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Bürgerinitiative "Grüne Lunge": Dokumentarfilm beschreibt Kampf gegen geplanten Wohnungsbau am Günthersburgpark

Die Bürgerinitiative „Grüne Lunge“ wehrt sich gegen die Pläne der Stadt, aus den Gärtenanlagen am Günthersburgpark ein Wohngebiet zu machen. Darüber ist nun eine Dokumentation entstanden. Unser Reporter Friedrich Reinhardt sprach mit den Macherinnen des Films, Sabine Hoffmann und Jana Schlegel.
Reporter Friedrich Reinhardt im Interview mit den Filmemacherinnen Jana Schlegel (links) und Sabine Hoffmann. Foto: Leonhard-Hamerski Reporter Friedrich Reinhardt im Interview mit den Filmemacherinnen Jana Schlegel (links) und Sabine Hoffmann.
Bornheim. 

Frau Hoffmann, Frau Schlegel, Sie haben eine Dokumentation über die Gärtenanlage am Günthersburgpark und die Bürgerinitiative „Grüne Lunge“ gedreht, die sich gegen die städtischen Baupläne für das Areal wehrt. Worum ging es Ihnen dabei?

SABINE HOFFMANN: Wir wollten die Sicht der Kleingärtner beschreiben. Ich habe dort selbst einen Garten und kenne viele über die Bürgerinitiative. Eine Handvoll Leute haben wir vor der Kamera interviewt. Ich glaube, dass in der Debatte alle Thematiken drinstecken, mit denen die Stadt zu kämpfen hat: Investorenpolitik, Klimapolitik oder Verkehrspolitik, um nur drei Beispiele zu nennen. Eine Diskussion um die Zukunft der Stadt möchte ich mit dem Film anregen. Ich würde mich deshalb freuen, wenn viele Menschen sich den Film anschauen würden.

Welche Absicht verfolgen Sie mit der Dokumentation?

HOFFMANN: In der Debatte darüber, ob die Gärten für ein neues Wohnquartier zubetoniert werden, geht es auch um die Kleingärtner. Häufig heißt es aber nur, dass sie ihre Gärten nicht teilen wollten. Dem wollen wir ein realistisches Bild entgegenstellen.

JANA SCHLEGEL: Außerdem wollen wir eine Diskussion anstoßen: über Wachstumsgrenzen unserer Stadt und welche Rolle die Natur in Frankfurt spielen soll.

HOFFMANN: Stimmt. Außerdem wollten wir die Bürgerbeteiligung bei diesem Thema ansprechen.

Wie sieht denn die Perspektive der Kleingärtner aus? Welche Bedeutung haben die Gärten für sie?

SCHLEGEL: Wer dort länger einen Garten hat, der verbindet mit ihm persönliche Geschichten. Eine ältere Dame hat uns erzählt, wie sie nach dem Krieg, als Essen knapp war, Kirschen aus ihrem Garten an Verwandte geschickt hat. Der Kirschbaum steht noch heute. Auch für Familien bildet der Garten im Sommer den Mittelpunkt, weil der Raum in den Wohnungen in Frankfurt immer enger wird. Im Garten aber kann man bauen, basteln oder zelten.

HOFFMANN: Wegen der persönlichen Beziehungen wäre es auch so dramatisch, wenn das Gelände einfach plattgemacht wird. Den Kleingärtnern geht es aber nicht nur um sich. Sie machen sich viele Gedanken um das Klima und die Artenvielfalt. Die Gärten liegen in einer Frischluftschneise, die nun zugebaut werden soll. Dabei ist die Stadt jetzt schon überhitzt.

Noch während der Ausschreibungswettbewerb für den Planungsentwurf lief, haben die zueinander in Konkurrenz stehenden Architekten ihre Pläne öffentlich gemacht, damit Bürger mitreden können. Das war in Frankfurt neu. Wie sehen Sie das?

HOFFMANN: Es war nie ein Gespräch auf Augenhöhe. Es braucht mehr als ein paar Fragestunden, bei denen die Bürger was sagen können, und dann wird einfach weitergemacht. Bürger müssen einbezogen werden, bevor man sich überhaupt entschließt, zu bauen. Vorher müssen wir darüber reden, wie wir in dieser Stadt leben und diese Gärten entwickeln wollen.

