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Gastro-Kolumne: Ein Beduinendorf in der Stadt

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Ghani Bibaoune sitzt auf einem Kissen iunter einem Beduinenzelt auf dem Gelände des Ost-Sterns. Ghani Bibaoune sitzt auf einem Kissen iunter einem Beduinenzelt auf dem Gelände des Ost-Sterns.

Unter den Füßen knirscht feiner Sand. In jeder Himmelsrichtung stehen Beduinenzelte. Und gegen Abend tauchen Fackeln das ganze Areal in stimmungsvolles Licht. Was wie ein Beduinendorf im Herzen der Wüste wirkt, findet sich seit acht Wochen auf dem Gelände des Ost-Sterns. Das Kafila, so der Name des Gastro-Projekts im zeitlich begrenzten Kulturzentrum, ist Ghani Bibaoune zu verdanken.

Den gebürtigen Marokkaner dürften Liebhaber seiner Heimatküche noch aus dem Lala Mamoona kennen. „Das Lokal habe ich 2005 in einem früheren Klohäuschen auf der Zeil eröffnet.“ Damals hielt ihn mancher für verrückt, doch der Erfolg gab ihm recht. Ab 2011 betrieb er das Mamoona Cuisine, und zwar in den Räumen, die zuvor das Unity beherbergten. Durch den Umzug auf das 10 000 Quadratmeter große Grundstück in der Hanauer Landstraße steht ihm jetzt noch mehr Platz zur Verfügung, um seine Kultur zu vermitteln – und seine Geschichte zu erzählen.

Andrea Möller Bild-Zoom Foto: Salome Roessler
Andrea Möller

Denn die hat es in sich und reicht viele Generationen bis zu einer Sklavin namens Mamoona zurück. „Sie lebte in Oulad Berhil, einer Stadt am Fuße des Atlasgebirges“, erzählt Bibaoune. „Dort musizierte sie für den örtlichen Herrscher. Und bevor dieser starb, erbaute er ein großes Haus für sie, das er Lala Mamoona nannte.“ Jahre später, ihre Nachfahren lebten noch im gleichen Ort, packte ein Teenager seine Koffer, um in Frankfurt eine zweite Heimat zu finden. Er ist 1988 auf dem Flughafen gelandet und gleich zur Hanauer Landstraße gefahren, wo seine Eltern wohnten. „Die Straße hat mich quasi willkommen geheißen und bis heute nicht losgelassen“, sagt Bibaoune. „Sie hat mich geprägt, genauso wie Frankfurt.“ Hier absolvierte er auch eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Danach hat er bei Käfer’s gearbeitet sowie in den Restaurants von Thomas Klüber, den er als seinen Mentor bezeichnet.

2005 war es Zeit, sich selbstständig zu machen, und das Kafila by Lala Mamoona ist sein jüngstes Projekt. Dafür ließ er vom Rodgauer Badesee 380 Tonnen feinen Sand in die Hanauer Landstraße verfrachten. Hinzu kommen Beduinenzelte aus Marokko. „Sie wurden in aufwendiger Handarbeit gewebt und bestehen aus echtem Kamelhaar. Deshalb kann ihnen ein Regenschauer auch nichts anhaben.“ Berberteppiche, orientalische Sitzkissen und Öllampen sowie Palmen, die hier und da aus dem Sand zu wachsen scheinen, verleihen weiteres Lokalkolorit.

Von der herbeigezauberten Oase fühlt sich ein gemischtes Publikum angezogen: „Unser bisher ältester Gast ist 95 Jahre alt. Doch der Sand lockt auch viele Kinder an. Nicht zuletzt gibt es etliche Geschäftsleute, die bei uns abschalten möchten.“ Außerdem wollen sie marokkanische Gastfreundlichkeit inklusive der entsprechenden Spezialitäten genießen. In der offenen Küche reihen sich mehrere Tanjine aneinander, die traditionellen Kochgefäße nordafrikanischer Nomadenvölker. Die wahlweise mit Fleisch, Gemüse oder Couscous gefüllten Schmortöpfe (8 bis 14,50 Euro) stehen auf kleinen Kohlebecken. Siham Guerch, Bibaounes Schwägerin, achtet darauf, dass alles behutsam vor sich hin köchelt. „Lamm ist in 60 Minuten gar, Hähnchen bereits in 45 Minuten“, erklärt der Gastronom. Mit Harira (4 Euro) umfasst sein Angebot auch eine traditionelle marokkanische Suppe.

Gegen den kleinen Hunger oder als Vorspeise gibt es verschiedene kalte Gerichte wie wunderbar sämiges Hummus, würzigen Tomatensalat und Taboli oder Taboulé, eine pikante Mischung aus Petersilie, Minze und Bulgur (je 3 Euro). Das folgende Hähnchen ist so zart, dass es fast vom Knochen fällt. Durch Rosinen und karamellisierte Zwiebeln erhält es eine leicht süßliche Note. Mit aromatischem Tee aus frischer Minze lässt sich der Abend in der „Wüste“ beenden. Alkoholische Getränke sind derzeit nicht erhältlich. Doch das hat keine religiösen Gründe: „Ich muss lediglich einige Behördengänge machen“, so Bibaoune.

Und was geschieht mit dem Kafila, wenn die Tage kühler werden? Dann zieht die Karawanserei, so die Übersetzung des arabischen Wortes, in die benachbarte Halle – zumindest bis kommenden März. Dann sollen auf dem Gelände des Ost-Sterns sowohl Büros als auch Wohnungen entstehen. Macht aber nichts, denn Bibaoune hat bereits einen anderen Standort im Blick und plant sogar, mit seinem Konzept durch Deutschland zu touren.

 

Kafila by Lala Mamoona

Ostend, Hanauer Landstraße 121, Tel. 01577 8738677, www.kafila-mamoona.de, Di–So ab 18, Mo Ruhetag, Sitzplätze: 250 außen/200 innen, Küche: marokkanisch

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