E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 30°C

Video-Portrait: Dieser Staatsanwalt klagte bei den Auschwitz-Prozessen SS-Verbrecher an

Von Vom 20. Dezember 1963 bis zum 21. August 1965 fand der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess statt. Gerhard Wiese war einer der drei Staatsanwälte, die die Anklageschrift gegen insgesamt 22 SS-Leute verfassten. Die Täter sollten endlich für ihre Verbrechen im Vernichtungslager Auschwitz bestraft werden. Im Video-Portrait blickt er zurück auf einen Prozess, der das Land für immer verändern sollte.
Oberstaatsanwalt a.D. Gerhard Wiese Oberstaatsanwalt a.D. Gerhard Wiese
Frankfurt. 

Mehr als 50 Jahre ist es inzwischen her, dass Gerhard Wiese Geschichte schrieb. Eigentlich ist der 89-Jährige Oberstaatsanwalt a.D. ein bescheidener Mensch: Die Schlagzeile „Der Mann, der die Nazis hinter Gitter brachte“, war ihm immer zu reißerisch. Im Grunde hat er ja nur seinen Job gemacht: Als Staatsanwalt Beweise für Verbrechen suchen und im Einklang mit geltendem Recht, die Täter zur Rechenschaft ziehen. Dass er in den 20 Monaten zwischen Dezember 1963 und August 1965 dieses Land für immer veränderte und bis heute maßgeblich prägt, das kann der bescheidene Protagonist jedoch selbst nicht verhehlen.

In unserem Video-Portrait blickt er zurück.

Über eine Millionen Menschen wurden im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz organisiert ermordet. Doch wie es ist, Menschen in die Augen zu sehen, die solch unvorstellbar grauenvolle Verbrechen begangen haben? Diese Frage kann Gerhard Wiese nicht so recht beantworten: "Es findet eine Gewöhnung statt, wenn Sie tagtäglich mit Mord und Totschlag zu tun haben", erklärt der Staatsanwalt a.D, "anders halten Sie das gar nicht aus!"  Und was es in jenem Auschwitz-Prozess emotional zu erleben gab, das vermag sich der Zuhörer seiner detaillierten Erinnerungen nicht in Ansätzen vorzustellen: Zeugen, die mit den grauenvollsten Erinnerungen größter Leiden konfrontiert sind, in einem Raum mit ihren einstigen Peinigern, beflügelt von der Hoffnung auf die Verurteilung eines Massenmordes.

Oberstaatsanwalt a.D. Gerhard Wiese Bild-Zoom
Oberstaatsanwalt a.D. Gerhard Wiese

Die Mittel, die Wiese und seine Kollegen Joachim Kügler und Georg Friedrich Vogel damals zur Verfügung hatten, waren gering: Ein nüchterner Mordparagraph, Paragraph 211. Jede Tat musste einzeln bewiesen werden. All das im Wissen, dass jeder der SS-Leute in Auschwitz an den Verbrechen beteiligt gewesen sein muss. Der eine mehr, der eine weniger. Doch Unschuld? Dafür war in Auschwitz keine Zeit. Nach dem Krieg ist hingegen viel Zeit, vor allem für Ausreden: "Sie seien doch bloß ihrer Pflicht nachgekommen", heißt es oft. Wiese schüttelt den Kopf. Wer weg wollte, konnte weg, bloß ging es dann meist an die Front: "Die Versetzungsgesuche waren nicht sehr hoch, die haben das akzeptiert! Wir haben das alles geprüft", betont Wiese.

Gerhard Wiese ((li., mit Staatswanwalt Gerhard Zack) war einer der drei Staatsanwälte im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Bild-Zoom
Gerhard Wiese ((li., mit Staatswanwalt Gerhard Zack) war einer der drei Staatsanwälte im Frankfurter Auschwitz-Prozess.

