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Die Woche im Römer: Ein Freifahrtschein für Eisenbahn-Reiner

Von Wann fährt seine Eisenbahn endlich wieder? Endgültig gelöst ist der Konflikt um Reiner Schaad nämlich noch immer nicht.
Normalerweise gehört eine Spielzeugeisenbahn zur Grundausstattung des 45-jährigen. Diese wurde jetzt von Mitarbeitern des Ordnungsamtes beschlagnahmt, was in der Stadt und den sozialen Netzwerken für Aufruhr sorgte. Foto: Boris Roessler (dpa) Normalerweise gehört eine Spielzeugeisenbahn zur Grundausstattung des 45-jährigen. Diese wurde jetzt von Mitarbeitern des Ordnungsamtes beschlagnahmt, was in der Stadt und den sozialen Netzwerken für Aufruhr sorgte.

Wann fährt endlich wieder die Eisenbahn? Nein, nicht die Deutsche Bahn. Die fährt sowieso, wenn auch häufig mit Verspätung. Gemeint ist die Spielzeugeisenbahn von Reiner Schaad, genannt Eisenbahn-Reiner. Die Beschlagnahmung der Arbeitsgeräte des Obdachlosen und die Wiederherausgabe durch Mitarbeiter des Ordnungsamtes beschäftigte in dieser Woche über Gebühr die Frankfurter Stadtpolitik und sorgte bundesweit für Wirbel in den Medien. Es ist wunderbar, in einem Land zu leben, das keine größeren Sorgen hat.

Endgültig gelöst ist der Konflikt aber noch immer nicht. Eisenbahn-Reiner hat zwar jetzt seine Eisenbahn zurück, doch er darf sie nicht in der Liebfrauenstraße an seinem gewohnten Platz aufstellen. Die vom Ordnungsdezernenten Markus Frank (CDU) angebotene Kompromisslösung, die Spielzeug-Eisenbahn vor der Kleinmarkthalle zu präsentieren, gefällt Eisenbahn-Reiner nicht. Da bleibt er weiterhin lieber als einfacher Reiner ohne Eisenbahn in der Liebfrauenstraße. Dort, so argumentiert er, habe er seine Stammkundschaft.

Bilderstrecke Eisenbahn-Reiner erhält seine Spielsachen zurück
Riesenrummel um "Eisenbahn-Reiner", den Frankfurter Obdachlosen, der seit Jahren bereits täglich in der Neuen Kräme in der Innenstadt seine Spielsachen ausstellt.Das Frankfurter Ordnungsamt hatte seine Spielsachen konfisziert, weil der 45-Jährige keine Genehmigung hatte.Nachdem sich Verkehrsdezernent Klaus Oeserling (SGD) und Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) für Reiner Schaad eingesetzt hatten, ruderten die Ordnungshüter zurück ...

Im Falle des Eisenbahn-Reiner lag ohnehin vonseiten der Ordnungsbehörden von Anfang an ein Missverständnis vor. Sie qualifizierten den 45-Jährigen einfach vorschnell als Bettler ab. Dabei versteht sich Eisenbahn-Reiner als Aussteller, was in einer Messestadt wie Frankfurt auf allgemeines Verständnis stößt und von den Passanten, also Reiners Kunden, honoriert wird, außer vom Ordnungsamt.

Thomas Remlein Bild-Zoom
Thomas Remlein
Möglicherweise ist Reiner sogar ein noch unentdeckter Aktions- und Performance-Künstler. Jedenfalls agiert Eisenbahn-Reiner als Geschäftsmann, was der Hinweis auf seine Stammkundschaft belegt. Selbstverständlich kann er den Firmensitz in der Liebfrauenstraße nicht ohne weiteres aufgeben. Im Geschäftsleben muss man sich zu behaupten wissen. Für nichts und wieder nichts von einer 1A-Lage in eine 1B-Lage abgeschoben zu werden, befördert die Geschäfte keinesfalls. Für Reiners Künstlerexistenz spricht, dass er eisern an seiner Ursprungs- eisenbahn festhält. Die Nutzung einer gespendeten, batteriebetriebenen, in einen Koffer eingebauten Spielzeugeisenbahn, lehnte er als „neumodisch“ ab. Man wechselt nicht mitten im Kampf um ein Bleiberecht die Züge. Das wäre so, wie wenn Lukas der Lokomotivführer seine Emma auf Lummerland durch eine Elektro-Lok austauschen würde. Undenkbar.
Bilderstrecke Der Verein Street Angel schenkt Reiner Schaad einen Eisenbahnkoffer
Der Wirbel um Eisenbahn-Reiner hält an. Am Donnerstag bekam er von Sabi Uski von der Obdachlosenhilfsorganisation StreetAngel e.V. ein besonders liebevoll ausgedachtes Geschenk ...... eine Eisenbahnanlage in einem Koffer!Bis zuletzt wurde in dem Büro der Streetangel an der mobilen Station getüftelt.

Reiners Beharrlichkeit spricht für einen ausgewiesenen Konzeptkünstler oder PR-Fachmann, von dem selbst Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) noch etwas lernen könnte. Normalerweise geht die Kunst nach Brot. Aber Reiner lässt sich eben nicht mit einer neuen Batterie-Lok kaufen. Er legt Wert auf handbetriebene Loks. Diese echte deutsche Wertarbeit unterscheidet ihn auch von den zahlreichen anonymen rumänischen Bettlerbanden ohne feste Firmensitze. Mit seiner Eisenbahn hat sich Reiner ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen. Mittlerweile haben sich Frankfurts regierende Stadtpolitiker mit dem Gedanken angefreundet, dass es sich beim Projekt des Eisenbahn-Reiner doch – wenn nicht um Kunst – so vielleicht um Kunstgewerbe handelt. Er kann nun einen Antrag auf eine Sondernutzungserlaubnis stellen, was ihm den Standort Liebfrauenstraße samt Eisenbahnbetrieb sichern würde. Eine abgefahrene Lösung, die Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD), Ordnungsdezernent Frank und natürlich Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) an der Spitze gemeinsam ausbaldowerten.

Gut möglich, dass Feldmann schon bald im Scheinwerferlicht der Kameras und Fotografen auf der Liebfrauenstraße dem Eisenbahn-Reiner den Freifahrtschein für seine weitere Berufsausübung überreicht. Und Reiners Spielzeuglokomotive freut sich mit einem kräftigen: Tut! Tut!

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