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Nebentätigkeit: Ein Job reicht in Frankfurt oft nicht mehr zum Leben

Von In Frankfurt werden im Schnitt sehr gute Gehälter gezahlt. Das gilt aber nicht für alle Arbeitnehmer. Immer mehr müssen sich etwas hinzuverdienen, weil ihr Einkommen nicht reicht. Die Zahl der Menschen mit zwei oder mehr Jobs hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt.
Symbolbild Symbolbild
Frankfurt. 

Peter-Martin Cox kennt das Problem der niedrigen Einkommen. Der Geschäftsführer Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) in der Region klagt: „Was ich erlebe ist, dass in der Systemgastronomie, den Fast-Food-Restaurants, Löhne von oft höchstens 9,52 Euro pro Stunde bezahlt werden.“ Da komme man auf 1600 oder 1700 Euro brutto. „Davon kann niemand leben“, sagte der Gewerkschafter und verweist auf die hohen Mieten und Lebenshaltungskosten in Frankfurt. Deswegen seien diese Arbeitnehmer darauf angewiesen, Nebentätigkeiten zu auszuüben, häufig 450-Euro-Jobs. Aber: „Da wird nichts in die Rentenkasse eingezahlt, auch nicht in die Krankenkasse.“ Später entstehe dann vielleicht Altersarmut. „Das sind keine Jobs, die man macht, damit man sich einen teureren Urlaub leisten kann“, so Cox.

Seit 2003 hat sich die Zahl der Arbeitnehmer mit Nebenjob in Frankfurt verdoppelt (siehe Grafik). Zu Beginn der Hartz-Reformen, als sogenannte geringfügig bezahlte Beschäftigungsverhältnisse aus der Steuer- und Sozialabgabenpflicht herausgenommen wurden, waren 24 557 Arbeitnehmer mit Nebentätigkeit in Frankfurt gemeldet. Bis 2017 ist diese Zahl auf 52 482 gestiegen. Das ein Plus von 112,9 Prozent, wie aus einer Übersicht der städtischen Statistik hervorgeht. Zugleich ist auch die Gesamtbeschäftigung gewachsen, doch längst nicht so stark. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist in den vergangenen 14 Jahren von 473 000 auf 565 000 gestiegen, eine Zunahme von 19,4 Prozent.

Verzicht auf Sozialbeiträge

44 447 der 52 482 Mehrfachbeschäftigten haben neben dem Hauptberuf einen sogenannten Minijob. NGG-Gewerkschafter Cox sieht das kritisch: „Die Arbeitnehmer fragen wohl gezielt nach solchen Jobs, weil da vom Brutto mehr übrigbleibt.“ Denn Steuern entrichtet pauschal der Arbeitgeber, Sozialabgaben sind freiwillig. „Entsprechend wird jedoch meist nichts in die Rentenkasse eingezahlt“, so Cox.

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Eine Veränderung habe sich ergeben, als Anfang 2015 der Mindestlohn eingeführt wurde. „Damals sind zunächst viele Minijobs in reguläre Beschäftigung umgewandelt worden“, so Cox. „Aber das hat sich wieder umgekehrt.“ Er nennt zwei Gründe: Zum einen werde die Einhaltung des Mindestlohngesetzes zu wenig kontrolliert, ein Verstoß dagegen sei für die Arbeitgeber risikoarm. Zum anderen fragen die Arbeitnehmer gezielt nach Minijobs, für die sie keine Sozialbeiträge zahlen müssen.

Die SPD-Stadtverordnete Kristina Luxen kritisiert dies ebenfalls und befürchtet „amerikanische Verhältnisse“: „In manchen Berufsgruppen ist die Bezahlung so schlecht, dass eine Arbeitsstelle nicht zum Leben reicht“. Der Mindestlohn habe an der Zunahme der Mehrfachbeschäftigungen nichts geändert. Zwei oder mehr Jobs zu haben, bedeute auch doppelte Wegezeiten und doppelte Einarbeitung. Diese Zeit fehle der Familie. Eine deutliche Erhöhung des Mindestlohns wäre laut Kristina Luxen eine Möglichkeit, den hohen Lebenshaltungskosten in Frankfurt gerecht zu werden.

Nicht alle, die eine geringfügige Beschäftigung ausüben, tun dies im Nebenjob. Anna Morales, Sprecherin der Agentur für Arbeit, nennt die aktuellsten Zahlen: 153 770 Menschen waren Ende 2017 in Frankfurt in Teilzeit beschäftigt, davon 80 476 im Minijob. 46 367 hatten nur diesen Minijob, 34 109 noch einen Hauptberuf. Zehn Jahre vorher waren dies noch knapp 24 000, bei insgesamt 68 000 geringfügig Beschäftigten.

Arbeit in den Randzeiten

Die meisten Neben- und Minijobs gibt es in der Gastronomie und im Reinigungsgewerbe. Einer der großen Anbieter ist der Gebäudereiniger Wisag. Eine Sprecherin erläutert: „Reinigungsdienstleistungen werden häufig in Randzeiten beauftragt. Es handelt sich um wenige Stunden sehr früh oder sehr spät am Tag. Das erlaubt es und macht es häufig auch notwendig, die Tätigkeit in Teilzeit oder als Minijob anzubieten.“ Das mache es für Menschen, die einen Zweitjob suchen, interessant. „Und es gibt immer noch viele Arbeitnehmer, die gezielt einen Minijob suchen“, so die Sprecherin. Bei Wisag sei deren Anteil jedoch leicht rückläufig.

Die Zahlen der Agentur für Arbeit erfassen zwei wichtige Gruppen nicht: Beamte und Selbstständige. Gerade Selbstständige jedoch würden sich in einem Nebenjob häufig etwas hinzuverdienen, weiß Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. „Viele von ihnen sind Kreative, Künstler oder Medienleute.“ Die Welt sei bunt, so Brenke. Es gebe auch besonders hoch qualifizierte Beschäftigte, die etwa Berater- oder Lehrtätigkeiten auf 450-Euro-Basis anbieten.

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