Sein Kollege Kügler wurde damals noch deutlicher: "Sie waren kein Soldat, sie waren Angehöriger einer organisierten Mörderbande", habe er damals dem Angeklagten Mulka ins Gesicht geworfen. Einsicht gab es damals jedoch nicht zu erwarten. "Alle waren der Meinung, sie hätten nichts Verbotenes getan", berichtet Wiese. Ob aus Scham, Verdrängung oder doch Stolz, darüber will Wiese nicht spekulieren. Mit seinen Gedanken war er nie in den Köpfen der Angeklagten. Als Jurist ist er immer bei den Fakten geblieben und selbst diese ließen den Staatsanwalt damals unzufrieden zurück.

Der Auschwitz-Prozess fand im Bürgerhaus Gallus statt. Unser Bild wurde im Jahr 1964 aufgenommen.	Repro: Weis Bild-Zoom
Der Auschwitz-Prozess fand im Bürgerhaus Gallus statt. Unser Bild wurde im Jahr 1964 aufgenommen. Repro: Weis

Statt der geforderten 16 lebenslangen Haftstrafen, sprach der Richter nur sechs aus, zudem gab es einen Freispruch mehr als von der Staatsanwaltschaft im Plädoyer vorgetragen. Erst Jahrzehnte später änderte sich die Rechtsprechung. Es dauerte bis ins Jahr 2011, ehe der ehemalige SS-Helfer John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord in über 28000 Fällen verurteilt wurde, obwohl ihm keine konkrete Tat individuell zugeschrieben werden konnte. Seitdem reicht der Fakt "Teil einer Vernichtungsmaschinerie" gewesen zu sein aus, um verurteilt zu werden.

Saalbau Gallus
Ein unscheinbarer Ort mit großer Bedeuteung Der Auschwitz-Prozess: Als im Haus Gallus Geschichte ...

Der Schein trügt: Äußerlich ist der Saalbau Gallus ein eher belangloses Gebäude, doch in seinen vier Wänden trug sich Anfang der 60er Jahre Geschichte zu, die dieses Land für immer verändern sollte: die ersten Frankfurter Auschwitzprozesse. Eine Spurensuche an einem ungeahnt historischen Ort.

clearing

Das Ziel in den Jahren 63 bis 65 war jedoch ein Weitreichenderes: "Niemand sollte mehr behaupten können, es habe keine Gaskammern gegeben", zitiert Wiese den Willen des damaligen Generalstaatsanwaltes Fritz Bauer. Auschwitz sollte für immer in den Geschichtsbüchern festgeschrieben sein. Und selbst wenn die Taten nur unzureichend bestraft sein mögen, so sind sie seit dem historischen Prozess zumindest nicht vergessen. Schamvoller Verdrängung der Nachkriegsgesellschaft wurde so ein heilsamer Spiegel vorgehalten - in jenem Prozess, mit dem der Frankfurter Gerhard Wiese Geschichte schrieb.

Im ehemaligen Arbeitszimmer von Fritz Bauer überreicht Justizminister Heiko Maas dem Staatsanwalt a. D., Gerhard Wiese, die Urkunde und das Bundesverdienstkreuz. Bild-Zoom Foto: Bernd Kammerer (Presse- und Wirtschaftsdienst)
Im ehemaligen Arbeitszimmer von Fritz Bauer überreicht Justizminister Heiko Maas dem Staatsanwalt a. D., Gerhard Wiese, die Urkunde und das Bundesverdienstkreuz.

Geschichte, die Wiese gerne weiterträgt. Mit Freude besucht er Schulkassen und erzählt den Schülern eindrücklich von seinen Erlebnissen. Für all das wurde er im vergangenen Jahr mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Im Jahr 2014 wurde ihm eine weitere Ehre zu Teil: Als einziger noch lebender Beteiligter des Prozesses, beriet er das Produktionsteam des Films "Im Labyrinth des Schweigens". Denn Schweigen, das kommt für ihn nicht in Frage.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen