Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Chefärztin der Anästhesie am Markus Krankenhaus: Dorothee Bremerich versetzt Patienten ins Reich der Träume

Von Medizin wird weiblich: Schon jetzt ist beinahe jeder zweite Arzt in Hessen kein Arzt, sondern eine Ärztin (46 Prozent). An deutschen Universitäten beträgt der Anteil der Studentinnen im Fach Medizin sogar mehr als 60 Prozent. Karriere aber machen die Männer – nur jede achte Chefarztstelle in Hessen ist mit einer Frau besetzt. In unserer Serie stellen wir die Frauen vor, die es in Frankfurter Kliniken an die Spitze geschafft haben. Diesmal: Prof. Dr. Dorothee Bremerich.
Die Narkose ist besser als ihr Ruf, sagt Anästhesistin Prof. Dr. Dorothee Bremerich. Bei ihren Patienten am Agaplesion Markus Krankenhaus wirbt die Chefärztin vor einem Eingriff persönlich um Vertrauen. Foto: Christian Christes Die Narkose ist besser als ihr Ruf, sagt Anästhesistin Prof. Dr. Dorothee Bremerich. Bei ihren Patienten am Agaplesion Markus Krankenhaus wirbt die Chefärztin vor einem Eingriff persönlich um Vertrauen.
Frankfurt. 

Dorothee Bremerich ist eine Frau, die heraussticht. Nicht nur wegen ihrer Körpergröße. 1,82 Meter misst die schlanke Brünette, die so herzlich lachen wie streng blicken kann. Zielstrebig ist sie, eine, die weiß, was sie will. Und das ist nach dem Medizinstudium zunächst mal, wissenschaftlich Karriere zu machen. „Für mich war klar, wenn ich an eine Universitätsklinik gehe, will ich mich auch habilitieren.“ Dass dies in der Anästhesie der Frankfurter Uniklinik in 30 Jahren nur einer einzigen Frau vor ihr gelungen ist – Bremerich lässt sich davon nicht beirren.

Forschen in den USA

Ihr Chef rät der jungen Ärztin, für ein paar Jahre in die USA zu gehen, wenn sie in der Forschung etwas werden will. Bremerich geht, aber nicht irgendwohin, sondern an die renommierte Mayo Clinic in Rochester (Minnesota). „Das ist für mich die weltbeste Klinik, die es für die wissenschaftliche Arbeit gibt, weil man sich dort ganz auf die Forschung konzentrieren kann und jede Unterstützung erhält“, sagt die Trägerin des Theodor-Stern-Preises.

Zurück in Deutschland wird sie Oberärztin, später Leitende Oberärztin. 2001 schließlich ist sie am Ziel, wird habilitiert. Zeit für Kinder. 2002 kommt Sohn Friedrich zur Welt, 2005 Tochter Charlotte. Beide Male bleibt Bremerich ein halbes Jahr zu Hause, bevor sie wieder den Arztkittel überstreift.

2006 wird sie Chefärztin der Anästhesie am St. Vincenz-Krankenhaus in Limburg, neun Jahre später wechselt sie ans Frankfurter Markus Krankenhaus. „Mit 50 sucht man noch mal neue Herausforderungen“, erklärt die heute 52-Jährige.

Und die Kinder? Um sie kümmert sich Familienmitglied Nummer fünf: die Kinderfrau. „Ich bin kaum jemandem dankbarer als ihr“, sagt Bremerich. „Ich hätte nicht gut arbeiten gehen können, wenn ich mir jeden Tag hätte überlegen müssen, wie ich das mit den Kindern und dem Haushalt regele. Mir ist sehr bewusst, dass ich mit diesem Konzept sehr privilegiert bin.“

Das Gefühl, zu wenig Zeit für ihre Kinder zu haben, hat die Eppsteinerin nicht. Morgens wird gemeinsam gefrühstückt, dann gehen die Kinder in die Schule, die Eltern zur Arbeit. Nachmittags treffen sich die Kinder mit Freunden, gehen zum Sport. „Da geht es eher darum, sie irgendwohin zu fahren und sie wieder abzuholen, als darum, Zeit mit ihnen zu verbringen. Das ist ein Job, den ich nicht machen muss“, sagt Bremerich. Wenn sie aber nach ihrem Zwölf-Stunden-Tag nach Hause komme, sei sie voll und ganz für ihre Kinder da. „Das, was wir mit den Kindern machen, ist sehr intensiv“, sagt die 52-Jährige.

Nicht zuletzt ist auch Ehemann Dr. Thorsten Humke eine große Entlastung für die Chefärztin. „Ich könnte das nicht ohne einen tollen und verlässlichen Partner“, sagt Bremerich. Ihr Mann ist ebenfalls Mediziner, Orthopäde, um genau zu sein. Er betreibt in Wiesbaden gemeinsam mit Kollegen eine eigene Praxis. Bezüglich seiner Arbeitszeiten sei er deshalb flexibler als sie selbst, sagt die Chefärztin.

