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Hilfsprojekt: Ein Tütchen Hoffnung

Von Die Start-Up-Gründer Mohammad Mehdi Balutsch und Müslüm Örtülü wollen afghanischen Frauen ein unabhängiges Leben ermöglichen. Dafür setzen sie auf das teuerste Gewürz der Welt: Safran. Von Frankfurt aus soll es in alle Welt verkauft werden.
Mohammad Mehdi Balutsch und Müslüm Örtülü präsentieren stolz den afghanischen Safran, den sie in Deutschland auf den Markt bringen wollen. Für eines der Tütchen verlangen sie 150 Euro – das liegt deutlich unter dem eigentlichen Marktpreis. Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA Mohammad Mehdi Balutsch und Müslüm Örtülü präsentieren stolz den afghanischen Safran, den sie in Deutschland auf den Markt bringen wollen. Für eines der Tütchen verlangen sie 150 Euro – das liegt deutlich unter dem eigentlichen Marktpreis.
Frankfurt. 

Mohammad Mehdi Balutsch (31) kramt ein zwanzig-Gramm-Tütchen voll Hoffnung aus seiner Tasche. Die rötlichen Fäden darin riechen aromatisch-bitter. Ein Gütesiegel. Diesen Safran will Balutsch schließlich für 150 Euro verkaufen. Normalerweise müsste er noch mehr verlangen. In der Kleinmarkthalle kostet dieselbe Menge des Gewürzes mindestens 200 Euro. Aber er will sein Produkt endlich an den Mann bringen. „Ich habe es dem Bauern in Afghanistan versprochen“, sagt er. Vom Verkauf hängt dessen Zukunft ab – und die der Frauen, die für ihn arbeiten.

Balutsch und sein Jugendfreund Müslüm Örtülü (30) haben das Start-Up-Unternehmen „Saffron Collective“ gegründet. Auf den zweiten Blick entpuppt es sich schnell als verkapptes Hilfsprojekt. Mehrere tausend Euro steckten die Frankfurter in den Safrananbau eines Bauern aus der afghanischen Provinz Herat. Die Jungunternehmer wollen ihn dabei unterstützen, sich in dem vom Terror gebeutelten Land eine wirtschaftliche Zukunft aufzubauen. „Er kann jetzt mit Deutschland Handel betreiben“, erklärt Balutsch. „Das hilft ihm mehr als irgendwelche Fördergelder, die gar nicht erst ankommen.“

Getrockneter Krokus

Die Idee, den Safran aus dem Heimatland seiner Eltern zu vermarkten, war dem Deutsch-Afghanen während der Flüchtlingskrise 2015 gekommen. Damals dolmetschte er in einer Notunterkunft in Oberursel. Safran ist aus der afghanischen Küche nicht wegzudenken. Die Einheimischen würzen hauptsächlich ihren Reis, aber auch Süßspeisen oder Gulasch mit der getrockneten Krokusblüte. Berühmt sind für den Anbau trotzdem eher der Iran oder Spanien. „Die Afghanen haben es auf dem Markt schwer, es fehlt Vertrauen, weil das Land als unsicher gilt“, sagt Müslüm Örtülü. Darin sahen sie ihre Chance: Was, wenn das hochwertige Gewürz aus Afghanistan plötzlich von einem deutschen Unternehmen verkauft würde?

In der Nieder-Eschbacher Wohnung von Balutsch lagern deshalb gleich zwei Kilogramm der Edelfäden, die er in Afghanistan abgeholt hat. Marktwert: Mindestens 15 000 Euro – der Preis variiert je nach Qualität. „Unser Produkt hat beim Labortest die Höchstwertung erzielt“, versichert Balutsch. „Aber wir haben bislang kaum etwas verkauft.“ Das könnte einerseits an der Verpackung liegen, glaubt er. Denn zwanzig Gramm Safran reichen einem deutschen Haushalt für ein oder zwei Jahre. Andererseits müssen die Gründer um jede Minute ringen, die sie in ihr ambitioniertes Projekt stecken können. Balutsch studiert Medizin und arbeitet in der Radiologie des Sankt Katharinen-Krankenhauses. Örtülü ist einer Abgeordneten in ihr Bundestagsbüro nach Berlin gefolgt.

Perspektive schaffen

Das Safran-Geschäft ziehen sie nebenbei auf. Trotzdem haben sie eine große Vision: Langfristig wollen sie den afghanischen Safran in aller Welt bekanntmachen. Nicht um Profit daraus zu schlagen, wie sie betonten, sondern um den Afghanen eine Perspektive in ihrer Heimat aufzuzeigen – und so indirekt Fluchtursachen zu bekämpfen.

„Niemand verlässt seine Heimat gern“, sagt Balutsch. Seine Familie flüchtete vor mehr als 25 Jahren nach Deutschland. Aus Angst vorm Terror der Taliban. Das Medizinstudium habe er auch begonnen, um einmal als Arzt nach Afghanistan gehen zu können. „Aber ich wollte nicht nur einmal hinfliegen, helfen und wieder gehen. Ich wollte etwas Nachhaltiges schaffen.“ Vor allem für afghanische Frauen, die es ohne Mann oft schwer hätten, für sich und ihre Kinder zu sorgen.

Ihren Gewürzlieferanten haben die Start-Up-Gründer auch deshalb ausgewählt, weil er auf seinen Feldern fünf Frauen beschäftigt. Im Frühjahr 2016 reisten die Freunde über Kabul nach Herat an die iranische Grenze, um sein Dorf zu besuchen. Wie es heißt, dürfen sie nicht verraten. Die paar Dutzend Bewohner haben Angst vor Repressionen. Auf der Autofahrt dorthin wurde die Reisegruppe beschossen.

Vor Ort inspizierten sie die Krokusfelder und sahen, wie Safran aufwendig per Hand hergestellt wurde. Eine Blüte reicht gerade für zwei, vielleicht drei Fäden. Für eine Tüte musste der Bauer also mehr als 300 Blüten opfern. Sie versprachen ihm, so viel davon zu verkaufen, dass er nie wieder Mohn anbauen muss, um es zum Rauschmittel Opium weiterzuverarbeiten. Im Gegenzug willigte er ein, den Frauen weiter Arbeit zu geben. „Wir haben unser Geschäft mit einem Handschlag besiegelt“, erklärt Balutsch. „Der ist in Afghanistan mehr wert als jeder Vertrag.“

Balutsch und Örtülü hoffen, den Frauen zu helfen, sich wirtschaftlich zu emanzipieren. Ihre Vision geht weit über das Dorf in Herat hinaus: „Der Bauer könnte ein Vorbild werden“, sagt Balutsch. „Und indem wir den Frauen Zugang zum Arbeitsmarkt verschaffen, können wir vielleicht den Teufelskreis der Armut durchbrechen.“ Vielleicht, so der verhaltene Glauben, könnten die Frauen irgendwann ihr eigenes Feld bebauen.

Im Herbst wollen die Freunde noch einmal nach Afghanistan reisen, um dort mit Entwicklungsorganisationen zu bereden, wie sie beim Safranhandel zusammenarbeiten könnten. Sie träumen davon, irgendwann eine Schule in Afghanistan zu bauen. Bis dahin suchen sie nun aber in Deutschland nach einem Großabnehmer, der ihnen doch noch ihre Tütchen voll Hoffnung abkauft.

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