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Zukunftsvision: Ein Blick ins Frankfurt von 2040

Saubere Luft in den Lungen, planschende Kinder im Main, und auf den autofreien Straßen zieht das gelassene Leben einer gerechten Arbeitswelt vorbei. So sieht es dereinst in Frankfurt aus – wenn die optimistischen Gesellschaftsforscher recht behalten.
Skyline Frankfurt Foto: Fabian Sommer/Illustration Skyline Frankfurt
Frankfurt. 

Freut euch. Für euch. Für eure Kinder, eure Enkel. Freut euch, dass sie in nicht mehr so ferner Zukunft – sagen wir: 2040 – da sein können, wo sie sein wollen. Zum Beispiel hier in Frankfurt, weil das ihre Heimatstadt ist, weil sie hier ihre Freunde haben, weil sie hier ihre Familie haben. Eben euch. Nichts und niemand kann sie mehr zwingen, ihre schöne Stadt zu verlassen, schon gar nicht die Lohnabhängigkeit. Und viel Zeit werden eure Kinder und Enkel 2040 haben, Zeit für sich, Zeit für euch. Wenn sie wollen. Behandelt sie ja gut heute! Freut euch. Ihr wohnt dann in einem Einfamilienhaus in der umfänglich und doch dezent betreuten Senioren-Wohngemeinschaft, im schmucken Haus mit Garten und dem Taunus vor der Tür.

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Der große Irrtum

An solchen Häusern für Senioren-Wohngemeinschaften oder auch Studenten-Wohngemeinschaften wird es nicht mangeln 2040. Die Stadt baut ja heute vor für die großen Bewegungen der Arbeitsgesellschaft in die wachsenden Metropolregionen hinein, Stadtteil an der A 5 und so. Alle rechnen hoch, wie viele Einwohner allein Frankfurt 2040 haben wird, weit mehr als 800 000 nämlich – vom Zustrom in die Region nicht zu reden.

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Und das, so werdet ihr 2040 wissen, ist der große Irrtum. Die Städte schrumpfen wieder, so leeren sich die hübschen Häuschen. Denn freut euch, 2040 sieht es so aus: Digitalisierung 8.0, Automatisierung, künstliche Intelligenz. Euer Haushaltsroboter in der Senioren-WG wird euch leise einen schönen Tag wünschen, weil er gelernt hat, dass ihr schreckhaft seid. Gebaut haben ihn die Roboter in der Roboter-Produktion des großen Roboter-Herstellers. Und da vielleicht, in der Fertigungsüberwachung, arbeitet einer eurer Enkel. Zehn Stunden die Woche. Mehr muss er nicht, um die Wertschöpfung zu mehren. Mittags fährt er in der voll automatisierten S-Bahn nach Hause und winkt seiner Schwester zu. Die arbeitet in der Stationsüberwachung auf der West-Tangente, 40 Stunden – im Monat. Mehr muss sie nicht, mehr müssen viele in vielen Branchen nicht mehr. Und deshalb kann jeder da wohnen, wo er will, deshalb sind die Metropolen nicht mehr der Nabel der Arbeitswelt und keine Metropolen mehr.

Nicht nur, aber auch deswegen habt ihr 2040 das Diesel-Fahrverbot längst vergessen, könnt ihr über solche Horrorvisionen wie „Verkehrsinfarkt“ und „Hypersmog“ nur noch lachen – und über den Kokolores der Verkehrspolitik anno 2018. Stellt euch kurz noch mal so dumm, wie wir heute sind – und folgende Frage: Wie flexibel ist wohl ein Schienennetz im Nahverkehr? 2040 werden wir die Antwort kennen, die kluge Verkehrsforscher heute schon wissen. Die West-Tangente werden wir dann als letztes Relikt der Planfeststellungsepoche begreifen. Denn das flexibelste Verkehrsnetz ist die Straße. Und freut euch: 2040 sind im Alltag kaum mehr Privatautos unterwegs, weil es ja viel weniger Arbeitsnomaden und Pendler gibt. Dafür fahren allüberall eng getaktet und bedarfsgerecht verteilt sehr bequeme und voll automatisierte Nahverkehrsbusse – mit Elektroantrieb. In den Hauptstraßen fahren sie, auf den Landstraßen und selbst auf den Autobahnen. Und über allen Wipfeln ist Ruh, weil auch kaum Flugzeuge mehr fliegen. Super-Schnellzüge bringen uns in vier Stunden nach Lissabon, nach Sankt Petersburg. Wir fliegen nur noch übern Teich. Und auch unter den Wipfeln ist Ruh’. Und Wipfel gibt es jede Menge 2040. Freut euch. Kein Dach ohne Garten, keine Straße ohne große Bäume mit dichten Kronen, die stille Drohnen mit Lasersägen und -scheren trimmen. Der Mann eurer Enkelin arbeitet vielleicht in der Landschaftspflege und döst im Schatten oder liest oder spielt Karten mit dem Kollegen von der Straßenreinigung, der seinen Feg-, Sprüh- und Schrubb-Roboter ab und an vor übermütigen Kindern schützen muss. Die toben auf den Spielstraßen und rasen mit ihren Rädern, Rollern und sonst was um die Ecken, weil noch jeder Stadtteil, ob Heddernheim, ob’s Nordend, zum Rennparcours sich eignet.

Oh je, Freiheit!

Ihr werdet es vielleicht manchmal bisschen ruhiger haben wollen auf eurer Lieblingsbank, wohin euch die jungen Leute führen, die einen guten Dienst an euch leisten. Freut euch. 2040 vereinsamt niemand, leidet niemand Not, kein Lahmer bleibt zu Hause gefangen, kein Dementer vegetiert vor sich hin. Die frei gewordene Produktionskraft der neuen Arbeitswelt wird in Sozialzeit umgerechnet, dafür gibt es ein Bürgergehalt – die Konsumkraft will auch dann noch strotzen.

Jeder leistet Sozialstunden in den Senioren-Wohngemeinschaften, in den Krankenhäusern, in Jugendprojekten in sozialen Brennpunkten – Quatsch! Das ist natürlich ein Wort aus dunklen Zeiten, also von heute. Denn freut euch: Brennpunkte gibt es nicht mehr 2040. Kindergärten sind top ausgestattet, Schulen sind top ausgestattet, an gutem Personal mangelt es nicht. Wahre Bildung ist wichtig. Wichtiger denn je. Schließlich arbeiten wir nicht mehr stupide und selbstentfremdet vor uns hin 2040. Wir haben viel Zeit für ein selbstbestimmtes Leben in unserem lebenswerten Frankfurt, Zeit füreinander, Zeit für Sinn und Verstand. Darum allerdings müssen wir uns selbst kümmern, mehr denn je! Wenn euch das nicht schreckt, dann freut euch wirklich.

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