Sie wollen nicht, dass die Wildgärten bleiben, wie sie sind?

SCHLEGEL: Man muss beachten, was die Stadt braucht, und das sind Grünflächen, damit die Menschen atmen und entspannen können. Die Gärten so abgeschlossen zu belassen wäre tatsächlich egoistisch. Ich würde mir wünschen, dass Teile des Gebiets für die Frankfurter geöffnet werden. Dafür braucht es ein Konzept. Ich sehe darin eine Möglichkeit, spannende neue Wege zu gehen. Das sehen auch die Kleingärtner im Film so.

Neue Wege in der Kleingärtnerei? Was schwebt Ihnen in dem Zusammenhang genau vor?

HOFFMANN: Im Film sagen die Kleingärtner etwa, dass Städter immer weniger über Natur wissen. Schulen und Kindertagesstätten könnten also hier Gärten bekommen, um zu lernen, wie Früchte und Bäume wachsen. Man könnte auch spezielle Gärten für Senioren konzipieren. Um solche Ideen zu entwickeln, muss man aber miteinander reden, und zwar auf Augenhöhe.

Wenn Sie an einer Diskussion auf Augenhöhe interessiert sind, überrascht es, dass in Ihrer Dokumentation niemand vom Planungsdezernat zu Wort kommt.

HOFFMANN: Planungsdezernent Mike Josef (SPD) hat viele Interviews gegeben. Aber ich kenne keinen Beitrag, der sich so viel Zeit für die Perspektive der Gärtner nimmt. Außerdem wurde viel verdreht. Etwa wenn es heißt, die Kleingärtner wären gegen Wohnungsbau. Das stimmt nicht, aber so werden die Frankfurter gegeneinander ausgespielt, während die Stadt ihr Tafelsilber für Investoren verscherbelt.

Aber der Planungsentwurf wurde vom Städtebeirat gelobt. Planer scheinen dort alles richtig gemacht zu haben, was im Europaviertel schieflief. Finden Sie den Entwurf nicht gelungen?

HOFFMANN: Wer wird sich dort eine Wohnung leisten können? Was wird mit dem Klima? Was mit den Tieren und dem Verkehr? Wir müssen erst diese Fragen klären, bevor wir alles plattmachen. Deshalb interessiert mich der Entwurf nicht. Wir müssen erst über die Grundvoraussetzungen reden: Verkehr, Klima, Wachstum.

Manche Fragen werden geklärt. Das Gutachten des Instituts für Klima- und Energiekonzepte kam etwa zu dem Ergebnis, dass mit kleinen Veränderungen die Frischluftzufuhr nicht beeinträchtigt werde. Beruhigt Sie das?

HOFFMANN: Nein. Das ist ja nur ein Aspekt. Außerdem kann man das Innovationsviertel nicht isoliert betrachten. Es geht ja um das ganze Ernst-May-Viertel. Grundsätzlich ändert sich auch nichts daran, dass wir ein einmaliges Biotop zerstören, Tiere vertreiben, Sickerflächen zubetonieren.

SCHLEGEL: Im Wahlkampf hieß es, Frankfurt solle eine Stadt für alle sein. Die Realität sieht anders aus. Genug günstiger Wohnraum wird in den Günthersburghöfen wohl kaum entstehen.

Von den 1500 Wohnungen sollen 40 Prozent gefördert werden und weitere 15 Prozent für gemeinschaftliches Wohnen und Genossenschaften zur Verfügung stehen.

HOFFMANN: Im Film äußern die Kleingärtner verschiedene Ängste. Einerseits dass die geförderten Wohnungen an den unattraktiven Ecken platziert werden. Andererseits dass die guten Lagen denen vorbehalten bleiben, die Mieten zahlen, die sich ein Normalverdiener nicht leisten kann. Wenn es so weit ist, haben aber alle Frankfurter ein unersetzliches Stück Grün verloren.

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