt hingegen stagniere zwar, aber auf hohem Niveau.

Die Gastro-Geldspielgeräte sind für Herrn Müller keine Alternative. Aber es gibt Orte, wo Herr Müller auch außerhalb der Spielhalle seinen starken Spieltrieb auslebt. Er liebe Brett- und Kartenspiele. Manchmal spiele er auch stundenlang an seinem alten Computer. Ganz ohne Geld. Aber dann ziehe es ihn wieder in die Spielhalle.

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