Sport ist der gebürtigen Rheinländerin wichtig. Früher hat sie Tennis gespielt, heute geht sie laufen oder fährt mit ihrem Mann Rad. Auch Segeln und Tauchen stehen bei den Bremerichs hoch im Kurs, ebenso wie Theaterbesuche. Das Ehepaar hat ein Abonnement fürs Frankfurter Schauspiel. Zu Hause im Eppsteiner Stadtteil Vockenhausen werkelt Frau Professor gerne im Garten.

Auch für ehrenamtliches Engagement ist noch Platz: Als Elternvertreterin hat die Professorin 2011 in ihrem Heimatort Eppstein wie ein Löwe dafür gekämpft, dass die örtliche Gesamtschule zu G 9 zurückkehrt – und sich durchgesetzt.

Vertrauen ist ihr wichtig

Im Job legt die Anästhesistin Wert auf den persönlichen Kontakt zu ihren Patienten. „Wenn es irgendwie geht, schaue ich mir meine Patienten vor der Operation persönlich an. Das ist ganz wichtig für die Vertrauensbildung“, erklärt Bremerich. Auch nach dem Eingriff besucht sie die Patienten und erkundigt sich, ob sie die Narkose gut vertragen haben. „Das ist meine persönliche Qualitätskontrolle“, sagt die Chefärztin.

Jeden Tag steht sie im Operationssaal, macht morgens und abends Visite auf der Intensivstation. Damit verbunden sind nicht nur schöne Erlebnisse. „Die Schicksale der uns anvertrauten Patienten lassen einen nicht kalt, vor allem nicht, wenn man immer wieder sieht, wie schnell es gehen kann.“ Dass die meisten Patienten mehr Angst vor der Narkose als vor der Operation haben, sieht sie gelassen. „Die Sicherheit in der Anästhesie ist erheblich gestiegen“, sagt sie und betont, dass derlei Ängste unbegründet sind.

Narkose verwirrt manche

Viele ältere Patienten fürchteten sich auch davor, dass sie nach einer Narkose geistig nicht mehr so fit sein könnten wie vorher. Solche Verwirrtheitszustände kämen zwar durchaus vor, aber, wie Bremerich betont: „Das hat mit der Narkose an sich nichts zu tun.“ Vielmehr sei es eine Reaktion auf das Trauma, das der ältere Mensch erlebe, wenn er aus seinem gewohnten Umfeld gerissen werde, versucht die Anästhesistin, mit dem schlechten Ruf der Narkose aufzuräumen.

Aufräumen möchte sie auch mit so manchen Vorurteilen, mit denen Frauen in der Medizin auch heute noch zu kämpfen haben. „Die Widerstände sind immer noch groß. Man steht als Frau immer ein bisschen auf dem Prüfstand“, hat sie beobachtet. Solchen Vorbehalten begegneten Frauen am besten mit fachlicher Kompetenz, ist ihre Erfahrung.

Bremerich ist überzeugt, dass weibliche Führungskräfte ganz eigene Stärken haben: „Sie besitzen ein großes Maß an Empathie – das kommt bei den Patienten gut an“, ist sie überzeugt. Und so professionell wie ihre männlichen Kollegen seien Frauen allemal. Nach wie vor fehle es vielen Frauen allerdings an Vorbildern. „Sie brauchen Rollenmodelle“, ist Bremerich überzeugt. „Ich glaube, dass ich das für einige sein kann.“

Die wahren Heldinnen des Alltags sind aus Sicht der Chefärztin ohnehin ganz andere, nämlich die Schwestern auf der Intensivstation, „die tagtäglich ihr Bestes zum Wohle unserer Patienten geben und häufig nicht genügend gesellschaftliche Anerkennung erfahren“.

Scheu vor Führung

Viele junge Ärztinnen entschieden sich auch bewusst gegen eine Karriere. „Die Attraktivität von Führungspositionen ist für die Generation Y gesunken“, findet Bremerich und meint damit die heutigen Mittzwanziger und -dreißiger.

Sie selbst haben die vielen Nacht-schicht- und Wochenenddienste nicht abschrecken können. „Ich bin total diszipliniert. Wenn ich mir ein Ziel gesetzt habe, verfolge ich das.“ So betrachtet ist also heute schon klar, was Dorothee Bremerich macht, wenn sie irgendwann den Arztkittel an den Nagel hängt: Sie wird noch einmal studieren – Kunstgeschichte und Politik.

Nächste Woche lesen Sie: Dr. Mechthild Pies, Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums am Klinikum Höchst.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse