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Der Rote Faden, Folge 238: Dr. Johannes Peil - Der Bewegungsmensch

Von Als "Leibarzt Michael Schumachers" ist Dr. Johannes Peil weltweit bekannt geworden. Der Professor für Orthopädie und Sportmedizin behandelt aber nicht nur Olympiasieger und Weltmeister, sondern nach wie vor auch Kassenpatienten. Ihm widmen wir die Folge 238 unserer Serie "Der Rote Faden", in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.
Prof. Johannes M. Peil zeigt mit Hilfe des roten Fadens eine Übung zur Stärkung der Brustmuskulatur. Foto: Salome Roessler Prof. Johannes M. Peil zeigt mit Hilfe des roten Fadens eine Übung zur Stärkung der Brustmuskulatur.

Es dauert nicht lange, da kommt die Rede auf Michael Schumacher, auf einen „Moment der Wahrhaftigkeit“. Dr. Johannes Peil, Professor für Orthopädie und Sportmedizin, tätig in Frankfurt und Bad Nauheim, spricht davon mit Pathos in der Stimme: „Wahrhaftigkeit.“ Spitzenathleten wie den Turn-Olympiasieger Fabian Hambüchen betreut er, wie den Tischtennisprofi Timo Boll, wie Nico Rosberg, den Formel-1-Weltmeister des vergangenen Jahres. Er arbeitet mit Menschen, die ihre Körper an Grenzen heranführen, im Wettkampf auch darüber hinaus. Wenn ihre Körper funktionieren wie geölte Maschinen, dann ist das auch Johannes Peils Verdienst; an jedem Triumph, an jeder Bestleistung hat er so viel Anteil wie ein Mechaniker in der Formel 1. Manchmal aber geht nichts mehr – oder es geht nur darum, ob man bereit ist, schwere Spätfolgen zu riskieren.

Der Rote Faden - 
Frankfurter im Porträt,
Societäts-Verlag 2015,
208 Seiten, Bildband,
€ 19,80 (D) / € 20,40 (A) / sFr 28,50 (CH), 
ISBN: 978-3-95542-147-2 Bild-Zoom
Der Rote Faden - Frankfurter im Porträt, Societäts-Verlag 2015, 208 Seiten, Bildband, € 19,80 (D) / € 20,40 (A) / sFr 28,50 (CH), ISBN: 978-3-95542-147-2
„Willst du mit 40 mit deinen Kindern noch auf einen Berg gehen können?“ Solche Fragen stehen dann im Raum. Manchmal war all die Schinderei umsonst, die Entbehrungen, die Disziplin, der Ehrgeiz, dieses eine große Ziel nicht aus den Augen zu lassen. Olympia, Weltmeisterschaft, Weltcups. Lauter Momente der Wahrheit. Gut möglich, dass der Sportler eine andere hat. Dass er die Schmerzen ignorieren will, die Signale, die der Körper aussendet. Manche dopen sich dann. Das ist so ein Grenzübertritt, den Johannes Peil nie mitgehen würde. Manchmal aber geht er gerade noch mit, weil er es gerade noch verantworten kann. „Die Abwägung von Belastung und Noch-Belastbarkeit ist in jedem Einzelfall schwierig“, sagt er. Er sagt auch: „Leistungssport ist nicht gesund.“

Johannes Peil und Michael Schumacher, das war, das ist auch die Geschichte von Freundschaft, von Vertrauen. Im August 2009 zeigte sich das besonders: bei einer Pressekonferenz in Genf, diesem „Moment der Wahrhaftigkeit“. Johannes Peil, Jahrgang 1954, geboren und aufgewachsen in Bad Nauheim, geschieden, drei Kinder, mehr Privates soll hier nicht stehen, ist spätestens seither bekannt als „der Leibarzt Michael Schumachers“. Der siebenfache Formel-1-Weltmeister sollte damals ein Comeback feiern, die Sportwelt fieberte darauf hin: Schumi wieder im Ferrari. Und das mit 40 Jahren. Aber es gab Zweifel: Würde der Körper des Kerpeners den Kräften, denen vor allem Nacken und Kopf ausgesetzt sind, standhalten können? Im Februar 2009 war Schumacher bei einem Motorradunfall gestürzt, wie schwer, war monatelang unklar gewesen. Und dann in Genf verkündete Michael Schumacher der Weltpresse, dass er vorerst nicht zurückkehren würde, dass er dem Rat seines Arztes folgen würde. Von der schwersten Entscheidung seiner Karriere sprach er.

