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Schulhund Ljus stärkt die Persönlichkeiten der Kinder: Ein Pädagoge auf vier Pfoten

In der Heinrich-Hoffmann-Schule gibt es jetzt einen vierbeinigen Kollegen: Schulhund Ljus ist ein Mal pro Woche im Einsatz. In der spielerisch gestalteten Schulstunde motiviert er Schüler, zu lernen, und stärkt wie nebenbei noch die Persönlichkeiten der Kinder. Ein Unterrichtsbesuch der etwas anderen Art.
Sind ein Herz und eine Seele: Ljus und der Schüler Paul. Bilder > Foto: Salome Roessler Sind ein Herz und eine Seele: Ljus und der Schüler Paul.
Niederrad. 

Wenn das Bild des Labrador-Collie-Terrier-Mischlings an der Tür des Klassensaals hängt, wissen alle Bescheid. Es ist natürlich keine Warnung vor einem bissigen Hund, es ist vielmehr für Lehrer wie Schüler das verbindliche Symbol für: „Ljus ist heute da. Wenn ich den Raum betrete, kann es sein, dass mir der quirlige Vierbeiner entgegenkommt.“

Wenn das der Fall ist, freut sich die Heinrich-Hoffmann-Schule. Die ist für Ljus, den zweieinhalbjährigen Rüden, seit Anfang des Jahres regelmäßiger Arbeitsplatz. Zusammen mit Frauchen Susanne Schmidt (51) bildet er ein Pädagogen-Team auf sechs Pfoten.

Die beiden kümmern sich im Moment um Paul*. Paul ist zwölf Jahre alt und Autist. Die wöchentliche Schulstunde von Paul und Ljus beginnt und endet immer mit den gleichen Ritualen: Am Anfang holt Paul dem Vierbeiner eine große Schüssel Wasser. Zum Schluss – nach allerlei Streicheleinheiten – muss sich Paul die Hände waschen, der Hygiene wegen, versteht sich.

Paul hat schon seit dem letzten Schuljahr ein Mal pro Woche Einzelunterricht mit Ljus, den man übrigens „Lüis“ ausspricht, und dessen Name aus dem Schwedischen kommt und „Licht“ heißt. Paul freut sich schon darauf, mit Ljus die Tricks zu üben, die er einstudiert hat. Wenn Paul ein Leckerli unter einem leeren Joghurtbecher versteckt, ist es für Ljus ein Leichtes, den Deckel mit dem Maul anzuheben und sich die Belohnung zu schnappen. Eine Schwierigkeitsstufe höher sind die in eine Decke eingewickelten Leckerlis. Diese sind selbst gemacht von Susanne Schmidts Mama – aus Mehl, Vollkornflocken und Leberwurst. „Gib’ ihm die nötige Zeit und Ruhe“, bittet Frauchen Schmidt. Paul beobachtet fasziniert. „Der kann die Leckerlis riechen“, stellt er fest. Ab und an ist Paul etwas nervös. Dann stampft er mit dem Fuß auf den Boden, und Ljus erschreckt sich. Das macht er nicht aus böser Absicht, es ist Teil seiner Krankheit.

Alle lieben Ljus

Die Geburtsstunde der Idee, dass Susanne Schmidt ihren Vierbeiner zum Schulhund ausbilden lässt, geht zurück auf Ljus’ Vorgänger, ein reinrassiger Labrador, der bei Spaziergängen von jedem geliebt wurde. „Ich habe gemerkt, dass selbst die Menschen, die eigentlich Angst vor Hunden haben, positiv auf Labradore reagieren“, erzählt Schmidt. „Ich bin ständig angesprochen worden, was für einen netten Hund ich hätte.“ Und weil Susanne Schmidt Förderschullehrerin mit Leib und Seele ist, hat sie angefangen zu recherchieren. Über das Thema Tiergestützte Pädagogik. Über die Einsatzmöglichkeiten von Schulhunden. Über die Ausbildung in und um Frankfurt. Schließlich haben die beiden angefangen, die Hundeschule „Schnauzenwelt“ im hessischen Riedstadt zu besuchen. Und da wird durchaus nicht jeder genommen. „Die Anforderungen sind hoch. Wenn die Verantwortlichen den Eindruck haben, das Team aus Hund und Hundeführer passt nicht zusammen, lehnen sie die Ausbildung durchaus auch ab“, erzählt Schmidt.

„Der Hund hört auf mich!“

Doch zurück in den Klassenraum: Zwischen den Übungen braucht Ljus auch mal eine Pause. Außerdem gibt es für Paul auch einen Theorieteil. Heute geht es um das Ding, das der Hund umgebunden bekommt, wenn er Gassi geht. „Seil“, ruft Paul. Nicht ganz. „Band?“, fragt er. „Leine“, sagt Schmidt und schreibt das Wort an die Tafel. Paul soll es abschreiben und in die Skizze eines Hundes einzeichnen. Was banal klingt, ist für den Autisten wichtig: Er lernt Fachbegriffe rund um den Hund und erhöht so seine Kompetenz im Bereich Deutsch. „Mindestens genauso wichtig für die Kinder ist aber die Erfahrung: ,Der Hund hört auf mich’“, erklärt Schmidt. „Oft ist das für Kinder das erste Erlebnis dieser Art.“ Das sei wichtig für die Persönlichkeit der Kinder. Und tatsächlich: Man sieht Paul die Freude an, wenn Ljus einen seiner Befehle tatsächlich ausführt. Eines hingegen ist Ljus nicht: ein Therapie- oder Begleithund.

Diese Abgrenzung ist Susanne Schmidt wichtig. Die Ärzte der Kinder, die schlussendlich entscheiden, ob die Kinder die wöchentliche Stunde mit Ljus genehmigt bekommen, sind alle hellauf begeistert. Und auch innerhalb des Kollegiums der Heinrich-Hoffmann-Schule bekommt das Hunde-Team überwiegend positive Resonanz, abgesehen von einigen wenigen Skeptikern.

Schmidt will es ganz langsam angehen lassen. Frauchen und Hund sind im Partnerlook – Schmidts Hose ist so schwarz wie Ljus’ Fell, ihre Schuhe und ihr Hemd so rot wie sein Halsband. Ja, sie könne sich schon vorstellen, dass Ljus eines Tages einen ganzen Vormittag kommt und Schulstunden hält. Bis dahin erfreut sich erst einmal Paul an dem Vierbeiner. Und wenn er dann freitags weg ist, von seinem Taxi abgeholt, das ihn immer nach Hause beringt, denkt sich Schmidt: „Jetzt ist seine Grenze erreicht; die Aufmerksamkeitsspanne fast am Limit. Aber er hat den Klassenraum so strahlend verlassen, der war so glücklich – das ist der schönste Lohn für all die Mühen.“

 

* Name von der Redaktion geändert

 

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