Die Wahrheit

Nach ihm berichtete der Arzt, berichtete Johannes Peil, und Entsetzen machte sich breit im Saal. Die Verletzungen waren dramatisch gewesen, „die schlimmsten, die Michael je erlitten hat“. Schädelbasisbruch. Bruch des siebten Halswirbels. Bruch der ersten Rippe. Eine Arterie, die das Kleinhirn versorgt, beschädigt. Mit Glück hatte Michael Schumacher überlebt. Man findet diese Pressekonferenz auf Youtube. „Schauen Sie es sich an“, ruft Johannes Peil in die Leere seines Besprechungszimmers, „da ist mal die ganze Wahrheit gesagt worden.“

Was er damit auch sagt: Im Drama um Michael Schumachers Skiunfall 2013 wird die Wahrheit verschleiert. Er spricht das nicht aus. Die Causa ist nicht nur medizinisch kompliziert, auch juristisch. Koma, Hirnschäden, Lähmungen, Folgeschäden, dann totale Geheimhaltung, die Gerüchteküche brodelt, die Sensationspresse überbietet sich mit Hoffnungsschimmern und Schreckensmeldungen. Die Familie schottet sich ab, das Management wiegelt ab, die Bande zu alten Freunden, alten Vertrauten sind gekappt worden. „Da passieren Dinge…“, sagt Johannes Peil. „Würdelos“, das Wort rutscht ihm irgendwann heraus, dann seufzt er. Dann Pause. Für einen Augenblick verschlägt es ihm die Sprache. Bei einem wie ihm sagt das viel.

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Der rote Faden Das rote Band der Sympathie

Der Societäts-Verlag hat eine Porträtreihe aus der Frankfurter Neuen Presse aufgenommen: „Der rote Faden“ vereint 40 Frankfurter, die Großes geleistet haben.

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Er ist ja für gewöhnlich eher der redselige, rastlose Typ. Zur Begrüßung kommt er eiligen Schrittes in das Besprechungszimmer in der Frankfurter Sportklinik an der Otto-Fleck-Schneise, nimmt einen gleich mal von oben bis unten ins Visier, grummelt etwas von Haltung und kommt sofort zur Sache, Widerworte zwecklos. Der Journalist ist schon Patient, Demonstrationsobjekt, gutes oder schlechtes Beispiel, das wird sich weisen. „Jetzt stellen Sie sich doch mal entspannt und gerade hin“, sagt Johannes Peil, tastet Rücken und Schultern ab, zieht an den Armen, justiert Hüfte und Becken. „Sie haben Leistungssport gemacht, das merkt man“, sagt er – und schon steht man noch entspannter und gerader. „Genau so“, lobt Herr Doktor, ganz Motivator, und wendet sich der nächsten unfreiwilligen Patientin zu. Dass die Fotografin auf die verstreichende Zeit hinweist, überhört er.

Ist das jetzt übereifrig? Unangemessen? Gar übergriffig? Wie er da gerade die Fotografin zurechtbiegt, ist er womöglich auch einer, der die Freunde beim Abendessen zu rückenschonender Sitzhaltung ermahnt. Aber all das macht nichts, das stört nicht. Der Mann hat was: diesen Charme des Unverstellten. Man denkt: Sieh an, ein Orthopäde mit Feuer fürs Fach, mit Hingabe für den Menschen vor ihm. Solche gibt’s ja nicht so oft. Ein positiv Verrückter irgendwie. Den Eindruck mag sein Äußeres verstärken. Johannes Peil ist wahrlich nicht der Medizin-Professor, wie er im Buche steht. Eher könnte er der Bruder von Frank Zappa sein. Die Haare, graublond, wellig, angedeuteter Mittelscheitel, fallen ungebändigt bis zur Schulter. Der Schnauzer tendiert zum Wildwuchs. Dazu die markanten Züge im langen Gesicht, die lebhaften Augen, aus denen es mal vergnügt, mal streng blitzt, je nach Thema. Und die Themen wechselt er ohne Umschweife.

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